Josephine von Zastrow, Lübecker Nachrichten

Fragebogen 09/2007

Wovon handelte Ihr erster Artikel?
Der Klassiker: „Hier, schreib mal den Geschäftsbericht des Roten Kreuzes zusammen.“ Am Ende war meine stolze Überschrift: Rotes Kreuz schreibt rote Zahlen. Was zwar im Ganzen betrachtet stimmte, doch gerade diese Jahresbilanz wies leider erstmals schwarze Zahlen aus. Ein ehrenwerter Kollege nahm den wütenden Anruf des Geschäftsführers entgegen.


Von welcher Story träumen Sie noch heute schlecht?
Leider von vielen. Aber dafür immer nur eine Nacht.


Worauf könnten Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten?
Auf meine Entrüstung über die Tatsache, dass mein Text meist besser wird – wenn ihn jemand anders redigiert.


Woher holen Sie sich Ideen für gute Geschichten?
Von Informanten: jeden Tag zwei anrufen. Aus den Bürgerschaftsunterlagen: dröge, aber voller Geschichten. Aus der Stadt: einfach gucken. Aus der Redaktion: mit Kollegen streiten, was wichtig ist. Oder: aufschreiben, was man schon immer mal in seiner Lokalzeitung lesen wollte.


Eine Stunde vor Redaktionsschluss bricht ein Artikel weg. Was machen Sie?

Endlich die Geschichte aufschreiben, die ich seit Tagen nicht von meinem Block in die Tastatur tippe, weil der tagesaktuelle Druck als Motivationsstütze fehlte.


Das Thema „Kaninchenzüchterverein“ steht wieder an. Welche Tipps geben Sie dem Praktikanten, damit eine interessante Geschichte daraus wird?
Such Dir das Tier mit den krummsten Löffeln und schiefsten Zähnen aus – und mach mit ihm ein Interview über das Leben hinter Gittern.


Welche Geschichte in Ihrem Blatt war in jüngster Zeit besonders gelungen?

Ein Schmankerl am Rande: Eine kleine Polizeimeldung, in der stand, dass ein Beamter bei einem Einsatz von einem Iltis tätlich angegriffen und in den Finger gebissen wurde. Der Polizist wurde eine Woche krank geschrieben, das Tier konnte entwischen. Unsere Produzenten veröffentlichten dazu ein Iltis-Foto als Täterbild – mit schwarzen Balken über den Augen.


Welche Story sorgte für den größten Wirbel bei den Lesern?
Als unsere Zeitung am Erscheinungstag des fünften Harry-Potter-Buches „Der Orden des Phönix“ die wichtigste Nachricht abdruckte: Den Namen der Romanfigur, die im Buch auf Seite 945 sterben würde. Die Empörung kannte keine Grenzen. Mehr Leser-Reaktion geht nicht.


Was ist der derzeit wichtigste Trend im Lokaljournalismus?
Inhaltlich: Orientierung geben, Zusammenhänge erklären – und gleichzeitig schneller und online sein. Strukturell: Immer weniger feste Verträge für immer mehr Leute.


Das schönste Kompliment für einen Zeitungsmacher ist?
Über diesen Sch..... habe ich mich mächtig aufgeregt.


Warum lesen Sie die drehscheibe?

Gucken, was andere besser machen.

 

 

Josephine von Zastrow
ZEITUNG: Lübecker Nachrichten
POSITION: Redakteurin im Lokalen Lübeck, zuständig für Lokalpolitik
GEBOREN: 1974
WERDEGANG: Studium der Kulturwissenschaften, 2001 Volontariat (Hildesheimer Allgemeine Zeitung), seit 2003 bei den Lübecker Nachrichten.
TELEFON: (0451) 1 44 22 90
E-MAIL: josephine.von.zastrow@ln-luenbeck.de

 

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