So geht bessere Wahlberichterstattung im Lokalen

Wie wird die Berichterstattung der eigenen Zeitung zum Bundestagswahlkampf spannender, verständlicher und relevanter? Wie begegnet man dem sich verändernden politischen Klima und Lügenpressevorwürfen? Was gibt es für Tools und Berichterstattungsformen, die man kennen und anwenden sollte? Dreißig Redakteurinnen und Redakteure haben sich bei der bpb-Redaktionskonferenz zur Wahlberichterstattung im Lokalen Gedanken dazu gemacht. Hier sind ihre Ideen.

1. Vielfältig auf Kandidatinnen und Kandidaten eingehen

  • Porträts, Steckbriefe, Interviews veröffentlichen – nicht zu unkritisch sein
  • Kandidatinnen und Kandidaten gestisch und mimisch auf Fragen antworten lassen oder Meinungen zu bestimmten Bildern abfragen.
  • Speeddating mit Kandidatinnen und Kandidaten im Video
  • „Mein Leben in zehn Bildern“
  • Einen fiktiven Chatverlauf aus der WhatsApp-Gruppe der Kandidatinnen und Kandidaten erstellen
  • Alltags-Tauglichkeitscheck: Politikerinnen und Politiker werden zu ihren Schwerpunktthemen auf Alltagstauglichkeit getestet, Verkehrspolitiker können etwa Bus fahren und dazu ihre verkehrspolitischen Thesen äußern, diese Thesen sollten dann in einem Faktencheck geprüft werden.
  • Ein Tag mit…: Begleitung der Kandidatinnen und Kandidaten durch den Wahlkreis, bei Amtsinhabern eventuell auch in Berlin – ergänzen durch Kurzvideos, Audio-Slideshows und Bildergalerien
  • Fünf Menschen aus dem Umfeld des Kandidaten oder der Kandidatin befragen

2. Fakten checken und Ressourcen für Recherchen zur Verfügung stellen – nicht nur reagieren!

  • Mit Inhalten auseinandersetzen, Programme kennen, Fakten checken
  • Überprüfen: Was haben die Parteien bei der letzten Wahl versprochen und was haben sie umgesetzt oder nicht? Was haben sie in der Vergangenheit gesagt? Widersprechen sie sich? Welche Reden wurden im Bundestag gehalten, in welchen Ausschüssen sind die Kandidatinnen und Kandidaten aktiv? (Hilfreich: Sprech- und Sachregister des Bundestages)
  • Jetzt schon Listen mit Zitaten und bemerkenswerten Aussagen der Kandidatinnen und Kandidaten anlegen
  • In einem Faktencheck-Interview nur Fragen stellen, die mit ja oder nein beantwortet werden können und überprüfen
  • Wie finanzieren die Parteien vor Ort ihren Wahlkampf? Investigative Recherche
  • Background-Recherche: Wo kommt der Kandidat oder die Kandidatin her, seit wann ist er oder sie in der Partei und Lokalpolitik aktiv, warum kandidiert er oder sie?

3. Auch mal „nein“ sagen

  • Pressekonferenzen müssen nicht besucht werden
  • Lieber darauf verzichten, Pressemitteilungen abzudrucken oder das kennzeichnen

4. Extremen Parteien und Fake News mit Konzept begegnen

  • Konzept innerhalb der Redaktion entwickeln, wie mit extremen Parteien umgegangen werden soll
  • Wenn jemand Zitate nicht autorisiert oder sich nicht porträtieren lassen möchte, sollte die Zeitung das transparent machen
  • Fake News aufdecken und thematisieren
  • Hasskommentaren kann in den Sozialen Netzwerken auch einmal mit Humor begegnet werden
  • Auch Agenturmeldungen vor Veröffentlichung nach Möglichkeit nochmal nachprüfen

