Rechercheleitfaden

Mit offenen Ohren durchs Web 2.0

von Antonia Eichenauer

Wortwolke Social Media Monitoring
Erstellt mit LinguLab.de

User Generated Content dominiert das Web. Täglich posten Menschen in sozialen Netzwerken, was ihnen in dem Moment am Herzen liegt. Die Inhalte, die von den Nutzern produziert werden, sind vielfältig. Sie reichen von Fotografien des Frühstücks über politische Meinungsäußerungen bis hin zu kleinen Geschichten aus der Freizeit. Der User Generated Content bildet durch seine große Varianz ab, welche Themen in der Gesellschaft relevant sind. Wer als Lokaljournalist also erfahren möchte, was die Leser interessiert, wird an einem Blick ins Netz nicht vorbeikommen. Doch wie kann man der Netzgemeinde zuhören? Die drehscheibe hat bei den Vorreitern von der Rheinischen Post nachgefragt und stellt Tools für den Einstieg vor.

Erklärung Social Media Monitoring

Monitoring kommt vom Englischen to monitor, das beobachten oder kontrollieren bedeutet. So beschreibt Monitoring in allen Bereichen das systematische Beobachten von Prozessen. Dabei werden mittels technischer Hilfsmittel Informationen gesammelt, die ausgewertet werden können. Beim Social Media Monitoring wird der User Generated Content im Netz beobachtet. Das bedeutet, alle Inhalte, die von Nicht-Unternehmern zu einem bestimmten Thema ins Netz gestellt werden, werden in Echtzeit analysiert.

Interview mit Daniel Fiene

Wofür wird Social Media Monitoring eingesetzt?

Seit vielen Jahren wird Social Media Monitoring von Unternehmen genutzt, um mitzubekommen, was über sie im Netz gesagt wird. Das Unternehmen kann auf Feedback – positives und negatives – schnell reagieren und Trends erkennen. Mittlerweile ist Social Media Monitoring auch in den Redaktionen angekommen. Allerdings nicht, um herauszufinden, wie das Medium bei den Lesern ankommt, sondern um Themen zu finden, über die gerade viel gesprochen wird. Dafür haben wir bei der Rheinischen Post das Listening Center eingeführt. Wir beobachten systematisch, über was sich die Bürger und andere Akteure in den sozialen Netzwerken austauschen.

Wie funktioniert das?

Wir setzen dafür ein Tool ein, das für uns soziale Netzwerke, Datenbanken und andere Daten-Schnittstellen durchsucht. Die Software zeigt uns, welche Themen in unserer Region gerade relevant sind, welche viral gehen oder in Kürze viral gehen könnten. Dafür geben wir der Software Hinweise, was für uns besonders wichtig ist. Das können Themen, Schlagwörter aber auch einzelne Personen, wie Meinungsmacher oder Politiker sein. Für eine Trendvorhersage entwickeln wir mit einem Partner einen neuen Algorithmus.

Die Auswertung erfolgt in unserem Social Media Team in enger Zusammenarbeit mit allen Redakteuren. Jeder Lokalredakteur kann sich selbst darüber informieren, welche Trends das Listening Center für ihn bereithält. Er kann sich aber auch eine Zusammenfassung geben lassen. Wichtig ist, dass Social Media Monitoring nicht nur von einer Social Media Redakteurin übernommen wird, sondern eine Aufgabe für alle ist.

Wie können speziell Lokaljournalisten von Social Media Monitoring profitieren?

Sie bewegen sich raus aus ihrer eigenen Filter-Blase. Sie bekommen nicht mehr nur mit, was ihre Facebook-Freunde und Twitter-Follower machen, was in ihrer direkten Nachbarschaft passiert und am Frühstückstisch besprochen wird, sondern werden aufmerksam auf Themen aus der gesamten Region. So können sie besser darauf eingehen, was die Leser aktuell interessiert. Die stärkere Nähe zu den Lesern macht sich übrigens auch in unseren Auflagenzahlen bemerkbar.

Gibt es etwas, worauf Lokalredakteure dabei besonders Acht geben sollten?

Aussagen im Netz und Informationen aus dem Netz müssen genauso behandelt werden wie Leserbriefe, die per Post, Fax oder Mail kommen. Wir müssen also auch hier ganz genau prüfen, ob die Fakten stimmen und wirklich etwas an der Geschichte dran ist.

Welche Tools helfen dabei, den Nutzern im Netz zuzuhören?

Für Einsteiger kann ich Tweetdeck empfehlen. Das macht es einfacher und übersichtlicher bei Twitter auf dem neuesten Stand zu bleiben. Außerdem rate ich, bei Facebook die Interessen-Funktion zu nutzen. Darüber kann man einzelnen Seiten so folgen, dass man die Posts in chronologischer Reihenfolge angezeigt bekommt. Das wäre dann Social Media Monitoring für einen einzelnen Redakteur und ein guter Anfang.

Wie kann man die Erkenntnisse zur Wahlberichterstattung nutzen?

Wir werden es bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfahlen ausprobieren. Wir können durch das Listening Center zum Beispiel erkennen, wie die Stimmung im Land ist. Wird der Spitzenkandidat eher positiv oder negativ besprochen? Welche Themen aus dem Wahlkampf finden in den sozialen Netzwerken statt? Kippt die Stimmung vielleicht? Das alles bekommen wir mit und können es in die Berichterstattung aufnehmen.

