Annika Fischer (36) ist Reporterin der Westdeutschen Allgemeinen in Essen.

Fragebogen 04/2008

Wovon handelte Ihr erster Artikel?
Der klassische Ortstermin mit Lokalpolitikern an der Straßenecke. Fünf Männer auf einem Bild, im Hintergrund die Verkehrsberuhigung, im Vordergrund meine Beunruhigung: Weil mein Vater politisch aktiv ist, sorgte sich die Redaktion um meine Unabhängigkeit. Ich werde die Straße nie vergessen, die Schlagzeile auch nicht: „Berliner Kissen holen Bleifuß vom Gaspedal“. Bleischwer.


Von welcher Story träumen Sie noch heute schlecht?

Eine Reportage über Ehemänner, die kurz vor Weihnachten noch rasch ein Geschenk für die Gattin erstehen. Mit real exis-tierenden Männern in Bild und Text – und einem Zitat, das es nur in der Fantasie des damaligen Chefs gab: „Wenn meine Frau schon nicht so aussieht wie Gabriela Sabatini, dann soll sie wenigstens so riechen.“ Er legte es einem meiner Gesprächspartner in den Mund, hinter meinem Rücken. Und ich hätte dem Journalismus denselben um ein Haar gekehrt.

 
Worauf könnten Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten?
Auf humorlose Menschen und solche, denen der Sinn für Ironie fehlt. Und auf Kollegen, denen die Freude an unserem Beruf verloren gegangen ist.

 
Woher holen Sie sich Ideen für gute Geschichten?

Aus manchmal wirklich stürmischem Brainstorming mit Kollegen, aus dem Bauch – und von Menschen, die mir ihre Geschichten erzählen.


Eine Stunde vor Redaktionsschluss bricht ein Artikel weg. Was machen Sie?

Die Welt ist doch voller Geschichten. Erzählen wir also eine andere.

 
Das Thema „Kaninchenzüchterverein“ steht wieder an. Welche Tipps geben Sie dem Praktikanten, damit eine interessante Geschichte daraus wird?
Das fragen Sie eine Reporterin? Gerade das Klischee reizt doch, die Geschichte anders zu erzählen, unerwartet neu. Und das mache ich am liebsten selbst.

 
Welche Geschichte in Ihrem Blatt war in jüngster Zeit besonders gelungen?

Eine ebenso schonungslose wie amüsante Betrachtung der verwirrenden „Zustände bei den Zuständigkeiten“ im Ruhrgebiet, dem Land der tausend Kirchtürme.

 
Welche Story sorgte für den größten Wirbel bei den Lesern?

Zuletzt eine Nachricht der Hospiz-Stiftung über Sterbende, die unnötig Schmerzen leiden müssen. Wir haben sie zum Anlass genommen, die Leser um ihre Erfahrungen zu bitten: Wie war das, als Ihr Vater, Ihre Mutter gestorben ist? Die Redaktion hat selten eine solche Flut von Anrufen und Zuschriften erlebt – und von Tränen.

 
Was ist derzeit der wichtigste Trend im Lokaljournalismus?
Das, was immer schon Trend sein sollte: nah dran zu sein an den Lesern. Immer zu fragen: Was macht diese Nachricht mit den Menschen? Mehr noch als andere Zeitungsteile sollte der Lokalteil die Lebenswelt der Leser abbilden.

 
Das schönste Kompliment für einen Zeitungsmacher ist?

Für mich sind es drei: Danke, Sie haben mich genau getroffen. Ich hatte das Gefühl, ich wäre dabei gewesen. Ihre Geschichte hat mich sehr berührt.


Warum lesen Sie die drehscheibe?
Ab und zu aus dem eigenen Saft aufzutauchen, bringt frischen Atem.

 

 

Annika Fischer

ZEITUNG:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Essen)
POSITION: Reporterin
GEBOREN: 1971
WERDEGANG: Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Münster, freie Mitarbeit beim Stadtanzeiger Dortmund (Anzeigenblatt) und bei der WAZ, Volontariat bei der WAZ, Redakteurin in den Lokalredaktionen Dortmund und Mülheim an der Ruhr, seit 2001 Reporterin.
TELEFON: (0201) 8 04 23 13
E-MAIL: a.fischer@waz.de

 

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