Katzen und Dreimeterfische

Boulevard hat einen schlechten Ruf. Doch das Genre der großen Buchstaben und Bilder bietet auch Vorteile, sagt Ex-Bildblogger Christoph Schultheis

 

Vor einigen Jahren erschien in einem Internet-Nachrichtenportal ein Artikel über ein Projekt des „Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei im Forschungsverbund Berlin e.V.“, genauer: über die Wiederansiedlung des Störs in deutschen Gewässern.


Aber so kann man natürlich keinen Text über Boulevardjournalismus anfangen! Also noch einmal von vorn:


Karnevalsdienstag 2001, 10.15 Uhr in einer Hinterhof-Büroetage im schicken Berlin-Mitte. Es ist Februar. Die Meteorologen haben ein

Sturmtief angekün­digt. In Deutschland droht mit der möglichen Teilnahme von „Big Brother“-Dummkopf Zlatko und Modezar Rudolph „Mosi“ Moshammer am Schlager-Grand-Prix der Untergang des Abendlandes. Im fernen Japan zeigt sich das Kaiserhaus entsetzt über ein Titelbild des SZ-Magazins, das den japanischen Kronprinzen Naruhito als impotent verunglimpft.

 

Und eine große deutsche Boulevardzeitung vermeldet auf der Titelseite: „Das Ende des Geisel-Gangs­ters: Blutbad im Hamburger Univiertel – Ein Mann am Boden, blutverschmiert. Seine linke Hand ist abgerissen (...) Wilde Verfolgungsjagd, Schüsse auf Peterwagen. Im Univiertel das blutige Finale: Der Gangster zündet in dem Transporter eine Handgranate! Täter und Geisel schweben in Lebensgefahr. Gesicht der Geisel von Granatsplittern zerfetzt –Hamburg, in welcher Stadt leben wir?“


Und was macht das Nachrichtenportal in seiner Berliner

Große Fotos und knackige Schlagzeilen - die Stilmittel der Boulevardmedien sind vielfältig. Von einigen können Lokalredakteure lernen.

Hinterhof-Etage? Veröffentlicht um 10.15 Uhr eine kleine, solide Reportage über: den Stör.Mehrere Tage lang zählte die kleine Geschichte über den Süßwasserfisch damals zu den meistgelesenen Artikeln – Zlatko, Blutbad & Co. zum Trotz. Und das hatte einen einfachen Grund: Die Redaktion hatte nicht etwa „Störe sollen wieder in deutsche Gewässer“ über den Text geschrieben, sondern: „Die Rückkehr des Dreimeterfisches“.


Besser lässt sich das Wesen des Boulevard wohl nicht veranschaulichen: Gute Recherche und ein bisschen Mut.

 

Komplexe Themen einfach aufbereiten

 

Mit anderen Worten: Boulevard ist hierzulande (zunächst mal) zu Unrecht in Verruf. Die Welt ist so vielfältig wie die Interessenlage des Einzelnen; die Aufmerksamkeitsspanne der eigenen Leserschaft hingegen ist begrenzt und bedroht durch Alltag, Mitbewerber und – nicht zuletzt – durchs Internet. Dem zu begegnen, ist die Stärke und Chance des Boulevard: komplexe Themen (und welche sind das nicht?) so aufzubereiten, zu verdichten, dass sie für den Leser leicht verständlich, anschaulich, vor allem aber attraktiv daherkommen – so wie der schnöde Stör als kapitaler „Dreimeterfisch“.


Aber natürlich verdankt der Boulevard seinen schlechten Ruf zuallererst sich selbst. Zu oft bedient er mit aufgeblähtem Klatsch und Tratsch, Witwengeschüttel und persönlichkeitsrechtsverletzendem Ausschlachten von Schicksalen nur (angebliche) Erwartungen des Lesers, nicht aber seine Bedürfnisse. Und darum gleich noch ein zweites Beispiel hinterher:


Ungefähr fünfeinhalb Jahre nach der „Rückkehr des Dreimeterfisches“ stand in einer Regionalausgabe der Bild-Zeitung ein echter Knüller: „Aus toten Katzen mache ich Benzin – Tüftler-Sachse kocht Kadaver aus, um dann mit dem Gebräu zu fahren.“ Wenig später zog Bild bundesweit nach und schrieb: „Die Katzen-Kraft lässt sich theoretisch exakt berechnen: Aus einem ausgewachsenen 13-Pfund-Kater könnten 2,5 Liter Sprit entstehen, vier Miezen würden für 100 Kilometer reichen, für eine Tankfüllung wären 20 tote Katzen erforderlich.“

 

Im Artikel zitierte Bild eine empörte Tierschützerin („Das ist so schlimm wie grausame Tierversuche“) und fragte tags drauf: „Darf man aus Katzen wirklich Benzin machen?“ Die Geschichte ging um die Welt. CNN berichtete unter Berufung auf Bild: „Ein deutscher Erfinder verärgert Tierschützer mit seiner Lösung im Kampf gegen steigende Treibstoffpreise – tote Katzen.“ Sogar bis in die indische Hindustan Times hatte es die Bild-Geschichte geschafft, mit allen Registern des Boulevard: aktueller Bezug (Spritpreise), regionale Einbindung („Sachsen-Tüftler“), Personalisierung („ich“), Emotionalisierung (Katzen!), Veranschaulichung („vier Miezen für 100 Kilometer“), Konfliktpotenzial (Tierschützer) und Kampagnenfähigkeit („Darf man...?“). So gesehen hatte die Redaktion alles richtig gemacht – und doch alles falsch.

