Ein Zukunftsszenario für den Lokaljournalismus

- Jeff Jarvis ist Journalist, Blogger und lehrt an der Graduate School of Journalism der City University of New York. In seinem Blog buzzmachine.com schreibt er regelmäßig über die Themen Medien und Internet. Auch der nebenstehende Text stammt aus dem Blog.
Zeitungsverlage müssen Plattformen für Communitys bieten und sich ausschließlich auf lokale Inhalte konzentrieren.
Von Jeff Jarvis (www.buzzmachine.com)
In der Vergangenheit bin ich von den Kommentatoren in meinem Blog immer wieder mit gutem Grund gefragt worden, wie Journalismus in Zukunft aussehen wird. Wie wir die Regierungen im Auge behalten können und woher das Geld dafür kommen soll. Ich habe keine Antworten auf diese Fragen: Ich habe Vermutungen, Ideen, Visionen. Alles, was ich weiß, ist, dass wir viele Modelle erfinden und ausprobieren müssen, um herauszufinden, was funktioniert.
Es ist richtig zu erwarten, dass ich Zukunftsszenarien entwerfe. In gewisser Weise tue ich in meinem Blog Buzzmachine nichts anderes, aber es gibt keinen Text, in dem meine Prognosen zusammengefasst sind. Diese Lücke möchte ich mit diesen Zeilen schließen und einen kurzen Überblick in Stichpunkten darüber liefern, wohin sich der Lokaljournalismus meiner Ansicht nach entwickeln wird. Soviel sei schon mal vorweg gesagt: Nachrichten werden nicht mehr von einem Unternehmen kontrolliert werden, sondern sie werden durch Zusammenarbeit entstehen.
Nachrichten als Bedürfnis einer Web-Gemeinschaft
Die nächste Generation lokaler Nachrichten wird nicht mehr in Medienunternehmen sondern in Internet-Communitys entstehen. Nachrichten sind nur ein Teil der Bedürfnisse einer Community. Diese Gemeinschaft im Internet braucht auch eine reibungslose Organisation, Medienunternehmen und Netzwerke können dies liefern. Ensprechend sollte es das Ziel sein, Plattformen im Netz anzubieten, die Communitys ermöglichen, das zu tun, was sie tun wollen, das zu teilen, was sie teilen wollen und das zu wissen, was sie kollektiv wissen wollen. Nachrichten werden ein Produkt der Community werden, so wie sie gleichzeitig ein Service für sie sind.
Die Medienhäuser werden gezwungenermaßen kleiner, da sie nicht länger das Monopol eines knappen Wirtschaftsguts haben. Mir ist in der Vergangenheit vorgeworfen worden, dass ich diesen Schrumpfungsprozess begrüßen würde. Das ist aber eine Falschinterpretation meiner Aussagen. Ich habe lediglich den Mut der Menschen gelobt, die ganz am Anfang standen und überlegten, was sie sich leisten konnten – um schließlich realistisch zu bleiben. In einem Markt mit der Größe von Philadelphia, wo Publikum und Anzeigenaufkommen überschaubar sind, kamen sie, statt eines Newsrooms mit 200 bis 400 Leuten, mit nur 35 Leuten aus, alle mit einem anderen beruflichen Hintergrund: zahlreiche Content Creators, wenige Redakteure und ergänzend die Moderatoren der Community. Das war ein Anfang.
Redakteure arbeiten mit den Mitgliedern der Community
Nachrichten werden aus dem Netzwerk geschaffen. Ganz klar: Niemand glaubt, dass eine 35-köpfige Truppe Philadelphia so abdecken kann, wie es der 300-Personen-Newsroom tat. Sie werden mit der Community zusammenarbeiten müssen, mit – so hoffen wir – einem Netzwerk aus über Tausend oder sogar mehreren Tausend Mitgliedern. Einige Leute werden freiwillig zu dem Nachrichtenpool des Netzwerks beitragen, etwa durch Aufnahmen einer Sitzung des Schulausschusses für einen Podcast. Einige werden früher festangestellte Journalisten sein, die heute auf eigene Rechnung arbeiten. Einige werden Blogger sein. Andere Selbstständige. Viele von ihnen werden bezahlt werden müssen oder sie werden nicht mitmachen.
Ich hoffe, dass kleine lokale Portale entstehen werden, die ähnlich funktionieren wie Glam (Anmerkung der Redaktion: Glam ist ein internationales Medienunternehmen, dass eigene Blogtexte zu den Themen Mode, Beauty, Lifestyle anbietet, schwerpunktmäßig aber auf Inhalte von über 500 Partnerseiten verlinkt, verbunden mit einer Anzeigenkooperation. www.glam.com). Diese Portale schaffen den Mitgliedern des Netzwerks, was sie wollen – Anzeigen, Inhalt, Werbung, Training – sodass sie wachsen. Dies ist im Kern das fast schon mythische und bislang nicht realisierte hyperlokale Nachrichten-Netzwerk.
