Ulrike von Weelden, Viernheimer Tageblatt

Fragebogen 04/2007

Wovon handelte Ihr erster Artikel?
Meine Empörung in der Schülerzeitung über „Schleimer“, die den Lehrern die Tür aufhalten, wurde in einer Lehrerkonferenz zum Anlass genommen, um über Zensur nachzudenken.


Von welcher Story träumen Sie noch heute schlecht?
Der „Verriss“ über eine Fastnachtsveranstaltung, den ich zwar mit „diebischem“ Vergnügen redigiert hatte, aber den närrischen Akteuren und Teilnehmern sauer aufstieß. Merke: Respektiere die Menschen und beschimpfe niemals ihren Geschmack.


Worauf könnten Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten?
Wenn ich an einer Geschichte recherchiere und bei der Bitte um Stellungnahme höre: Ich verstehe überhaupt nicht, wo hier ein öffentliches Interesse vorliegt.


Woher holen Sie sich Ideen für gute Geschichten?
Neben der klassischen und immer noch bewährten Methode „Augen und Ohren offenhalten“ hilft mir bei einer Kreativitätsflaute meine Handtasche. Was da alles an vergessenen Zetteln, alten Zeitungsausrissen, witzigen Ansichtskarten, skurrilsten Gegenständen, vom Nähzeug über Pflaster bis zum Taschenmesser, zu Tage kommt. Sofort fallen mir mindestens drei Themen ein.


Eine Stunde vor Redaktionsschluss bricht ein Artikel weg. Was machen Sie?
Teamwork: Ich bitte die Kollegen um Unterstützung. Wenn gar nichts geht, „klaue ich bei mir selbst“, indem ich schaue, was vor einem Jahr Aufmacher war oder zu diesem Thema bereits geschrieben worden ist.


Das Thema „Kaninchenzüchterverein“ steht wieder an. Welche Tipps geben Sie dem Praktikanten, damit eine interessante Geschichte daraus wird?

Ich bitte ihn, genau auf das zu hören, was nicht „laut“ gesagt wird. Gerade die eng mit dem Ort verbundenen „alten Hasen“ plaudern ganz gern über Missstände, die es früher so natürlich nicht gab, oder den neuesten „Dorftratsch“.


Welche Geschichte in Ihrem Blatt war in jüngster Zeit besonders gelungen?

Der Bericht über einen lokalen Metzgermeister, der mit 65 Jahren ohne Fremdsprachenkenntnisse für ein Jahr nach Südkorea ging, um dort in einer Fabrik deutsche Wurst- und Fleischspezialitäten herzustellen.


Welche Story sorgte für den größten Wirbel bei den Lesern?

Eine Reportage über den Freiwilligen Polizeidienst, bei dem die Ehrenamtlichen vergeblich professionelle Hilfe durch die Berufspolizei anforderten.


Was ist derzeit der wichtigste Trend im Lokaljournalismus?
Dem Leser eine Stimme zu geben, damit seine Wünsche bei der „Produktentwicklung“ mit einfließen.


Das schönste Kompliment für einen Zeitungsmacher ist?
Wenn ein Kleintierzüchter aus der Brusttasche seines Blaumanns einen zerfledderten Artikel entfaltet und jedem glückselig strahlend erzählt: „Meine Hasen sind die Schönsten, sonst wären sie nicht in der Zeitung.“


Warum lesen Sie die drehscheibe?
Um das Staunen nicht zu verlernen. Ich bin immer aufs Neue über die Vielfalt der Möglichkeiten fasziniert, mit dem Leser in den Dialog zu treten.

 

 

Ulrike van Weelden
ZEITUNG: Viernheimer Tageblatt
POSITION: Leitung Lokalredaktion
GEBOREN: 1958
WERDEGANG: Ausbildung bei der Braunschweiger Zeitung, Biologiestudium, Bild der Frau, Hockenheimer Rundschau, stellv. Chefredakteurin Badische Anzeigenzeitung, Lokalchefin Speyerer Morgenpost.
TELEFON: (06204) 96 66 60
E-MAIL: redaktion@viernheimertageblatt.de

 

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