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David Wnendt ist Filmregisseur.

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„Bei den Treffen ging es mir nie um eine persönliche Wertung“

Mit seinem Film „Kriegerin“ ist David Wnendt ein vielbeachtetes Debüt gelungen: Die fiktive Geschichte um das Skingirl Marisa, das versucht, aus seiner rechtsextremen Clique in der ostdeutschen Provinz auszusteigen, hat diverse Festivalpreise gewonnen und läuft derzeit im Kino. Im Interview erläutert der Regisseur, wie er bei seiner Recherche im rechtsextremen Milieu vorgegangen ist.

Wirken auf den ersten Blick recht friedlich: rechtsextreme Jugendliche. Filmfoto: Ascot Elite Filmverleih/ Alexander Janetzko

Herr Wnendt, die Idee zum Film entstand vor dem Bekanntwerden der Morde der Zwickauer Terrorzelle. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?


Da hätte im Prinzip jeder drauf kommen können, denn das Problem war einfach da. Mir ist schon direkt nach dem Abi bei einem Fotoprojekt, das ich über ostdeutsche Jugendliche gemacht habe, aufgefallen, dass es dort sehr viele rechtsextreme Cliquen und Jugendliche gab. Schon damals war mir klar, dass sich dieses Problem nicht von selbst lösen wird. Als ich die Idee zu dem Film dann vorgeschlagen habe, gab es schon einige Redakteure, die es nicht aktuell genug fanden. Den Redakteuren vom ZDF „Das kleine Fernsehspiel“ hat der Stoff aber gefallen. Auch, dass ich den Fokus auf die Frauen in der Naziszene gelegt habe.


Ihr Film erzählt eine fiktive Geschichte, aber für die Grundlagen haben Sie sich in der realen rechtsextremen Szene umgeschaut. Wie sind Sie vorgegangen?

Am Anfang habe ich ganz viel gelesen, mit Experten gesprochen und bin zu rechtsextremen Demos gegangen. Auch zum Thema „Frauen in der rechten Szene“ gibt es schon viel Literatur. Das Mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus (MBR) hat mich dann beraten und mir gesagt, wo es Jugendclubs gibt, in denen auch Rechte sich aufhalten. Dort habe ich dann viel Zeit verbracht und einige der Jugendlichen kennen gelernt. Die bekamen von mir aber nur die Info, dass es um einen Film über Jugendliche geht, die auf dem Land leben. Diese Jugendlichen tragen zwar Thor Steinar-Pullis und millimeterkurze kurze Haare, wirken auf den ersten Blick aber recht friedlich, feiern zum Beispiel Grillpartys und hängen zusammen ab. Andere Jugendliche in der Umgebung haben mir dann aber schon klar gemacht, dass diese Clique auch Partys sprengt und ziemlich berüchtigt ist in der Gegend.

Dann aber der Übergriff im Zug. Filmfoto: Ascot Elite Filmverleih/ Alexander Janetzko

Sie haben auch Einzelinterviews mit rechtsextremen Frauen geführt. Wie haben Sie sich diesen Kontakt hergestellt und vorbereitet?


Mir war es wichtig, mit einzelnen Frauen zu sprechen. Die sind auch alle online, zum Beispiel in speziellen Datingforen, wie etwa Germania Dating. Da habe ich mir dann einfach auch ein Profil gemacht und mir alle Frauen anzeigen lassen. Das Internet ist wirklich ideal dafür, da das Bestreben, sich untereinander zu finden, in der Szene sehr groß ist. In meinen persönlichen Anschreiben habe ich mein Anliegen dann wesentlich offener, aber immer neutral gehalten: Ich mache einen Film über rechte Frauen und ob die betreffende Person bereit ist, sich mit mir zu treffen. Bei sechs Frauen hat dies dann auch geklappt. Das waren teilweise stundenlange Interviews, in denen man viel über die private Lebenswege der einzelnen Frauen erfahren hat. Da hatte ich dann am Ende genug Material für meine Geschichte. Um eine persönliche Wertung ging es mir bei diesen Treffen aber nie.



Welche Orte haben Sie für die Treffen ausgewählt? Ist es nicht schwierig, in einem kleinen Dorf einen Platz für ein Gespräch zu finden?

 

Das war meistens in deren Wohnort, da bin ich dann zum Beispiel auch nach Stuttgart oder in Frankfurt gefahren. Oft haben die Frauen dann ein Einkaufszentrum oder einen Ort in der Stadt vorgeschlagen. Bei einigen war ich aber auch zuhause oder man hat sich ins Café gesetzt. Bei kleinen Orten haben wir uns in der nächst größeren Nachbarstadt getroffen, ich war aber immer allein.


Die Reaktion auf „Kriegerin“ in den deutschen Medien ist enorm. Gab es im Nachhinein nochmal Reaktionen von Ihren Interviewpartnerinnen?

 

Einer habe ich den Film geschickt, die hat sich nicht groß dazu geäußert, außer, dass sie es nicht gut fand, dass Marisa, die Protagonistin des Films, aussteigt. Was soll sie auch anderes sagen, sie selber steigt ja auch nicht aus.

Hat sich diese Art von Recherche gelohnt? Würden Sie bei einem nächsten Film zu einem brisanten Thema wieder so vorgehen?

 

Ja, ich würde es immer wieder so machen. Mein nächstes Projekt ist allerdings eine Literaturverfilmung, da gibt es den Stoff dann schon – brisant ist das Thema aber trotzdem.

Interview: Cosima M. Grohmann

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