Der Support des Netzwerks wird geprägt werden durch neue Berufsbilder (redaktionell wie betriebswirtschaftlich) in den neuen Medienunternehmen und anderen Organisationen, die Plattformen anbieten. Es ist dabei schwierig, völlig allein zu agieren; ich hoffe, dass Netzwerke – wenn sie erstmal bestehen – immer mehr Leute anregen, einzusteigen und mitzumachen. Dann kann der Journalismus über die Grenzen des alten Newsrooms hinausgehen. Journalismus kann wachsen. Aber erst müssen wir die Plattformen und lokalen Netzwerke einrichten, die ihn beim Wachsen unterstützen.
Auf Nischen konzentrieren
Im Mittelpunkt der Arbeit dieser lokalen Medienunternehmen stehen sogenannte beats, also sehr eng eingegrenzte Themengebiete oder auch Nischen. Das genaue Verfolgen einer oder mehrerer Nischen ist die Schlüsselkompetenz, die ein lokales Medienunternehmen zur Presselandschaft beitragen kann. Diese Nischenberichterstattung wird mit Sicherheit Kommunalpolitik beinhalten. Nichtlokale Themengebiete wie Wissenschaft oder Kino sollten dagegen außer Acht gelassen werden. Spezialisierte Nischen-Journalisten werden dabei ihre Geschichten aber nicht allein recherchieren. Sie werden den Entstehungsprozess einer Nachricht in Blogs öffnen. Sie werden mit Bloggern, Experten und Mitgliedern des Netzwerks zusammenarbeiten.
Auch die Aufbereitung von Nachrichten wird sich ändern. Redakteure werden mehr Verwalter, Sammler, Organisatoren, Erzieher sein. Ihre Arbeit wird eher darin bestehen, zum Schreiben und Recherchieren anzuregen und die Ergebnisse aufzubessern, als den Nachrichtenfluss zu kontrollieren und zu entscheiden, was veröffentlicht wird.
Investigativer Journalismus ist möglich
Nur einige, wenige Recherchen werden von der Öffentlichkeit finanziell unterstützt werden. Es gibt aber einige Modelle in diese Richtung, zum Beispiel Spot.us von David Cohen, wo Leser für die Geschichten der Reporter spenden. Oder ProPublica (Anmerkung der Redaktion: ein unabhängiger Reporterpool in den USA, der sich auf investigative Recherchen spezialisiert hat und von dem Milliardär Herb Sandler finanziert wird). Ich hoffe, diese Modelle können investigativen Journalismus auf lokale Märkte ausweiten, mit lokalem Unterbau und öffentlicher Unterstützung.
Investigativer Journalismus wird weiterhin von Medienunternehmen und ähnlichen Institutionen kommen. Ich höre immer wieder die Befürchtung, dass investigativer Journalismus das erste Opfer des Umbruchs auf dem Medienmarkt sein wird. Das wäre aber verrückt und Medienunternehmen werden dies lernen. In einer Link- und Such-Ökonomie muss man einzigartige Inhalte schaffen, um Aufmerksamkeit zu erregen und Leser zu gewinnen. Investigative Recherche ist wichtiger denn je: Sie wird eine größere Leserschaft generieren und damit wesentlich zum wirtschaftlichen Gewinn beitragen. Man sollte zwar im Hinterkopf haben, dass investigativer und von den Lesern finanziell unterstützter Journalismus nur einen kleinen Teil im ganzen Angebot ausmachen wird.
Aber man sollte auch bedenken, dass heute, in Zeiten des traditionellen Newsrooms, ebenfalls nur wenig Geld in den investigativen Journalismus fließt, ich schätze mal weniger als ein Prozent. Der Ausgangspunkt zahlreicher investigativer Recherchen wird von den Nischen-Berichterstattern kommen – ebenso wie künftig zunehmend von der Leserschaft. Die Recherche an sich wird aber von den Reportern oder Journalisten-Gemeinschaften durchgeführt werden, die mit der Zeitung zusammenarbeiten. Es gibt auch neue Recherchetools, wie die Datenbankanalyse. Durch ausführliche Nischen-Berichterstattung und zusammen mit Journalisten-Gemeinschaften und einiger Unterstützung aus der Leserschaft kann investigativer Journalismus wachsen. Zum Glück. Denn davon können wir schließlich nie genug haben.
„Do what you do best and link to the rest“
Das Prinzip, sich auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren und auf den Rest zu verlinken, wird das Grundgerüst sein, Nachrichten künftig aufzubauen. Dies ist eine Anforderung an die Effizienz – niemand kann es sich erlauben, Ressourcen an allgemein zugängliche Nachrichten zu verschwenden – aber auch eine Anforderung der Link-Wirtschaft. Denn über die Verlinkung wird der originäre Journalismus Aufmerksamkeit und die Möglichkeit erhalten, Geld über Werbung zu verdienen. Das Verlinken journalistischer Inhalte und dessen Quellen – mehr als das Einfügen oder Umschreiben, wie wir es bisher tun – wird ein moralischer Imperativ des neuen Journalismus sein.
