Journalismus und Krise

Forderungen an den modernen Lokaljournalismus

von Ralf Freitag

Die Krise der Demokratie hat eine neue Stufe erreicht. Sie ist nicht mehr nur eine weit entfernte Randerscheinung, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Angriffe auf die liberale Demokratie kommen von rechts – von denen, die sich „links liegengelassen“ fühlen, von denen, für welche die Entgrenzung der Gesellschaftsnormen Orientierungslosigkeit bedeutet und die sich mehrheitlich vom gesellschaftlichen Diskurs verabschiedet haben. Vom Diskurs übrig geblieben sind Emotionen und gefühlte Wahrheiten. Wie begegnet man als Lokaljournalist diesen Entwicklungen? Sieben Forderungen an den modernen Lokaljournalismus.

  • Wir haben uns nicht gewehrt!

Jeder Lokalredakteur kennt das: Ein Fraktionschef hat sich im Interview euphorisiert von einer Idee weit aus dem Fenster gelehnt – zu weit. Er bekommt Druck von allen Seiten und behauptet schließlich öffentlich im Rat: „Das habe ich nie gesagt. Die von der Zeitung haben mal wieder gedichtet statt vernünftig recherchiert.“ Und wie reagieren wir? Der Redaktionsvertreter im Rat schweigt betreten. Warum soll er eingreifen und dagegen reden? Er hat das Interview schließlich nicht geführt. Und warum soll er es sich auch noch mit Partei x verscherzen?

Und in der Redaktion kommt auch niemand auf die Idee, das Thema in Form einer „In eigener Sache“, als Kommentar oder gar als weiterrecherchierten Beitrag zu veröffentlichen. Lieber steht man als Dummdepp da, als noch mehr Öl ins Feuer zu gießen und es sich mit der Politik zu verscherzen.

Das ist der Alltag – immer noch – in ganz Deutschland. Und getreu dem Motto „Wer sich nicht wehrt, der hat schon verloren“ setzt sich auch so schleichend ein Bild in der Öffentlichkeit von den Medien fest, das eigentlich nicht stimmt, aber den fruchtbaren Boden für die aktuelle Debatte mit bereitet hat.

  • Wir haben uns selbst zu oft zu Textern statt zu Journalisten gemacht

Freiheit hat immer auch etwas mit Verantwortung zu tun. Klar, das ist eine Binse. Das gilt natürlich auch für die Pressefreiheit. Aus meiner Arbeit in Lokalredaktionen und aus zahllosen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen weiß ich aber, dass es mit der Verantwortung in den Redaktionen nicht immer weit her ist. Da gibt es keine ordentliche Einsatzplanung, und erst fünf Minuten vor einer Pressekonferenz wird entschieden, wer denn hingeht, da der eigentliche „Experte“ für das Thema Urlaub hat. Fehlende Vorbereitung und fehlende fachliche Expertise stehen dann dem politischen Verlautbarungsmechanismus gegenüber. Das Delegieren dieser Termine an Freie macht es nicht besser. Im Gegenteil: Sie werden meist ohne jegliches Briefing losgeschickt. Schlimmer noch: Da ja ein Freier den Termin macht, beschäftigt sich auch kein Redakteur mit dem Thema.

Das Ergebnis ist dann bestenfalls eine reflexionslose Wiedergabe, schlechtestenfalls eine unverstandene Dokumentation mit sachlichen Fehlern. Jedenfalls kommt so nicht das heraus, worauf Menschen, die für eine Zeitung bezahlen, schlicht ein Anrecht haben: fundierte und kritische Nachfrage, Reflexion, Nachdrehe bei anderen lokalen Playern mit anderer Meinung zum Thema. Mit Journalismus hat das nichts zu tun, jedenfalls nicht mit geldwertem Journalismus. Und Pressefreiheit braucht man dafür auch nicht – nicht einmal Zensur.

  • Unser eigenes sozial-politisches Koordinatensystem hat versagt

Die Flüchtlingskrise hat in vielen Journalisten zwar den Kämpfer für die gute Sache geweckt, aber die lokaljournalistischen Tugenden einschlafen und den Grundsatz, alle Interessen darzustellen und ggf. zu moderieren in der Versenkung verschwinden lassen. Der Spiegel widmete diesem Phänomen in seiner ersten Ausgabe 2017 ein eigenes Schwerpunktthema. Er schrieb unter anderem:

„Wer sich darüber beklagt, dass das Volleyballtraining nun schon seit vier Monaten ausfällt, weil die Halle für Flüchtlinge genutzt wird und Ersatz nicht zu finden ist, ist nicht zwangsläufig ein Rassist, sondern zunächst nur ein Mensch, der sich darüber ärgert, dass er nicht mehr Volleyball spielen kann.“

Wir haben das aber so anfangs nicht thematisiert, sondern diese Konfliktpunkte tabuisiert, weil wir der Meinung waren, eine solche Debatte könne die Willkommenskultur beschädigen. Mit dieser Haltung haben wir aber auch viele gegen uns aufgebracht, die eigentlich für sachliche Informationen noch empfänglich sind. Das lange Verschließen vor den Konfliktthemen der Integration ist für mich persönlich einer der schwersten Fehler, den viele Redaktionen im vergangenen Jahr gemacht haben.

