Zwitschern im Blätterwald
Tageszeitungen nutzen Mikro-Blogging als weiteren Nachrichtenkanal. Aber das sogenannte Twittern kann auch die journalistische Arbeit erleichtern
von Thomas Mrazek
Die Zeitungen zwitschern neuerdings – von der Augsburger Allgemeinen bis zur Zeit, fast jeden Tag kommen neue Medien hinzu, die den Mikro-Blogging-Dienst Twitter nutzen. Sie versenden (englisch to twitter = zwitschern) kurze, maximal 140 Zeichen lange Botschaften, die im Internet oder auf mobilen Geräten gelesen werden können.
Inhalte: Geschäftliches, Halb- oder ganz Privates. Twitter bietet schnelle, einfache und effiziente Kommunikationsmöglichkeiten. Prominentester Nutzer ist Barack Obama, der diesen Kanal neben anderen Internet-Werkzeugen virtuos für seinen Wahlkampf nutzte. Die ersten Meldungen über die Anschläge in Mumbai im November vergangenen Jahres kamen nicht über Nachrichtenagenturen sondern ebenfalls über Twitter, Betroffene schickten per Handy ihre Eindrücke der Ereignisse in alle Welt.
Deutsche Medien tun sich beim Zwitschern von Nachrichten noch schwer. So läuft etwa das Angebot der Allgäuer Zeitung – trotz fast 6.000 Aktualisierungen seit Juli 2008 – fast unbemerkt vor sich hin, gerade mal 40 Leser haben diesen Service abonniert. Unter twitter.com/allgaeu werden nur aktuelle und – in der Kürze – oft nichtssagende Überschriften automatisch mit Hyperlinks publiziert. Diese Informationen kann der Nutzer freilich auch über RSS-Feeds beziehen. Das Angebot ist somit ohne jeden Zusatznutzen – sowohl für die Nutzer als auch für die Redaktion.
"Mehr bieten als die Speisekarte der Kantine"
Dabei spielt nicht unbedingt die geringe Zahl von Abonnenten eine Rolle. Denn die Abrufzahlen werden durch Twitter-Angebote so gut wie überhaupt nicht tangiert. Das derzeit beliebteste deutsche Medienangebot bei Twitter, Welt Kompakt, zählt gerade mal 2.000 Abonnenten (twitter.com/weltkompakt), bei etwa 20 Millionen monatlichen Visits eine geradezu winzige Zahl. „Für Focus Online bleibt Twitter dennoch einer von Dutzenden Kanälen, über die wir unsere Nachrichten anbieten – und gehört, was die schiere Reichweite betrifft, sicher nicht zu den bedeutenden“, sagt Chefredakteur Jochen Wegner, der selbst wie einige seiner Amtskollegen bei anderen Online-Magazinen unter eigenem Namen twittert.
Wegner rät in einem Blog-Kommentar: „Prima, wenn Redakteure einen persönlichen Twitter-Account haben, prima, wenn Medien (eine Auswahl von) Feeds via Twitter als schlichten Service anbieten. Wenn eine große Redaktion eine Art offiziellen Twitter-Account betreibt, sollte der allerdings mehr bieten als die Speisekarte der Kantine und die Befindlichkeit des aktuellen CvDs.“
Der Ton macht die Musik
Befindlichkeiten spielen hingegen beim Twitter-Angebot des Regionalportals DerWesten (twitter.com/derwesten) immer wieder eine Rolle. Da wird einfach mal losgeplaudert: „Kälte konkret: Kollege Videopunk erscheint mit gefrorenen Haaren in der Redaktion.“ Solche Kommunikation mag nicht jedermanns Sache sein, doch beim Beobachten über einige Wochen fällt auf, dass die Tonalität nicht künstlich erzwungen erscheint. Andererseits werden auch die Nutzer immer wieder involviert, etwa durch Appelle wie diese: „Was hilft gegen Kälte? Kaufhausbummel, Kuscheln, Katze kaufen? DerWesten sucht die besten Tipps.“
Was auf den ersten Blick banal wirkt, scheint durchaus anzukommen, wie Katrin Scheib, Chefin vom Dienst, berichtet. Seit August 2008 habe man vieles ausprobiert. Scheib ist überzeugt: „Wir können die Nutzer und ihre Interessen genauer kennen lernen und unser Angebot besser auf sie zuschneiden. Letztlich können wir bei Twitter auftreten wie Dieter Moor einst im Fernsehen: ‚Hallo, liebe Zielgruppe‘“ (siehe auch Interview).
