Relevantes schreiben – "sonst liest es kein Schwein"
Journalistikforscher Michael Haller entlarvt Leserschrecke und Blickmagneten

- Prof. Michael Haller beim European Newspaper Congress 2008
Wien - Teils beschämende Beispiele redaktioneller Arbeit präsentierte Michael Haller anonymisiert beim European Newspaper Congress 2008 in Wien. Agenturdeutsch, endlose Schachtelsatzketten und fehlende Seitenhierarchie. Nach den abschreckenden Beispielen musste der Professor für Journalistik von der Leipziger Universität nicht lange in den deutschen Tageszeitungen suchen: "Das passiert tagtäglich", erklärte er. Haller stellte neue Studienergebnisse der Blickverlaufsmessung (Eyetrack) und ReaderScan-Methode vor, die dem Optimieren des redaktionellen Redesigns dienen.
"Sprachliche Attraktion des journalistischen Handwerks, setzt Sprachkompetenz voraus", sagt Haller. Dennoch füllen einige Zeitungen ihre Meldungsspalte mit trögen Formulierungen, wie sie ihnen die Agenturen servieren. Auf der Videoleinwand verfolgten die Kongressteilnehmer den Blick eines Testlesers, sichtbar als weißer Punkt, der über eine Zeitungsseite gleitet. Noch irrt der weiße Punkt über einen Artikel – "und das war’s auch schon." In einer Zehntelsekunde hat der Leser die Überschrift kurz erfasst und davon abgelassen. "Der Letzte ist bei diesem Artikel bereits nach dem ersten Absatz ausgestiegen", erläutert Haller.
Die Hallersche Studie widerlegt Gesetze von einst. Es gibt keinen regelmäßigen Blick – der Leser reagiert auf visuelle Reize. Den Reichweitenrückgang einiger Zeitungen führt der Wissenschaftler auf die absinkende Nutzungszeit zurück. "Die Verweildauer in der Zeitung ist ein harter Indikator für Qualität", sagt Haller.
Das Prinzip ist allseits bekannt: Bevor jemand das Lesen überhaupt anfängt, gilt es erst seine Aufmerksamkeit zu wecken. Denn Neugierde kann zum Interesse werden. Beginnt der Leser schließlich die Lektüre, entscheidet er sich sehr bald, ob er die Informationen mitnehmen will, oder doch abbricht – ob er zum Leser wird oder Betrachter bleibt.
Das Erfolgsrezept nach Michael Haller:
1. Ein starkes Zusammenspiel von Bild, Überschrift und Text.
2. (Formal-) inhaltliche Qualität verbessern.
3. Die Perspektive der Frau schärfen: mehr Texte und Bilder von Frauen.
4. Lokalteil interessant machen und ihn nicht durch Chronistenpflicht des lokalen Mainstreams ersäufen.
5. Mehr Themen, die direkt mit den Lesern zu tun haben.
6. Verständlich schreiben: keine Pseudo-Fachsprache, kein "Klugscheißen" durch historisierendes Reden und Bildungswissen.
Ziel der Zeitungsmacher sollte es sein, so Haller, die Lesebereitschaft zu wecken und zu verstärken. Das bedeutet ein Zusammenspiel von Präsentation und Inhalt: Dynamik durch eine gesunde Mischung der journalistischen Darstellungsformen. Klare Seitenhierarchie und eine szenische Schreibe. Haller wirbt für die Kunst der kleinen Texte, und betont die Schlüsselrolle von Titelkomplexen, Texteinstiegen und -design als Hingucker.
Viele deutsche Zeitungsmacher scheuen sich, glasklare Themenhierarchien zu gestalten, beobachtet Haller. Weiter kommentierte der Journalistikforscher eine sehr textlastige Zeitungsdoppelseite: "Da haben Redakteure zwei Tage dran gearbeitet. Und es interessiert kein Schwein." Seine Lösung: Weniger ist mehr. Die Redakteure sollten sich klar dafür entscheiden, was relevant ist.
Regionalzeitungen packen ihre Seiten voll mit Kurztexten und Meldungen. Die Pflichtberichterstattung trocknet den Lokalteil vielerorts zur Bleiwüste aus. "Gegründet auf der Angst vor dem unangenehmen Anruf eines Vereinsmenschens, der womöglich damit droht, zwei, drei Abos abzubestellen", sagte Haller.
Interessant kann auch heißen: ausführlich. Eine ReaderScan getestete Zeitung verringerte die Anzahl der Texte nach der ersten Messwelle bei bleibendem Gesamtumfang. Die Texte wurden länger. Ergebnis der zweiten Messwelle: Die Lesequote stieg um elf Prozent, die Lesedauer um 3,27 Minuten.
Der Sportteil erfährt laut Hallers Messergebnis oft nur geringe Beachtung von den Lesern, verglichen mit ihrem Nutzungsverhalten in der kompletten Zeitung. Es gibt jedoch auch Beispiele für gern gelesene Artikel, bei denen die Sportredaktion über den Ressort-Tellerand schaut und Finanz und Wirtschaftsthemen aufgreift. Haller zeigte eine erfolgreiche Filmbesprechung im Sport: ein Kinofilm über Eric Zabel. Die Rezension war wie der Film als Reportagegeschichte geschrieben.
Ein Problemkind ist auch der Auslandsbericht: Die Leser interessierten sich sehr wohl für das Ausland, sagte Haller. "Doch die Vermittlung der Journalisten ist bei den meisten Zeitungen schlicht trostlos." Der Stakkatostil der Agenturen vergrault die Leute. "Teuer bezahlte Korrespondenten verlieren nach drei, vier Jahren die Perspektive für die Leser zu Hause", sagt Haller. Bei einem solchem Testbeispiel sind selbst die Vielleser nach dem ersten Absatz ausgestiegen. Narration geht anders: Ein Problem in Simbabwe wird in einem anderen Artikelbeispiel an zwei Personen erklärt – hier geht der Leser mit.
Text: Patricia Dudeck
Leserforschung
Das Institut für Praktische Journalismusforschung an der Uni Leipzig arbeitet mit ReaderScan-Entwickler Carlo Imboden zusammen. Das Team um Michael Haller setzt außerdem so genannte Eyetrack-Methoden, also Blickverlaufsmessungen ein. Damit kann der Lesevorgang zeilengenau erkannt werden. Es wird klar, wo die Leser aus einem Text aussteigen beziehungsweise gar nicht anfangen zu lesen. Beide sind Diagnoseinstrumente, um die blattmacherischen Schwächen aufzudecken und die Nähe des Blattes zu den Bedürfnissen der Leser zu erkennen.


