Cahterine Duttweiler (46) ist Chefredakteurin des in der Schweiz erscheinenden Bieler Tagblattes.

Fragebogen 05/2008

Wovon handelte Ihr erster Artikel?
Ich berichtete als Journalistenschülerin über die Kinderfasnacht im luzernischen Meggen – und zwar in Text und Bild.

 

Von welcher Story träumen Sie noch heute schlecht?
Von keiner, zum Glück. Aber als ich die Biographie der ersten Schweizer Bundesrätin Elisabeth Kopp und deren schlitzohrigem Gatten recherchierte, tränenreiche Interviews mit der zurückgetretenen Justizministerin führte und mich bis zu 18 Stunden am Tag mit dem umstrittenen Paar befassen musste, verfolgten Sie mich bis in den Schlaf.

Worauf könnten Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten?

Auf Reklamationen von Vereinsmeiern, die nicht zwischen Partikularinteresse und öffentlicher Relevanz unterscheiden können.

Woher holen Sie sich Ideen für gute Geschichten?

Überall, laufend – beim Morgenkaffee, beim Brainstorming im Team, bei Gesprächen mit Leserinnen und Meinungsmachern, beim Einkaufen oder in den Ferien bei der Lektüre ausländischer Zeitungen.

Eine Stunde vor Redaktionsschluss bricht ein Artikel weg. Was machen Sie?
Da haben wir dank guter Planung meistens einen Ersatz.

Das Thema „Kaninchenzüchterverein“ steht wieder an. Welche Tipps geben Sie dem Praktikanten, damit eine interessante Geschichte daraus wird?
Er soll die Vereinspublikationen studieren, sich mit Kaninchenzüchtern zusammensetzen und beim Fachsimpeln zuhören – bestimmt findet sich ein überraschender Ansatz.

 
Welche Geschichte in Ihrem Blatt war in jüngster Zeit besonders gelungen?
Bei uns im Blatt hat der kantonale SVP-Fraktionschef als erster öffentlich vor „braunen Tendenzen“ und schlechtem Politstil innerhalb seiner vom Rechtspopulisten Christoph Blocher dominierten Schweizerischen Volkspartei gewarnt. Das hat landesweit Aufsehen erregt und eine große, landesweite Debatte lanciert, die bis heute aufflackert und Parteiaustritte mitauslöst.

 
Welche Story sorgte für den größten Wirbel bei den Lesern?

Wir haben die konkreten Pläne für die neuen Fabriken des Luxusuhrenherstellers Rolex publik gemacht. Die Nachricht war Stadtgespräch.

 
Was ist derzeit der wichtigste Trend im Lokaljournalismus?
„Public Journalism“. Dabei übernimmt die Redaktion eine Moderatorenrolle im öffentlichen Diskurs. Nimmt also lesernahe Problemstellungen auf, stellt sie zur Diskussion und macht auch konstruktive Lösungsvorschläge; das ist nicht zu verwechseln mit dem viel zitierten „Citizen Journalism“ oder „Bürgerjournalismus“: Beim „Public Journalism“ betreibt die Redaktion Qualiätssicherung und behält trotz interaktivem Einbezug der Leser die Themenführerschaft.

Das schönste Kompliment für einen Zeitungsmacher ist?

Der Artikel hat mich zum Nachdenken gebracht.

 
Warum lesen Sie die drehscheibe?
Das ist für mich Weiterbildung mit Praxisbezug: Ich erfahre viel über Themen und Konzepte in Deutschland – über Zeitungen, die ich in der Schweiz meist nicht mal am Kiosk kaufen kann.

 

 

Catherine Duttweiler


Zeitung: Bieler Tagblatt (Schweiz)
Position: Chefredakteurin
Geboren: 1961
Werdegang: Ringier Journalistenschule, Redakteurin bei diversen Wochenpublikationen, Mitglied der Chefredaktion der Basler Zeitung (1998-2002), Redaktionsleiterin Radio DRS3, seit 2004 beim Bieler Tagblatt.
Telefon: 0041 (3232) 1 90 40
E-Mail: c.duttweiler@bielertagblatt.ch

 

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