  • Wir Journalisten haben uns mit dem Aufkommen von Hass und Drohungen gegen uns nicht genügend ideologisch positioniert

Ja, schweigen in eigener Sache, das können wir gut. Und das gilt auch in Bezug auf die Drohungen, die in immer kürzeren Intervallen in die Redaktionen geflattert kamen. Klar, einige haben mit Hate-Slams Ventile und Öffentlichkeit geschaffen. Aber eine wirkliche öffentliche Auseinandersetzung mit der Frage, wo wir Presseleute eigentlich in diesem Kampf um die Demokratie stehen, die haben wir nicht geführt. „Ich will doch nur meine Arbeit machen“, habe ich oft genug von Kollegen dazu gehört.

Nun ist es aber so, dass uns die Rechts-Populisten mit ihren Lügenpresse-Vorwürfen ja nicht zu Reflexion und Recherche auffordern. Im Gegenteil: diese Drohungen sollen uns einschüchtern und uns Beißhemmungen eintrichtern, wenn es um die korrekte Interpretation von Kriminalstatistiken oder das Auflösen von Gerüchten geht. In unseren Köpfen soll immer die Frage „Ist vielleicht doch was dran“ mitschwingen. Dabei ist kuschen nicht unser Job, es sich mit allen gut zu stellen auch nicht. Unser Job ist vielmehr die Wahrheit oder das, was wir nach bestem Wissen und Gewissen dafür halten. In diesem Sinne leisten wir unseren Dienst an der Demokratie, dafür statten uns Grundgesetz und Landespressegesetze mit weitreichenden Informationsrechten aus. Das haben wir in der Vergangenheit zu kleinlaut vertreten. Ich halte daher viel davon, sich neben der unbequemen Recherche auch zu erklären, warum die gerade jetzt sein muss. Und ich halte auch viel davon, sich aktiv dort einzubringen, wo im besten Sinne um unsere Demokratie, unseren Pluralismus unsere Freiheit gerungen wird. Wir sind hier aktiver Teil, nicht passiver Beobachter. Sonst sind wir unsere Freiheiten auch schnell los.

Dennoch wird die Besinnung auf unsere journalistischen Tugenden und die Pressefreiheit nicht ausreichen, um verloren gegangenes Vertrauen zurückzuerobern. Denn darum muss es gehen. Dabei gibt es aber ein Problem. Denn im postfaktischen Zeitalter kommt es eben immer weniger auf die Fakten an. Die Nutzung der Smartphones als allumspannenden Informationskanal hat diese Tendenz noch beschleunigt. Was sich nicht innerhalb einer Minute googlen lässt, bleibt als bare Münze stehen. Und schlimmer noch: es wird erst gar nicht hinterfragt.

Vor diesem Hintergrund brauchen wir

  • Einen souveränen Journalismus, der sich über die Stärke der jeweiligen Redaktionen einer Zeitung definiert.

Neulich las ich ein Interview des Bonner General-Anzeigers mit Correctiv-Geschäftsführer David Schraven. Er forderte einmal mehr die Lokalzeitungen auf, sich bitte an der externen Suche nach Falschmeldungen auf Facebook zu beteiligen. Ich frage mich allen Ernstes, warum sich Lokalzeitungen daran beteiligen sollten, einem ihrer inzwischen größten Wettbewerber um Leser und Nutzer auch noch dabei zu helfen, sein zunehmend unseriöses Image zu nehmen.

Wir Lokalzeitungen müssen im extrem hart gewordenen Medienwettbewerb selbst sehen, wo wir bleiben. Und dazu zählt meines Erachtens nach auch, dass wir selbst deutlich machen, dass WIR es sind, die recherchieren und am Ende deswegen mit seriösen Informationen handeln, auf dessen Richtigkeit man nach wie vor sehr vertrauen kann.

Und ich sehe daher auch nicht ein, warum ein Zeitungsverlag Facebook dabei helfen sollte, sein Image zu polieren. Ich möchte sogar, dass sich diese Situation weiter polarisiert. Wer sich allein über Facebook informiert, dem soll auch zunehmend klar sein, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. Selbstverständlich können und müssen wir Zeitungen Fake-News auf Facebook aufgreifen und entlarven. Aber sicher nicht, um Facebook zu helfen.

