
- Ulli Tückmantel, Redaktionsleiter in Geldern bei der Rheinischen Post
Fragebogen 03/2008
Wovon handelte Ihr erster Artikel?
Von der Aufräumaktion eines SPD-Ortsvereins, bei der in einem Essener Waldstück eine halbe Kuh gefunden wurde.
Von welcher Story träumen Sie noch heute schlecht?
Schlechte Träume sind ja oft das verdiente Ergebnis schlampiger Arbeit. Dagegen unternimmt man am besten tagsüber etwas. Deshalb erinnere ich mich gelegentlich vor der Seitenbelichtung an einen Horror-Morgen aus meiner Zeit als freier Mitarbeiter, als ich im Blatt meine banale 14-Zeilen-Meldung gedruckt las, in deren Überschrift ein Schützenverein eigentlich zum Übungsschießen antreten sollte. Blöderweise war das „e“ aber vor das „i“ gerutscht.
Worauf könnten Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten?
Ich finde es großartig, dass wir ohne Gnade gegen uns selbst sehr viel Zeit darauf verwenden, sogar offenkundigen Spam-Personen noch auf die irrsten E-Mails und Briefe eine freundliche Antwort zu schicken.
Woher holen Sie sich Ideen für gute Geschichten?
Die meisten beziehe ich von einem mittelständischen Online-Versandkaufhaus in Bad Salzuflen, das sie in einem osteuropäischen Billiglohnland günstig anpflanzen lässt. Manchmal nehme ich auch den Aufzug und spreche kurz vor Erreichen der Redaktionsetage die patentierte Ideen-für-gute-Geschichten-Formel.
Eine Stunde vor Redaktionsschluss bricht ein Artikel weg. Was machen Sie?
Habe ich noch nicht erlebt, würde vermutlich aber einfach einen neuen machen.
Das Thema "Kaninchenzüchterverein" steht wieder an. Welche Tipps geben Sie dem Praktikanten, damit eine interessante Geschichte daraus wird?
Allen Kollegen verspreche ich hiermit feierlich: Wenn mir das Klischee vom Kleintierzüchter- und Kleingärtnerverein als vermeintlichem Alltagsgeschäft von Lokaljournalisten das nächste Mal auf der Straße begegnet, dann wende ich und fahre es endlich tot.
Welche Geschichte in Ihrem Blatt war in jüngster Zeit besonders gelungen?
Die über den Plan von Mehrheitsfraktion und Stadtverwaltung, für ein Bauprojekt eine mit vielen Spendengeldern errichtete Skater-Anlage abzureißen, deren Erhalt und Ausbau die gleiche Partei dummerweise in ihrem Kommunalwahl-Programm versprochen hatte.
Welche Story sorgte für den größten Wirbel bei den Lesern?
Wir sind mit einer hübschen Geschichte über eine 750-Millionen-Euro-schwere Freizeitpark-Investition inklusive Modell-Fotos und Planungsdetails auf die Seite eins des Mantels gegangen – am Morgen vor der Pressekonferenz, auf der das streng geheim gehaltene Projekt vorgestellt wurde.
Was ist derzeit der wichtigste Trend im Lokaljournalismus?
Der Lokaljournalismus selbst ist derzeit der wichtigste Trend, nur so können die Zeitungen bei den Lesern Punkte machen. Dabei ist nicht so entscheidend, ob wir minütlich den allerneusten Web 2.0-Quatsch auf der Seite haben, sondern ob es wirklich guter Journalismus ist.
Das schönste Kompliment für einen Zeitungsmacher ist?
"Wie hat der Kerl das bloß herausgefunden?"
Warum lesen Sie die drehscheibe?
Davor kann ich nur warnen! Der Glaube, man erführe dort ausschließlich, was man wieder Klassen besser gemacht hat als andere, könnte durch die Lektüre erschüttert werden.
Ulli Tückmantel
ZEITUNG: Rheinische Post (Düsseldorf)
POSITION: Redakteur
GEBOREN: 1966
WERDEGANG: Volontariat bei der Rheinischen Post, Redakteur in Remscheid und Düsseldorf, stellvertretender Redaktionsleiter in Ratingen (1996-98), Redaktionsleiter in Moers (1999-2004), seit 2005 in Geldern.
TELEFON: (02831) 13 92 71
E-MAIL: ulli.tueckmantel@rheinische-post.de


