Dirk Lübke über "Politik neu denken"

 

Herr Lübke, was macht das Kitzinger Pilotprojekt des bpb-Lokaljournalistenprogramms "Politik neu denken" für sie als
Chefredakteur so interessant?

Die Verknüpfung zwischen Politik und Professionalisierung. Bei Regionalzeitungen wächst die Erkenntnis, mehr crossmedial arbeiten zu müssen. Redakteure sind jedoch in weiten Teilen dazu noch nicht ausgebildet. Sie waren bisher auf Print, vielleicht Foto fixiert – allenfalls noch mit einer Online-Nachricht belastet – und müssen jetzt beim Themenplanen und Nachrichtenauswählen schon fähig sein, auch andere Medienkanäle filmisch, tonmäßig, textlich,  fotografisch einzubeziehen und deren Bedienung zu organisieren. Das haben wir bei diesem Seminar erprobt: Anhand der Oberbürgermeisterwahl hier in Kitzingen.

 

Dirk Lübke, Chefredakteur der Zeitungsgruppe Lahn Dill

Was nehmen Sie aus dem Seminar mit in Ihre Redaktionen?
Vier konkrete Punkte: Erstens brauchen Redakteure ausführliche Trainings-Einheiten, um die Bedeutung crossmedialer Nachrichten-Verwertung auch im lokal-regionalen Markt nachzuvollziehen und mitzugehen. Es handelt sich schlichtweg um Marktabsicherung. Zweitens muss eine für Journalisten einfache technische Infrastruktur vorhanden sein, die reibungsloses, mehrkanaliges Arbeiten möglich macht. Drittens müssen ohnehin schlank aufgestellte Verlage meist zusätzliches Personal – fest oder frei – finden, welches die zeitaufwendigen, aber zu besetzenden Kanäle wie Video, Audio, sms, Blogs etc - schnell, effizient und journalistisch sauber bedient. Das sind die Aufgaben, die die Verlage haben. Und viertens tut es managenden Chefredakteuren gut, mal wieder  das journalistische Kerngeschäft – nur eben mehrkanalig – zu betrachten und selber mit zu bedienen.  

Der Leser empfindet die Berichterstattung über kommunalpolitische Themen in der Tageszeitung oft als zu dröge. Auch halten selbst Redakteure Politik im Lokalen scheinbar nicht für sehr interessant. Was können Zeitungen dagegen tun?
Tageszeitung als Premiummarke muss die Nachricht (er)kennen und destillieren, dann vor allem aber Politik vertiefend erklären, einordnen – und das sprachlich unkompliziert. Die Darstellung im Netz – als Video, Tondatei, Online-News  – ist  eben oft schneller möglich, oft auch unterhaltsam, aber auch "weniger wirklich" als das gedruckte und meist abgewogene Wort.

Welche Möglichkeiten hat das Lokaljournalistenprogramm der bpb, Sie bei der Umsetzung eines neuen, noch besseren Lokaljournalismus zu unterstützen?
Die bpb hat bei dieser ersten Veranstaltung in Kitzingen bei Würzburg die fünf teilnehmenden Zeitungen aus Köln, Koblenz, Würzburg, Wetzlar, Braunschweig zusammengeführt. Langfristig könnte die bpb verbindende Klammer um die beteiligten Zeitungshäuser sein. Dieses von der bpb begleitete "Labor" könnte Trainingslager für alle werden, die zu Print als Premium stehen, aber Crossmedia für marktabsichernd und damit notwendig halten. Natürlich sollten bpb und die Verlage auch offen für kürzere Intervalle solcher Veranstaltungen sein und auch in anderen
als den fünf beteiligten Verlagshäusern mit diesem Programm tätig werden. Es ist nämlich aus der Praxis, für die Praxis, mit Praktikern – nicht vom Rednerpult und nicht von Theoretikern.

 

Das Interview führte Berthold L. Flöper, bpb.

 

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