
- Helmut Frangenberg, Kölner Stadt-Anzeiger
Fragebogen 12/2007
Wovon handelte Ihr erster Artikel?
Ein echter Klassiker im Anzeigenblatt-Journalismus: Ein Besuch bei Wildschweinen und Rotwild im Kölner Königsforst. Ich war 15 und unglaublich stolz.
Von welcher Story träumen Sie noch heute schlecht?
Ein Albtraum, verewigt auf einer Seite Eins des Lokalteils: ein Text über den Streit um ein Kunstwerk von Gerhard Marcks, der die "Familie des verstorbenen ehemaligen Stollwerck-Besitzers Hans Imhoff" in Rage brachte. Als der Artikel erschien, wurde die Aufregung um die Bronzefigur von einer viel größeren in den Hintergrund gedrängt: Kölns Ehrenbürger Imhoff lebte! Während ich meine Kündigung erwartete, nahm's der angeblich Verstorbene auf kölsche Art gelassen: "Besser so als anders rum. Sauer werde ich, wenn Sie schreiben, dass ich lebe, wenn ich wirklich tot bin."
Worauf könnten Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten?
Auf die viele Dummheit, die einen nicht nur umgibt, sondern über die man auch noch gelegentlich schreiben muss.
Woher holen Sie sich Ideen für gute Geschichten?
Die besten Geschichten erzählen Leser, für die man sich Zeit nimmt.
Eine Stunde vor Redaktionsschluss bricht ein Artikel weg. Was machen Sie?
Einen anderen schreiben.
Das Thema "Kaninchenzüchterverein" steht wieder an. Welche Tipps geben Sie dem Praktikanten, damit eine interessante Geschichte daraus wird?
Dieser Verein ist so legendär und oft zitiert, dass man ihm mal ein ausführliches Porträt widmen müsste. Der Praktikant wird sich eine andere Aufgabe suchen, weil ich selbst hinfahre und anschließend 200 Zeilen über diesen berühmten Verein, den kaum einer bislang wirklich gesehen hat, schreiben werde.
Welche Geschichte in Ihrem Blatt war in jüngster Zeit besonders
gelungen?
Ein Fotograf der Lokalredaktion hat den Nordirak bereist und tolle Bilder jenseits der üblichen Agenturfotos mitgebracht. Wir haben für den Politikteil eine Doppelseite mit Bildern und einem Reisebericht über diesen Teil Kurdistans gemacht, der belegt, dass die Welt anders ist, als Politiker und selbst ernannte Experten uns glauben machen. Es lohnt immer, genauer hinzuschauen – und den "Offiziellen" zu misstrauen.
Welche Story sorgte für den größten Wirbel bei den Lesern?
Wir sorgen permanent für Wirbel. Zum Wesen des Kölners gehört, dass er sich mit Leidenschaft und sehr lautstark über alles und jeden aufregen kann. Da hat man's als Journalist leicht: Moscheebau, Verschwendung, Staus, Klüngel - und wenn die Zeiten mal mau sind, machen wir ein Interview mit dem Düsseldorfer Oberbürgermeister.
Was ist derzeit der wichtigste Trend im Lokaljournalismus?
Mehr Alltagsleben, weniger Politik-"Begleitung": Weg von der Chronistenpflicht und stattdessen den Gesprächswert von Themen und Geschichten zum entscheidenden Kriterium machen - und dazu Service, Service, Service.
Das schönste Kompliment für einen Zeitungsmacher ist?
...ein bisschen was bewegt zu haben.
Warum lesen Sie die drehscheibe?
Der Blick über den Tellerrand bringt Anregungen für eigene Geschichten.
Helmut Frangenberg
ZEITUNG: Kölner Stadt-Anzeiger
POSITION: Redakteur
GEBOREN: 1966
WERDEGANG: Nach dem Studium (Geschichte, Germanistik, Politologie) Volontariat bei "Radio Köln", anschließend Redakteur und Redakteur vom Dienst (1994-1999), dann Redakteur bei der Kölnischen Rundschau, seit 2005 in der Lokalredation des Kölner Stadt-Anzeiger, außerdem Krimiautor, Moderator und Karnevalspräsident.
Telefon: (0221) 2 24 22 26
E-Mail: Helmut.Frangenberg@mds.de