5. Leserinnen und Leser stärker einbinden

Ideen sammeln in der Arbeitsgruppe

  • Podiumsdiskussionen veranstalten
  • Leserinnen und Lesern die Möglichkeit für direkte Fragen eröffnen (z.B. live per Twitter oder Facebook) – gerne auch Live-Chats
  • Transparenz: Leserinnen und Leser sollten wissen, was sie in den kommenden Monaten an Berichterstattung erwartet – ggf. kann man sogar schon einen Zeitplan veröffentlichen
  • Lebenswelten der Leserinnen und Leser abdecken: Zum Beispiel Themen wie Familienpolitik, Mieten in den Städten, Kitaplätze anschneiden und aufdröseln
  • Neue Formate ausprobieren, um auch jüngere Wahlinteressierte zu erreichen
  • Interview mit einem bekennenden Nichtwähler führen
  • Leserinnen und Leser führen selbst Interviews – wäre z.B. auch mit Erstwählern interessant (ginge auch über Facebook oder Twitter)
  • Neue Rubrik: „Sagt und doch einmal, was wir recherchieren sollen …“

6. Die Wahl multimedialer inszenieren

  • Neue und frische Kulissen schaffen: Zum Beispiel Gespräch auf der Couch, Treffen am Lieblingsort, etc.
  • Videos mit Kandidatinnen und Kandidaten – als Format zum Beispiel „drei Fragen an“ – auch Leute auf der Straße können so zu den Wahlen befragt werden
  • Flowcharts
  • Auch kurze Videos und Snaps produzieren
  • Grafiken und Statistiken ansprechender gestalten – (mehr dazu in diesem Beitrag)
  • Wenn ein Video bereits länger eingeplant ist und so vorbereitet werden kann, dann sollten das die Redakteurinnen und Redakteure auch tun. Sprich: Kamera verwenden. Spontane Situationen eher mit dem Handy aufnehmen. Generell gilt, jene Technik zu verwenden, mit der sich die jeweilige Person gut auskennt.
  • Hausbesuche bei Kandidatinnen und Kandidaten im Video umsetzen
  • Bei spontanten Handy-Videos: Überraschungseffekt nicht vergessen
  • Ggf. Erklärvideos und Video-Kommentare
  • Wahlprogramme oder Reden auslesen und z.B. mit Wordle Wortwolken dazu bauen
  • Einbindung des Wahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung. Wie das geht, erklären wir hier.
  • Instagram nicht vergessen!

7. Frühzeitig ein detailliertes Konzept erstellen

daran kommt keiner vorbei …

  • Frühzeitig in diesem Jahr einen genauen Zeitplan entwickeln (spätestens nach den Osterferien) und dabei Urlaube, Kapazitäten für Erstellung multimedialer Beiträge und innovativer Layouts sowie Logos beachten, Wahlkampftermine abfragen etc.
  • Sechs Wochen vor der Wahl beginnt die heiße Phase mit intensivierter Berichterstattung
  • Teams bilden und Volontierende einbinden, Aufgaben verteilen
  • Kandidatinnen und Kandidaten über Konzept informieren

8. Auch mal bunt und lustig sein

  • Expertinnen und Experten analysieren Wahlplakate, Social-Media-Auftritte und Webseiten der Kandidatinnen und Kandidaten – ansonsten auch gerne einfach mal im Print zeigen, was sie eigentlich so twittern, verlinken und auf Facebook posten
  • „So erklären Sie Ihrem Kind die Bundestagswahl“
  • Polit-Dingsda mit Kindern
  • Alte Fotos aus dem Leben der Kandidatinnen und Kandidaten sammeln und veröffentlichen
  • Ungewöhnliche Interviewsituationen schaffen (z.B. beim Joggen, Tischkickern etc.)

9. Auf den Wahlabend vorbereitet sein

  • Personell rechtzeitig gut aufstellen (auch im Layout)
  • Live-Ticker mit regelmäßigen Postings von unterschiedlichen Personen
  • Unbedingt auch Bilder, Screenshots oder kurze Videos einbinden – Links eher nicht

Fabian Scheuermann

Fabian Scheuermann ist Volontär bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Jugendmagazin fluter und Lokaljournalistenprogramm.

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