Für mich ist Facebook nichts weiter als die digitale Fortsetzung der Kneipentheke, die heute leider dadurch, dass kaum noch jemand zum Feierabendbier in die Kneipe geht, ihre Funktion im realen Leben verloren hat. Aber an der Theke kann man geistige, freundschaftliche, ernste oder alberne Gespräche führen. Man traf interessante Menschen, mit denen man Freundschaften schloss, aber genauso auch Idioten, die entweder im Suff oder gar nüchtern einfach nur Blödsinn erzählen oder aber den Blödsinn anderer für bare Münze hielten, dramatisierten und verbreiteten. Und dann gab es noch einen Barkeeper, der auch schon mal eingriff, wenn jemand aggressiv wurde und rumpöbelte. Aber es war ansonsten ein freier, manchmal auch rechtsfreier Raum des Sabbelns – und jeder wusste das. Und wir müssen es hinkriegen, dass wenigstens den meisten Menschen klar wird, dass Facebook nichts anderes ist. Man stelle sich vor, wir Journalisten hätten damals die Kneipentheke, reale Quelle unzähliger Geschichten, deren Ursprung wir dort aufsogen, versucht, durch Info-Checks zu einem Ort seriösen Informationsaustausches zu machen, weil wir uns dort ja auch „bedienten“. Die Theke wäre als Institution sofort tot gewesen.

Nein, wir sollten Facebook nicht helfen, seriöser zu werden, sondern unseren Leserinnen und Lesern eher klar machen, was Facebook ist – ein Quatschraum, nicht mehr und nicht weniger.

Übrigens: Vor diesem Hintergrund war ich auch schier entsetzt über den Vorschlag des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger, das Wahlrecht auf 16 Jahre herunterzusetzen. Das ist Denke des aufgeklärten Liberalismus der 90er-Jahre. Mit der gelebten Realität auf den Schulhöfen unserer Bildungsanstalten hat das nichts zu tun. Dort zeichnet sich eher das Bild einer politisch vollkommen politisch desorientierten und uninformierten Jugend ab, der selbst elementarste politische Vorgänge innen- und außenpolitisch nicht mehr präsent sind. Nein, ich wäre vor diesem Hintergrund eher für ein Wahlrecht ab 21! Ändern werde ich meine Meinung erst wieder, wenn mir ein Verlag seriös nachweisen kann, dass er eine App entwickelt hat, mit der er junge Menschen wieder für Politik begeistern kann.

  • Die Lokal- und Regionalzeitungen müssen wieder die Stimme der Menschen im Verbreitungsgebiet werden

Ja, der betriebswirtschaftliche Druck auf die Redaktionen ist immens. Und ich kenne keine Redaktion, die in den vergangenen Jahren nicht viele Ideen in Workflows, effektives Produzieren und Einsatzpläne gesteckt hat. An unseren Newsdesks werden heute in atemberaubender Geschwindigkeit Regionalseiten produziert, Videos geschnitten und vertont sowie multimediale Reportagen ins Netz gestellt.

Klar, unsere Reporter haben wir von der Seitenproduktion befreit. Sie haben heute deutlich mehr Zeit für Themensetzung, Recherche und Schreibe. Aber hat das wirklich auch die Leserbindung erhöht? Die Antwort ist leider – Nein.

Dialogformen sind entweder zu ritualisierten Umfragen verkommen oder zu Kunstformen wie „Leser-Interviews“, in denen Leser-Experten in die Rolle der Journalisten schlüpfen. Dabei täte es uns gut, dem Volk wieder direkt aufs Maul zu schauen. Ich will Sie daher ermuntern: Laden Sie Ihre Leser zu Foren ein, diskutieren Sie mit ihnen offen, wie es im Dorf weitergeht, wie die Zeitung der Zukunft aussehen soll oder was kommunalpolitisch gerade geht und was nicht. Warum nicht das Expertenwissen der Leser für die eigene Themen-Agenda nutzen?

Wenn wir wollen, dass die Menschen wieder bei der Gestaltung der Demokratie und nicht nur bei ihrer Zerstörung mitmachen, warum fangen wir dann nicht bei uns selbst als DIE freie Institution der Demokratie an?