Spezialisierung wird zur Notwendigkeit im Journalismus werden. Wir werden nicht mehr alle die gleichen Dinge tun – nämlich Nachrichten in eine Ware umwandeln – sondern wir müssen auffallen und exklusive Inhalte beitragen, indem wir eine Nische besetzen. Ich denke, Lokalzeitungen müssen sich auf ihr lokales Umfeld konzentrieren und lokale Communitys bedienen. Aber Journalisten können sich auch auf anderen Gebieten spezialisieren und Links werden ihnen Publikum bringen.
Die Zukunft liegt im Verlinken und Teilen von Inhalten
Gegenseitige Synergie-Effekte sind ein mögliches Modell, um ausführliche und spezialisierte Berichterstattung über Themen, die ein breites Publikum interessieren, von national agierenden Medienhäusern umzusetzen. Zum Beispiel: Die L.A. Times könnte die Unterhaltungsindustrie perfekt abdecken und andere Zeitungen und Magazinen, die ihre Büros in Los Angeles einstellen, dazu anregen, Leser über Links auf die Seiten der L.A. Times zu schicken (als Gegenleistung könnte man sich einen Teil der Erlöse teilen). Oder die L.A. Times teilt sich das Themengebiet mit anderen Anbietern im Internet, auf dem die Anzeigen der Zeitungen gesetzt sind, über die das Angebot finanziert werden könnte. Das Gleiche könnte für Washington gelten – in gewisser Weise gibt es das mit Politico bereits (www.politico.com). Das betrifft auch die Korrespondentenbüros im Ausland (siehe das Bagdad-Büro der Times, welches nach Angaben der Zeitungen rund drei Millionen Dollar im Jahr kostet. Mehr traffic wird es nicht vollständig finanzieren aber könnte mehr bringen).
Das alte Modell der Verbreitung, in dem Nachrichten an mehrere Zeitungen verkauft werden, wird es nicht mehr geben, da es keinen Markt für den zweiten oder dritten Abdruck einer Geschichte gibt. Dadurch wird aber auch das Modell von Nachrichtenagenturen infrage gestellt, da es teuer ist und Nachrichten als Ware gehandelt werden. Meiner Meinung nach müssen die gegenseitigen Synergien genauso wie die neuen Wege, journalistische Inhalte zu teilen, ausprobiert werden.
Nachrichten werden zudem in neuen Formen jenseits des geschriebenen Artikels erscheinen, die die Nutzung aller Mediengattungen einschließen, darunter Wikis, Bilderschauen, Reportagen, Zusammenfassungen, Datenbanken, und andere Formen, die noch nicht erfunden sind.
Medienunternehmen werden zerstückelt, da viele Aufgaben geteilt oder outgesourct werden. Sie werden Produktion und Vertrieb über Bord werfen, eben den nichtjournalistischen und die nichtverkaufenden Teile, die insgesamt bis zu 60 Prozent der Kostenstruktur einer Zeitung ausmachen.
Medienunternehmen werden nicht die einzigen Anbieter von Nachrichten sein. So wie der Journalismus auf Zusammenarbeit basieren wird, so wird es auch im Anzeigenbereich und dewr Technik sein. Ein Unternehmen namens EveryBlock könnte zum Beispiel die Datenmenge verwalten (www.everyblock.com), ein weiteres mit dem Namen Daylife könnte sich um die Anordnung der Nachrichten auf der Website kümmern (www.daylife.com), während YouTube die Videos liefert.
Neue Wege für Anzeigen
Die Erlöse werden weiterhin über Anzeigen erbracht. Die besten Aussichten dürften darin liegen, Wege zu finden, neue Gruppen von Anzeigenkunden anzusprechen, die es sich bisher nicht leisten konnten, in Zeitungen zu inserieren – das geht Hand in Hand mit der Erweiterung der regionalen Leserschaft. Wandel und Wachstum statt Bewahren.
Dies ist nur ein Szenario für einen kleinen Teil des Journalismus. Nichts davon ist wirklich neu. Die wichtigsten Funktionen des Journalismus – Berichten, Beobachten, Teilen, Beantworten, Erklären – und seine Rahmenbedingungen – Faktentreue, Vollständigkeit, Fairness, Aktualität, Relevanz – bleiben bestehen. Aber die Möglichkeiten, wie und über welche Kanäle dies alles transportiert werden kann, vervielfältigen sich. Deshalb unterrichte ich so gerne Journalismus, weil wir uns nicht mehr für ein Medium und seine Mittel entscheiden müssen, sondern weil wir jedes Mal neu entscheiden können, über welches Medium die Geschichte am besten erzählt werden kann – und weil Journalismus nichts mehr mit Bewahren zu tun hat (was er niemals hätte sein sollen), sondern stattdessen mit Wandel und Wachstum.
Könnte der Journalismus untergehen? Ja, aber ich habe genug Vertrauen und Optimismus, dass er überleben, sich entwickeln und wachsen wird. Ich glaube, dass es einen expandierenden Markt für journalistische Angebote gibt; und ich weiß, dass das Bedürfnis dafür wächst.
(Übersetzung: Katrin Matthes)


