Erzählt Geschichten!
Ein Plädoyer für gutes Schreiben

- Journalisten-Trainer Peter Linden beim European Newspaper Congress 2008
Wien – "Zeitungsschreiber können das Kino im Kopf ihrer Leser auslösen." Journalisten-Trainer Peter Linden hielt beim European Newspaper Congress 2008 in Wien ein leidenschaftliches Plädoyer für das "Storytelling" – das Geschichtenerzählen. "Das Design kann nur die Verpackung für die Beschreibungen sein", sagte der Münchner Journalist. Manchmal würden dies die Layouter jedoch vergessen und zu wenige Zeilen einplanen, kritisierte Linden beim Blattmachertreffen, bei dem seither auch die schönsten Zeitungslayouts prämiert werden.
So fing es an: Erst nach dem ersten Kinofilm im März 1895, so Linden, begannen Journalisten, bildhaft zu schreiben. Bevor die Brüder Lumière in Paris einen einfahrenden Zug im Bahnhof zeigten, hatten sich die Zeitungsmacher als Chronisten verstanden, die Fakten niederlegen.
Eine völlig neue Perspektive
Die Reportage ist inspiriert durch den Film. "Das war damals eine Sensation und veränderte den Journalismus", erklärte Linden. In Deutschland schreibt etwa der Journalist Egon Erwin Kisch zum Brand des Reichstagsgebäudes 1933 als Ich-Erzähler. Auch der Franzose Emile Zola schrieb aus der Innensicht der von einem Ereignis Betroffenen. Solange Fernsehen und Radio noch nicht erfunden waren, standen die Schreiber mit ihrer neuen, ungewöhnlichen Perspektive außer Konkurrenz.
Lindens Erfolgsrezept
1. Viele Leser hat, wer das Geschichten erzählen lernt.
2. Die Position der Reporter in den Redaktionen muss stärker werden.
3. Texte, die das Kino im Kopf auslösen, werden lieber und intensiver gelesen.
4. Lange Texte wirken nicht abschreckend – wenn die Schreibe narrativ ist. Nur langweilige und statische Texte vergraulen den Leser.
Und wie die Reportage die Antwort auf den Film war, kam das Feature mit der Erfindung des Zoomobjektivs in den 60er-Jahren auf. "Im Laufe der Jahrzehnte ist der Bildervorrat im Kopf der Menschen angewachsen." Mit einem einzigen Stichwort kann der Leser heute mehr assoziieren denn je. Die Bilderflut aus Fernsehen und Internet trainieren diese Assoziationsfähigkeit. Das hat sich auch auf die Satzlänge ausgewirkt. "Sätze in der deutschen Sprache haben in den vergangenen 100 Jahren um im Schnitt fünf Wörter an Umfang verloren", referierte Linden.
Der Schreiber wird zum Regisseur
Linden beobachtete auch, dass die Zeitungsbeiträge in den vergangenen 20 Jahren immer weniger chronologisch sind. Die Schreiber werden zu Regisseuren und gestalten die Dramaturgie des Textes zunehmend selbst. Sie steigen mit dem Wendepunkt, der Schlüsselszene, ein – und Film ab!
Text: Patricia Dudeck