 

Der Umgang mit der Wahrheit

 

Denn die Sache hatte einen Haken. Zunächst (man ahnt es schon): Sie stimmte nicht. Die in Bild zitierte Tierschützerin hatte gegen das unorthodoxe Kadaver-Recycling in Wirklichkeit nichts einzuwenden – und der Erfinder machte gar kein Benzin aus toten Katzen. Stattdessen  hatte er ein Verfahren entwickelt, mit dem sich offenbar aus Müll Biodiesel herstellen lässt. Der Rest war von Bild frei erfunden. Aber warum? Mit welchem Nutzen?


Der Haken ist nämlich ein anderer: Da hatten Reporter im sächsischen Freiberg einen Mann aufgetan, der eine ungewöhnliche Antwort auf die großen Themen unserer Zeit versprach und sich anschickt, unser Abfall- und Sprit-Problem in einem Rutsch aus der Welt zu schaffen. War das nicht schon genug? „Spritwunder von Freiberg: Ich mache aus Müll billigen Diesel“? (Ironie der Geschichte: Tatsächlich stand genau diese Überschrift Wochen vor dem Katzenbenzin-Unsinn bereits ebenfalls in Bild.)

Wer jedoch den Bogen überspannt, missachtet seine Verantwortung – nicht nur gegenüber dem Gegenstand seiner Berichterstattung, sondern auch gegenüber dem Leser. Eine Geschichte, die nichts taugt, wird auch durch Zuspitzung nicht besser. Doch wer eine Geschichte nicht nur zuspitzt, sondern übergeigt, schadet dem Ansehen der Zeitung. Heute mehr denn je. In einer Zeit, in der sich der Zeitungsleser auch anderweitig informiert (Online-Nachrichtenportale,  Weblogs), druckt sich nichts mehr so einfach weg. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwer dem Betrug am Leser auf die Schliche kommt und ihn öffentlich macht, wird täglich größer.

 

Konkurrenz zwischen Lokal- und Boulevardzeitungen

 

Zumal im Internet, wo sich nicht nur das peinliche Privatvideo, sondern auch die kleine übergeigte Lokalgeschichte unberechenbar verbreiten kann, sind die Folgen fürs eigene Blatt(image) häufig kaum abzusehen. Das ist, auch wenn das viele anders sehen mögen, eine erfreuliche Entwicklung – und nicht zuletzt den Auswüchsen des Boulevard selbst geschuldet.

 

 

Der Redaktionsleiter der Winnender Zeitung, Frank Nipkau, kommt zum Modellseminar der bpb "Menschen! Bilder! Sensationen! Was Lokalredaktionen vom Boulevard lernen können - und was nicht". Er hält am Dienstag, 22.September einen Vortrag zu dem Thema: Wenn Boulevard-Medien Amok laufen. Mehr unter www.drehscheibe.org/seminare

Gleichwohl führt am Boulevard, besser: am Boulevardhaftigeren, kein Weg mehr vorbei. Kein Ort, an dem sich der Lokaljournalismus nicht in direkter Konkurrenz zur Aufmerksamkeitsmaschine Boulevard befände, zur Boulevard-Zeitung am Kiosk, zum Boulevard-Magazin im Fernsehen oder zu den unzähligen, kostenlos zugänglichen (Boulevard-)Angeboten im Internet – von SpiegelOnline über ­Bild.de bis Gmx.de.
 


Und wenn sich die Winnender Zeitung unlängst nach dem Amoklauf entschied, ihre Titelseite mehrfach komplett für ein paar große Buchstaben freizuräumen („Warum?“, „Wir trauern“) – was waren das, wenn nicht ganz einfache, plakative Botschaften? Natürlich war das (auch) Boulevard. Und dennoch ein wohltuender Gegenentwurf zum gedankenlosen und für viele schmerzlichen Wettlauf der großen, bunten Blätter um das beste Täter-/Opferfoto. Auch wenn es vielfach anders aussieht: Boulevard ist keine Frage des Themas (Promis, Privatleben und Populismus), sondern ein unterschätztes Handwerk.


Schaut man indes, auf welche Weise sich neuerdings die Bild-Zeitung dem Auflagenschwund entgegenstemmt, könnte man fast meinen:


Der neue Boulevard heißt SERVICE!

 

Aber das ist nur so ein Gedanke.

 

 

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