Interview

Was machen die anderen eigentlich so?

von Cosima Grohmann

Merle Sievers ist Koordinatorin am Regio-Newsdesk der Rheinischen Post.

Merle Sievers beim Karneval
Foto: Michael Gründel/NOZ

„Bäumchen wechsel dich“: Anfang November vollzogen sechs Medienhäuser den „Reportertausch“ und wechselten für eine Woche zwei Redakteure aus den eigenen Reihen gegen zwei fremde Kollegen aus. Die drehscheibe sprach mit einer der Teilnehmerinnen. Merle Sievers tauschte von der Rheinischen Post zur Neuen Osnabrücker Zeitung.

Frau Sievers, eine Woche ist nicht besonders lang – was haben Sie in Osnabrück gemacht?

Das stimmt, in einer Woche kann man eine fremde Stadt natürlich nur bedingt kennenlernen. Zum Glück habe ich mir schon vorher überlegt, was mich interessiert und was ich recherchieren will, sonst wäre mir noch mehr Zeit verloren gegangen.

War der Sprung ins kalte Wasser Teil des Konzepts beim Reportertausch?

Generell wurde es jedem selbst überlassen, wie er sich vorbereitet. Aber es stimmt schon, die Idee des Reportertauschs ist eben nicht, dass wir das Projekt vorher lange durchgeplant haben, sondern eher spontan gucken wollten: Was machen die anderen eigentlich so? Vorgänger waren die Inselhelden, eine Gruppe von fünf Chefredakteuren, die im vergangenen Sommer eine Woche lang als Blattmacher beim Insel-Boten auf Föhr zu Gast waren. Danach hieß es: Wenn dieses Konzept für beide Seiten auf leitender Ebene so fruchtbar ist, warum machen wir das nicht auch mal mit unseren Nachwuchsredakteuren?

Ist man in der Rolle des Gastredakteurs nicht anfangs auch etwas zurückhaltender, gerade während der Blattkritik oder was interne Arbeitsabläufe angeht?

Nein, denn auch für die Gastgeberredaktion ist es doch toll, wenn mal jemand kommt, der nicht schon seit 20 Jahren als Lokalredakteur in Osnabrück arbeitet und vielleicht schon etwas betriebsblind ist. Jemand, der das Ganze – natürlich immer mit einem humoristischen Blick – von außen betrachtet und neue Anstöße gibt. Das hatte für alle Seiten, nicht zuletzt auch für die Leser, einen Mehrwert.

Apropos: die Leser. Wie wurde das Projekt nach außen kommuniziert?

Mit dem Blog zum Reportertausch www.reportertausch.wordpress.com und der Vorabberichterstattung in den einzelnen Titeln, die mit an Bord sind, haben wir das Projekt von Anfang an für die Leser transparent gemacht. Es geht nicht darum, mich hier perfekt und unscheinbar in die Redaktion zu integrieren und mich als Osnabrückerin zu fühlen, sondern den Blick von außen auch gegenüber den Lesern zu thematisieren und zu erzählen: Wie sieht jemand, der die Stadt noch gar nicht kennt, Osnabrück?

Mit welcher Geschichte haben Sie ihre Austauschwoche bei der NOZ eröffnet?

Mit einem klassischen Faktencheck. Ich kenne Osnabrück nämlich nur aus dem Satiremagazin Titanic, die sich regelmäßig über die Stadt lustig macht. Ich habe nachgeschaut und gefragt: Was stimmt und was nicht? Dann habe ich beobachtet, wie sich die Fahrradfahrer in der Stadt verhalten. Und festgestellt, dass hier im Vergleich zu anderen Städten eine sehr umsichtige und freundliche Fahrradkultur herrscht. Außerdem wollte ich am 11.11. versuchen, den Karneval nach Osnabrück zu bringen – im Sinne der Völkerverständigung quasi.

Screenshot der Osnabrücker Zeitung
Mit der Austauschreporterin kam der Karneval nach Osnabrück

Welche Erfahrungen nehmen Sie in Ihre Heimatredaktion mit?

Mein Volontariat als Online-Journalistin liegt noch nicht so lange zurück, von daher bin ich es gewohnt, mich schnell in neuen Redaktionen einzufinden. Ich finde, dass die NOZ ein gutes Medienhaus ist – es gibt hier eine starke Onlineoffensive, die Arbeitsabläufe sind so eingespielt, dass wirklich konsequent Online to Print veröffentlicht wird. Das heißt, dass jeder Redakteur alle seine Artikel selbständig erst in das Online-CMS-System einpflegt und diese dann erst als Printtexte produziert werden. Diese konsequente Arbeitsweise – die übrigens auch von den älteren Kollegen voll akzeptiert wird – habe ich persönlich jetzt noch in keinem anderen Haus erlebt.

...nach dem Motto: Die da in Osnabrück, die können Online-Journalismus?

Auch andere Häuser können Online-Journalismus. Bei den Kollegen der NOZ überraschte mich aber die Selbstverständlichkeit in der Praxis. Dort kann jeder Google-Überschriften texten und weiß, was das ist. Nämlich eine SEO-Zeile, in der Schlagwörter vorkommen, die für die Verortung von Lokalzeitungen wichtig ist. Die Redakteure beherrschen und beherzigen das technische Einmaleins der Online-Veröffentlichung: Zwischenüberschriften, Teaser und ganz viele Links. Die Ansprüche für die verschiedenen Darstellungsformen sind jedem klar, und das empfinde ich als sehr positiv.

Kontakt

Merle Sievers
Rheinische Post
Tel: 0211 – 50 50

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