Daniel Fiene, Rheinische Post

Daniel Fiene

Leiter des Listening Center der
Rheinischen Post
Mail: daniel.fiene@rheinische-post.de
Web: Danielfiene.com
Fotocredit: Mathias Vietmeier

Ausflug in die Welt der Algorithmen: Was ist eine Filter Bubble?

Viele Internetseiten, aber vor allem Suchmaschinen wie Google und soziale Netzwerke wie Facebook, nutzen Algorithmen, die Inhalte für die Nutzer sortieren. Diese Algorithmen analysieren das Surfverhalten des Nutzers, „merken“ sich seine favorisierten Inhalte und spielen ihm gezielt solche Inhalte wieder zu. Dadurch werden die Nutzer aber zunehmend in einer Blase isoliert, die andere, konträre Positionen ausschließt. Die eigene Meinung festigt sich dadurch mehr und mehr, da das Gefühl entsteht, dass alle Veröffentlichungen im Netz damit übereinstimmen. Dieses Phänomen bezeichnete als Erste die Internetaktivistin Eli Pariser als „Filter Bubble“.

Tools für Einsteiger

Listen bei Twitter

Auf Twitter können Nutzer sich eigene Listen anlegen, in denen sie interessante Profile speichern. Man kann sowohl Profile, denen man folgt, als auch denen man nicht folgt, Listen hinzufügen. Dafür gibt es zwei Varianten:

  • Auf dem eigenen Twitterprofil gibt es unter Einstellungen die Möglichkeit, Listen angezeigt zu bekommen und zu erstellen
  • Jedes Twitter-Profil kann über das Rädchen-Symbol neben dem „Folgen“-Button einer Liste zugeordnet werden – mit der Option „Den Listen hinzufügen oder daraus entfernen“

Für die Recherche empfehlen sich private Listen, denn sie sind nicht von anderen Nutzern einsehbar, und die Twitter-Profile erhalten keine Benachrichtigung über ihre Mitgliedschaft in der Liste.
Es gibt aber auch viele öffentliche Listen, die von anderen Nutzern kuratiert werden und den eigenen Interessen entsprechen. Diesen Listen kann man einfach folgen. Diese Listen können auf zwei Wegen gefunden werden:

  • einzelne passende Profile und deren Listen durchsuchen
  • Google Suche: „allinurl:SUCHBEGRIFF Twitter.com –Search“
Tweetdeck

Tweetdeck macht Twitter übersichtlicher. Die Menüpunkte von Twitter werden hier nebeneinander sortiert. So kann der Nutzer auf einen Blick erfassen, was in dem eigenen Newsfeed passiert, aber auch was die Profile twittern, die in Listen gespeichert sind. Es ist auch möglich, einen eigenen Feed zu einem Suchbegriff, einzelnen Personen und vielem weiteren einzurichten.

Link: tweetdeck.twitter.com

Facebook interne Möglichkeiten
  • Facebook bietet Nutzern eine Reihe von Möglichkeiten dem Zufall zu entgehen. Es fängt damit an, dass bei offiziellen Seiten die „Gefällt mir“ Einstellungen konfiguriert werden können. So kann man sich Neuigkeiten von einzelnen Seiten als Erstes anzeigen lassen und einstellen, dass man benachrichtigt wird, wenn die Seite etwas postet.
  • Die Seite XY hat eine interessante Aussage gemacht, doch Sie wollen sich damit erst später beschäftigen? Jeder Beitrag kann auf Facebook gespeichert werden. Dabei wird entweder der Link, das eingebettete Video oder der Beitrag an sich gespeichert. Man findet diese Beiträge im seitlichen Menü unter „gespeichert“.
  • Die Listen-Funktion können Journalisten nutzen, um nicht jede Facebook-Seite, die als Quelle interessant scheint, mit „Gefällt mir“ markieren zu müssen. Neue Listen werden im Menüpunkt „Interessen“ in der linken Spalte erstellt. Um eine Liste zu lesen, klickt man auf den Namen in der linken Spalte. Es sind nur Beiträge von Listen-Mitgliedern zu sehen – leider nicht immer vollständig. Denn auch hier entscheidet der Facebook-Algorithmus, welche Beiträge im News Feed der Liste angezeigt werden.
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Datenschutz und Social Media Monitoring

  • In der ZD Zeitschrift für Datenschutz setzte man sich im Jahr 2012 intensiv mit der Frage auseinander, inwiefern Monitoring in sozialen Netzwerken erlaubt ist. Das Fazit lautete:

„Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass die Tätigkeit der Monitoring-Anbieter, soweit sie zum Zwecke der Markt- und Meinungsforschung und unter der Einhaltung des § 30a BDSG erfolgt, datenschutzrechtlich unbedenklich ist. Unzulässig ist lediglich die werbliche Nutzung der gewonnenen personenbezogenen Daten bzw. eine nicht-anonymisierte Übermittlung an die Kunden des Monitoring-Anbieters.“

  • T3n veröffentlichte im März 2015 einen Artikel, in dem der Autor aus Sicht eines Social Media Monitoring-Anbieters das Thema Datenschutz analysiert. Er kommt zu dem Schluss, dass rechtlich gesehen den Unternehmen die Hände wenig gebunden seien. Es sei weniger eine rechtliche als eine kulturelle Angelegenheit.
  • Auch die bpb setzt sich mit dem Thema Datenschutz auseinander, in einem Dossier und unter Netzdebatte.bpb.de.
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