Wer, wie, was – der, die, das

Wäre Gerhart Baum Arzt, würde er Deutschland vielleicht Hypochondrie attestieren. So scheint der Bundesinnenminister a. D. doch zumindest verwundert zu sein, dass in der deutschen Gesellschaft eine Atmosphäre der Angst um sich geht.

„Wir leben in einem relativ sicheren Land. Und dennoch verlieren wir permanent die Fassung“, konstatiert Gerhart Baum zu Beginn des Kaminabends. So werde nicht nur die Terrorismusangst immer wieder instrumentalisiert, „die Angst greift grundsätzlich um sich – gegen das Fremde, gegen Minderheiten.“ Seiner Meinung nach müssten sich vor allem die JournalistInnen und PolitikerInnen zunehmend die Frage stellen, wie die Ängste moderiert werden können. Ein Schritt, um dieser Atmosphäre entgegenzuwirken, liegt nach Ansicht Baums darin, Dinge zu erklären. „Und zwar immer wieder! Wir müssen erklären, warum es Religionsfreiheit gibt, warum diese wichtig ist. Wir müssen erklären, warum wir Europa brauchen.“ Die jetzige Situation sei eine Art Zeitenwende. Vieles, was Baum als sicher geglaubt habe, sei es nicht mehr. Er führt als Beispiel Europa an: „Ich dachte immer, dass Europa alternativlos sei. Und nun sehen Sie sich nur die Rückbesinnung auf den Nationalstaat an.“

Die globalen und komplexen Probleme lassen sich nicht mehr national und einfach lösen (Gerhart Baum, FDP; Bundesinnenminister a.D.)

Auch seitens des Plenums wird nochmal betont, dass es den Menschen gerade in diesen komplexen Zeiten auf Erklärungen ankomme – nur eben auf einfache und auf kurze. Es stellt sich die Frage, ob Erklärungen, die auf Vereinfachungen basieren, der komplexen Welt gerecht werden können. Und ob man die LeserInnen ohne Vereinfachungen überhaupt erreichen könne. So weist eine Kollegin darauf hin, dass es ja viele kluge Hintergrundstücke gebe, aber diese bei bestimmten Leuten eben einfach nicht ankommen würden. In diesem Zusammenhang kristallisiert sich schließlich heraus, dass die Gruppen differenziert betrachtet werden müssen. So gehe es zum einen um die bildungsfernen und desintessierten Menschen und bei diesen sei es „keine Neuigkeit, dass sie nicht an öffentlichen Diskursen teilnehmen“, betont Baum. So werde es wohl immer eine der größten Schwierigkeiten bleiben, diese zu erreichen.
Zum anderen gebe es Menschen, die sich aus einem Gefühl der Machtlosigkeit heraus nicht mehr beteiligen mögen. „All die globalen und komplexen Probleme lassen sich nicht mehr national und einfach lösen und das treibt viele zur Resignation.“ Und an dieser Stelle kommt der ehemalige Bundesinnenminister wieder an den Punkt, an dem er schon zu Beginn war: „Wir müssen den Dingen Zeit und Raum geben – die aktuellen Entwicklungen erfordern das. Wir müssen erklären. Gerade, weil es nicht einfach ist!“

Ann-Kristin Schöne

Ann-Kristin Schöne ist Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung, Jugendmagazin fluter und Lokaljournalistenprogramm.

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