Lothar Mahrla, Märkische Allgemeine

Fragebogen 09/2006

Was war für Sie im Juli die wichtigste Nachricht und warum?
Die friedliche Fußball-WM mit dem völlig unerwarteten deutschen Imagewechsel: keine No-go-Areas, keine unsicheren Stadien, keine Prostituierten-Schwemme, keine Hooligans, dafür schwarz-rot-goldene Euphorie ohne Nebenwirkungen. Zum Glück haben die Medien mit ihren Prognosen wieder mal danebengelegen.


Worüber haben Sie sich in den Medien am meisten geärgert?

Über die Auswüchse des so genannten Bürgerjournalismus. In Bild sieht man täglich, wie leicht sich 500 Euro verdienen lassen (Polizist im Auto mit Handy am Ohr) und in der FAZ vom 25. Juli war nachzulesen, wie der Leser-Reporter zu einem guten aktuellen Foto kommt: Ganz langsam an der Unfallstelle vorbeifahren und aus dem Fenster heraus fotografieren. Voyeure und Denunzianten an die Jornalistenfront!


Welche Geschichte in Ihrem Blatt war besonders gelungen?

Die Geschichte über eine hochbegabte junge Brandenburgerin, die von der „Bayerischen Eliteakademie“ umworben wird, sich aber lieber um die Bildung von 200 mittellosen Kindern in brasilianischen Favelas kümmert.


Welche Story sorgte jüngst für den größten Wirbel bei den Lesern?

Ein Beitrag über die Abzocke bei Verkehrskontrollen, weil die Polizei finanzielle Vorgaben zu erfüllen hat.


Was ist derzeit der wichtigste Trend im Lokaljournalismus?

Wichtigster Trend ist der Bürgerjournalismus. Es gibt viele neue Ideen, die Leser-Blatt-Bindung zu verbessern und die Kompetenz der Leser zu nutzen. Allerdings sollte man dabei auch die Gefahren im Blick haben (siehe oben) und den nicht unbeträchtlichen Betreuungsaufwand, wenn es keine Qualitätsverluste geben soll.


Woher holen Sie sich morgens Ihre ersten Informationen?

Aus dem Info-Radio des RBB und aus der Bild-Zeitung. Dann folgen die überregionalen und alle Berliner und Brandenburger Zeitungen.


Schalten Sie Ihr Handy auch mal ab?

Das Handy ist nur an, wenn ich unterwegs bin.


Von welcher Story träumen Sie noch heute schlecht?
Beim Concorde-Absturz war ein Potsdamer Ehepaar unter den Toten. Ein Kollege hatte Reaktionen von Nachbarn eingeholt, die äußerten sich leider sehr unfreundlich über „die neureichen Millionäre“. Wegen des drängenden Andrucks konnte ich den Beitrag nur unzureichend entschärfen und musste dann drei Wochen lang Beschimpfungen von empörten Lesern über mich ergehen lassen.


Worauf könnten Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten?

Am ehesten könnte ich auf ausschließlich interessengeleitete Beschwerden von Lesern oder Politikern verzichten.


Das schönste Kompliment für einen Zeitungsmacher ist?

Das schönste Kompliment bisher: Ich kann mir einen Tag ohne Ihre Zeitung gar nicht mehr vorstellen.


Ich lese die drehscheibe, weil ...
... sie mir die eigene Recherche nach Beispielhaftem erspart.

 

 

Lothar Mahrla
ZEITUNG: Märkische Allgemeine, Potsdam
POSITION: Stellvertretender Chefredakteur
GEBOREN: 1953
WERDEGANG: Dipl.-Ingenieur. Seit 1994 stellv. Chefredakteur der Märkischen Allgemeinen in Potsdam, davor u.a. Assistent der Geschäftsführung beim Berliner Tagesspiegel.
PRIVAT: verheiratet, zwei Kinder
TELEFON: (0331) 2 84 02 02
E-MAIL: lothar.mahrla@MAZonline.de

 

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