Das Lokale als Chance
Wie steht es um die Qualität des Lokaljournalismus? Arno Makowsky, Chefredakteur der Abendzeitung, sieht einen Trend zum Positiven. Ein Beitrag zur drehscheibe-Debatte

- Arno Makowsky, Chefredakteur der Abendzeitung (München)
Es war Anfang der neunziger Jahre, als ich bei einem Seminar einen ehemaligen Mitschüler der Journalistenschule traf, der mittlerweile bei einer Regionalzeitung in Norddeutschland arbeitete. Der Mann war völlig verzweifelt: „Wahnsinn, auf was ich mich da eingelassen habe! Die Politik ist Schrott, aber das Schlimmste von allem ist der Lokalteil.“
Dabei sahen die Lokalseiten dieses Blättchens nur so aus, wie die meisten Seiten in deutschen Lokalzeitungen damals aussahen: Jede Seite bestand aus etwa sechs gleich großen Zweispaltern, die Überschriften trugen wie „Schützen erfolgreich“ oder „Jubilare geehrt“ oder „Mehrzweckhalle ein Raub der Flammen“. Auf den Fotos sah man entweder alte Männer, die sich in Positur stellten, oder qualmende Mehrzweckhallen.
Ich finde, seitdem hat sich eine Menge zum Positiven verändert.
Gut, dem „Raub der Flammen“ begegnet man in Regionalzeitungen auch weiterhin, und es gibt nach wie vor die berüchtigten pensionierten Studienräte, die sich als freie Mitarbeiter versuchen (weil man für ein paar Cent Zeilengeld eben keine richtigen Journalisten bekommt). Aber unterm Strich entwickeln die meisten Lokalchefs heute Ambitionen, die noch vor zehn Jahren undenkbar waren: Neben der Vereins- und Terminberichterstattung stößt man auf originelle Aufreger-Storys, gut konzipierte Serien, die Geschichten werden mit Straßenumfragen und Kurzinterviews aufgelockert, lange Reportagen bekommen Infokästen verpasst. Das Layout ist moderner, manche Lokalteile arbeiten mit Infografiken und Service-Tabellen.
Dieser positive Trend hat zwei Ursachen. Zum einen sind die Lokaljournalisten heute besser ausgebildet. Sie haben studiert, Praktika in großen Zeitungen absolviert, Kurse in Journalistenakademien besucht. Sie wissen, wie’s geht. Immer wieder wird so einer oder so eine auch Lokalchef.
Zum anderen erkennen die Verlage zunehmend die überlebenswichtige Bedeutung der Lokalteile. Fast alle Informationen bekommt man im Internet schneller und oft auch besser. Nur das Lokale nicht. Das Lokale zu powern, ist die einzige Chance der Tageszeitungen. Die Schlaueren unter den Verlegern haben das mittlerweile kapiert.
Die Lokalblätter müssen sich dafür nicht auf einen Wettbewerb einlassen, wer noch schriller und noch witziger daherkommt. Es reicht, jeden Tag ein paar Geschichten im Blatt zu haben, die nicht vom Anzeigenleiter auf dem Golfplatz vereinbart wurden. Sondern richtig recherchiert sind, nah dran an der Lebenswirklichkeit der Leser, und, wenn’s sein muss, auch ein bisschen frech.
Vielleicht ist das heute die größte Herausforderung des lokalen Journalismus: Sich nicht von wirtschaftlichen Zwängen vereinnahmen zu lassen. Nur dann wird er vom Leser ernst genommen – und ist letztlich auch wirtschaftlich erfolgreich.
Arno Makowsky...
... ist seit März 2008 Chef der Münchner Abendzeitung. Zuvor leitete er bei der Süddeutschen Zeitung den Lokalteil und zuletzt die „Panorama“-Seiten. Der gebürtige Münchner verordnete der Abendzeitung eine stärkere Hinwendung zum Lokaljournalismus. In diesem Jahr erhielt die Zeitung für ihre lokale „Report“-Seite den Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Kategorie Text-Bild-Komposition.
Kontakt: Arno Makowsky,
Tel. (089) 237 73 23,
E-Mail: chefredaktion@abendzeitung.de


