
- Dr. Uwe Roendigs, Weilburger Tageblatt
Fragebogen 10/2007
Wovon handelte Ihr erster Artikel?
Vom Umbau des Stader Kreiskrankenhauses Anfang der 80er Jahre. Ein schleimiger Geschäftsführer wollte mich richtig einseifen. Das Millionen-Projekt habe ich dann als Zweispalter verkauft. Auftrag des Redakteurs: Fotografier‘ doch mal die ganze Ödnis des Eingangsbereichs.
Von welcher Story träumen Sie noch heute schlecht?
Ich träume wenig, und wenn, dann nicht von schlechten Geschichten. Eines hab ich mir zur Regel gemacht: Soweit es geht, nicht mehr als drei juristische Verfahren am Laufen zu haben.
Worauf könnten Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten?
Einen unaufgeräumten Schreibtisch.
Woher holen Sie sich Ideen für gute Geschichten?
Aus Gesprächen. Es lohnt sich: den Leuten Zeit lassen, in der sie ihre Themen anbringen können. Erstaunlich auch: Ist die Zeitung erst einmal dafür bekannt, dass sie sich zum Anwalt der Leser macht, dann kommen die Leser mit ihren Geschichten von allein. Garantiert.
Eine Stunde vor Redaktionsschluss bricht ein Artikel weg. Was machen Sie?
Macht absolut nichts. Es gibt immer die zweitwichtigste Geschichte, die nach vorn rückt. Flexibel arbeiten, modular spiegeln – da kann gar nichts schief gehen.
Das Thema „Kaninchenzüchterverein“ steht wieder an. Welche Tipps geben Sie dem Praktikanten, damit eine interessante Geschichte daraus wird?
Erstens: Bild dir bloß nicht ein, dass du auf diese Leute herabgucken kannst, die sind wichtiger als du. Versaust du diesen Artikel, schreibst Namen von Lieblingshäschen falsch, kann das Abonnenten kosten. Zweitens: Mach ein schönes Tier-Bild, als wärst du selbst der Züchter. Drittens: Frag nach Tipps, die deine (jungen) Leser inte-ressieren könnten.
Welche Geschichte in Ihrem Blatt war in jüngster Zeit besonders gelungen?
Reden wir von einer Serie: Seit einem halben Jahr machen wir in jeder Sonntagsausgabe ein fast Seiten füllendes Porträt. Das sind tolle Leute, tolle Geschichten, es macht riesig Spaß, sie zu schreiben.
Welche Story sorgte für den größten Wirbel bei den Lesern?
Chefarzt verweigert Notfall-Patienten Hilfe! Da wurde im Sommerloch eine Lawine ausgelöst, ethische Debatte inklusive.
Was ist derzeit der wichtigste Trend im Lokaljournalismus?
Die Rückbesinnung auf tiefgründige Recherche. Klar sind Online und Vernetzung mit neuen Nachrichtenkanälen wichtig. Aber in vielen Lokalredaktionen ist ein neues Qualitätsbewusstsein entstanden, das sagt: Wir dürfen unsere Leser nicht weiter mit dem nichts sagenden, einschläfernden, unkritischen, halbherzig aufbereiteten Einerlei à la „Unser Dorf soll schöner werden“ verdummen.
Das schönste Kompliment für einen Zeitungsmacher ist?
Das haben Sie kritisch aufgearbeitet. Bleiben Sie dran.
Warum lesen Sie die drehscheibe?
Es steht drin, was abgeht in Lokalredaktionen.
Dr. Uwe Roendigs
ZEITUNG: Weilburger Tageblatt
POSITION: Redaktionsleiter
GEBOREN: 1962
WERDEGANG: Volontär und Redakteur beim Stader und Buxtehuder Tageblatt, Redakteur beim Wiesbadener Kurier; Redaktionsleiter Oldenburgische Volkszeitung, seit 2006 Weilburger Tageblatt
TELEFON: (06471) 93 80 28
E-MAIL: u.roendigs@mittelhessen.de