  • Unsere Ausbildung muss für junge Leute attraktiver gestaltet werden

Für die Mitgliedsverlage des Verbandes deutscher Lokalzeitungen gibt es seit etwa einem Jahr die Möglichkeit, die Ausbildung zertifizieren zu lassen. Das Verfahren, vom Chefredakteursausschuss des Verbandes entwickelt, folgt schlicht einer Erkenntnis: Volontäre als günstiger Personal-Füllstoff in Redaktionen führen ins Leere. Sie bringen die Redaktion nicht nach vorn, weil sie kaum Möglichkeiten haben, ihre eigenen Ideen zu entwickeln.

Die Anforderungen an Recherche, crossmediale Produktion oder Zeitmanagement sind heute extrem hoch geworden. Und wollen wir, dass junge Journalisten nicht nur selbstverliebt und inhaltsleer über digitale Formate reden, sondern auch Online als Mittel zum Zweck, Menschen zu informieren, begreifen sollen, müssen wir echten Wissenstransfer in den Redaktionen organisieren. Das aber braucht Zeit, Geduld und Willen neben dem Alltagsgeschäft.

Ja, in den vergangenen zwei, drei Jahren hat sich gesellschaftlich vieles zum Schlechteren gedreht und auch um die Pressefreiheit steht es nicht zum Besten. Dennoch – und das wollte ich mit diesem Aufsatz deutlich machen – können wir Journalisten eine ganze Menge dagegen tun, statt nur zu lamentieren.

 

Gekürzte Fassung eines Vortrags, den Ralf Freitag Anfang April in der Klosterabtei Neumünster in Meschede hält.

Ralf Freitag

Ralf Freitag

Lippische Landes-Zeitung
Geschäftsführer Medien und Kommunikation
Tel.: 05231 - 91 11 03
Mail: rfreitag@lz.de

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Kommentar von Thierry Chervel |

Mir fehlt in diesem Text eine Reflexion darüber, dass Lokalzeitungen in vielen Städten - mangels Konkurrenz - oft Teil der Honoratiorenschaft sind. Eine Reflexion über Lokalpresse ohne Reflexion über Lokalpresse als Machtfaktor in lokaler Politik kann's nicht bringen.

Kommentar von M. Buse |

Das Grundproblem aller Institutionen, Parteien und Organisationen ist GLAUBWÜRDIGKEIT. Als über Jahre aktiver Journalist jetzt in einer Behörde als Pressesprecher tätig kann ich nur bemängeln: Ich bekomme alles in die Lokalpresse. Goldene Zeiten für die PR. Nichts wird mehr hinterfragt! Selten wird etwas umgeschrieben (bis auf die Überschrift). Gegenteilige Standpunkte in einem Artikel: Fehlanzeige. Wenn ich dann weiter in die Lokalzeitung des Tages schaue: Sparkasse, Unternehmen, Vereinen geht es ähnlich. Man könnte sich darüber freuen, wenn es nicht so traurig für unsere Gesellschaft wäre. Wo bleiben kritische, gut recherchierte Themen?! Wo bleibt denn mal die Sozialreportage? Viele Journalisten sind mit Mitte 20 schon so gesetzt und teilweise arrogant, dass sie sich nur noch zu Presseterminen "ins Zeug legen".

Kommentar von Robert Dobschütz |

Lieber Herr Freitag,

Sie haben mit sehr vielem Recht. Mich wundert eher, wie lange es gebraucht hat, bis wir dies auch mal von anderen hören ;-) Schön auch der "Experte" ;-)

Also: hauen Sie rein, machen Sie so weiter wie hier skizziert. Dann glaube ich, dass auch Sie wieder erfolgreich Lokaljournalismus machen werden. Und sehen Sie Ihre Gedanken als Wettbewerbsvorteil ;-)

In diesem Zusammenhang: Herr Schraven schwatzt bloß, eine Lokalzeitungssituation ist ihm unbekannt und seine Arbeit wird von Geldgebern bezahlt, eher sehr viel weniger von Lesern und Werbekunden. Er befindet sich demnach nicht in der Position, Lokalzeitungen kluge Ratschläge im Umgang mit Facebook zu erteilen.

Übrigens geht Ihr Ansatz an einer Stelle leider nicht weit genug: Versuchen Sie mal in Richtung Mitarbeiterbeteiligung bei lokalen Medien zu denken. Es lohnt sich, versprochen.

Wenn Sie sich dazu austauschen wollen, Sie finden mich hier: http://www.l-iz.de/mediadaten

Grüße aus Leipzig von der L-IZ.de & der LEIPZIGER ZEITUNG ;-)

PS.: Zu Thierry - in Leipzig ist dies durch uns anders. Zu Herrn Buse "Ich bekomme alles in die Lokalpresse. Goldene Zeiten für die PR. Nichts wird mehr hinterfragt!" Interessant: Wir suchen gerade nach Geschichten, die eben dies belegen. Haben Sie Beispiele? (Nummer, siehe oben)

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