Mittlerweile zählt DerWesten mit etwa 1.400 Followern zu den erfolgreichsten Zeitungsangeboten, selbst haben die Essener rund 1.300 Twitter-Angebote abonniert, in die man immer wieder mal reinhöre, sagt Scheib. Die Bedeutung des Twitter-Kanals wird auch dadurch unterstrichen, dass das Angebot auf der Startseite relativ stark hervorgehoben wird.
Recherche via Twitter
Auch als ergänzendes oder alternatives Recherchewerkzeug kann das Mikro-Blogging-Angebot eingesetzt werden. Andreas Streim, Redakteur für Wirtschaft und Soziales bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung in Potsdam, schildert in seinem Privat-Blog (www.streim.de), wie Twitter ihm bei einer Recherche hilfreich war. „Ich saß vor dem Nachrichtenticker und wartete auf die Entscheidung der US-Notenbank Fed zu den amerikanischen Leitzinsen. Und wartete. Und wartete.“ Dann habe er spaßeshalber auf Twitter nach Fed gesucht: „Und da liefen die ersten Meldungen über die historische Zinsentscheidung tatsächlich bereits, ein paar Minuten bevor die Nachricht über den Ticker kam.“ Solche Rechercheerfolge sind freilich Ausnahmen, trotzdem sollte man dieses leicht zu verwendende Werkzeug zumindest ab und zu in den üblichen Recherchekanon integrieren.
Wunderdinge sind also beim Twittern keine zu erwarten. Mit geringem Engagement lässt sich jedoch das eigene Internet-Portfolio hinsichtlich der Leserbindung und Vernetzung weiter verbessern, ebenso kann die Arbeit des einzelnen Journalisten optimiert werden.
Twitter-Leitfaden
Was ist Twitter überhaupt?
Anderen möglichst einfach mitzuteilen, was man gerade tut oder denkt, oder was man gerade Neues entdeckt hat, das ist die eigentliche Idee, die hinter Twitter steckt. Bei Twitter (twitter.com) angemeldete Benutzer können Textnachrichten mit maximal 140 Zeichen senden und die Nachrichten anderer Benutzer über ihr Mobiltelefon oder eine Internet-Seite lesen. Twitter ist ein sogenanntes soziales Netzwerk, dass darauf beruht, dass man anderen Benutzern folgt (englisch following). Man abonniert die Aktualisierungen anderer Benutzer, ebenso können diese die eigenen Aktualisierungen abonnieren, sie werden dann zu Followern. Ebenso wie Sie ein Blogger sind, wenn Sie ein Blog betreiben, werden Sie bei Twitter zum Twitterer. Auf der Twitter-Startseite kann man Aktualisierungen eingeben und die Updates der Personen, denen man folgt, nach der Zeit sortiert sehen. Twitter wurde 2006 gegründet und hat nach verschiedenen Schätzungen zwischen drei und fünf Millionen Nutzer weltweit. Twitter wird von der in San Francisco ansässigen Twitter Inc. betrieben.
Selber twittern
Unter twitter.com können Sie sich persönlich oder mit dem Namen Ihres Mediums anmelden (zum Beispiel twitter.com/derwesten). Allerdings könnten die entsprechenden Namen auch schon vergeben sein. Nach dem Anmelden können Sie selbst Meldungen verbreiten und andere Twitter-Angebote mit einem Mausklick abonnieren und genauso einfach wieder abbestellen. Schnell werden Sie bekannte Personen oder Medien finden, ebenso werden diese in der Regel schnell auf Sie und Ihre Twitter-Aktivitäten aufmerksam und abonnieren Ihre Botschaften (auch Tweets genannt). Natürlich können Sie auch anonym auftreten und erst mal alles ausprobieren. Für ernsthafte Twitter-Aktivitäten sollten Sie Ihre Identität, eine Kurz-Biographie („Die Redaktion von DerWesten twittert live vom Newsdesk und von wichtigen Terminen.“) und ein Foto oder Logo verwenden. Alles eine Sache von Minuten.
Twitter ZUR RECHERCHE nutzen
Um in Twitter nach Begriffen zu suchen, gibt es die Suchmaschine Twitter Search (search.twitter.com) Eine ständige aktualisierte Zusammenstellung von deutschsprachigen Medien, die Twitter nutzen, bietet Peter Jebsen auf seinem Weblog Sozialgeschnatter: tinyurl.com/twittermedien.
LITERATUR
Twitter. Mit 140 Zeichen zum Web 2.0. Nicole Simon, Nikolaus Bernhardt, Open Source Press München 2008, ISBN 978-3-937514-74-1,
235 Seiten, 19,90 Euro. www.mit140zeichen.de



