
- Thomas Müller, Redaktionsleiter der Thüringer Allgemeinen in Heiligenstadt
Fragebogen 01/2008
Wovon handelte Ihr erster Artikel?
Mein erster Chef sagte, ich solle doch mal über meine Schülerzeitung schreiben. Aufbau, Inhalt, Mitarbeiter, und natürlich unsere Philosophie. Heute wie damals war ich der Ansicht, dass die Zeitung kritisch berichten muss. Das packte ich dann auch alles ziemlich pathetisch in den Artikel für die richtige Zeitung.
Von welcher Story träumen Sie noch heute schlecht?
Ich habe einen festen Schlaf, so dass ich bisher noch nie schlecht von einer Story geträumt habe. Mein Chefredakteur und meine Volontärsausbilderin kamen ein paar Mal in Träumen vor, auch einige Kollegen. Aber erschreckt aufgewacht bin ich darüber noch nie.
Worauf könnten Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten?
Auf Pressesprecher in Behörden, die mir den Weg zu kompetenten Personen versperren.
Woher holen Sie sich Ideen für gute Geschichten?
Aus Gesprächen, dem Radio und – im Pub. Da erfährt man die tollsten Geschichten. Nicht zuletzt ist meine Sekretärin eine nicht versiegende Quelle für Neuigkeiten.
Eine Stunde vor Redaktionsschluss bricht ein Artikel weg. Was machen Sie?
Wenn das Thema brennt und unbedingt in die Zeitung muss, dann gibt es kein Wegbrechen. Im Notfall habe ich eine Rollkartei mit unendlich vielen Telefonnummern.
Das Thema „Kaninchenzüchterverein“ steht wieder an. Welche Tipps geben Sie dem Praktikanten, damit eine interessante Geschichte daraus wird?
Die Frage impliziert, dass der Praktikant auf diese Art von Termin gebucht ist. Vielleicht geht ja ein Redakteur, dem ich nichts dazu sagen muss. Der weiß, dass man bei solch einem Termin oft nicht nur eine interessante Geschichte mitbringt, sondern auch Geschichten über den Termin hinaus.
Welche Geschichte in Ihrem Blatt war in jüngster Zeit besonders gelungen?
Ein Adventskalender mit 24 Haustüren auf Seite 1. Ab dem Tag wurde jede dieser Türen von der Thüringer Allgemeinen geöffnet. Was ist dahinter, wer wohnt in dem Haus, welche Geschichte hat die Tür?
Welche Story sorgte für den größten Wirbel bei den Lesern?
Eine Geschichte, in der wir die fehlgeschlagene Kulturpolitik der Stadt Nordhausen kritisch unter die Lupe nahmen. Ansonsten gibt es fast jeden Tag einen Aufreger. Ohne Presse ließe es sich so gut regieren.
Was ist derzeit der wichtigste Trend im Lokaljournalismus?
Weniger trockene Wiedergabe von Politikerstatements, mehr Unterhaltung, mehr Service, mehr Zusammenspiel von Angeboten in der Ausgabe und im Internet, und eine deutlich höherwertige Gestaltung der Seiten. Nun hoffe ich auf den nächsten Trend: gut recherchierte Geschichten.
Das schönste Kompliment für einen Zeitungsmacher ist ...
Der Leser, der am nächsten Tag anruft und einen lobt (kommt selten vor) und der Politiker, der sich mächtig aufregt, weil er weiß, die Zeitung hat die Wahrheit geschrieben und er ist erwischt (kommt häufiger vor).
Warum lesen Sie die drehscheibe?
Hin und wieder bekommt man eine gute Anregung für die tägliche Arbeit. Und nicht zuletzt sollte man ab und zu über den Tellerrand schauen.
Thomas Müller
ZEITUNG: Thüringer Allgemeine (Erfurt)
POSITION: Redaktionsleiter in Heiligenstadt (seit 2005)
GEBOREN: 1977
WERDEGANG: Diplom-Studium Journalistik und Geschichte in Leipzig mit integriertem Volontariat (1996-2001), seit 2001 Pauschalist und Redakteur bei der Thüringer Allgemeinen.
TELEFON: (03606) 66 96 60
E-MAIL: t.mueller@thueringer-allgemeine.de


