Newsdesks

„Recherche ist das wichtigste Thema“

von drehscheibe-Redaktion

Wir wollten wissen:
  1. Wie bewerten Sie Raues Thesen?
  2. Welches Newsroom-Konzept verfolgt Ihr Verlag? (kurz skizziert)
  3. Wie sind die Erfahrungen damit?

Um ehrlich zu sein: Die Wetzlarer Neue Zeitung hat bis heute keinen Newsdesk – und gestorben sind wir bis heute auch noch nicht daran. Natürlich haben wir viele Jahre immer wieder das Thema diskutiert, uns Modelle befreundeter Zeitungshäuser angeschaut, viele Defizite gesehen, überlegt und abgewogen – und bis heute wahrscheinlich Fehlinvestitionen in sechsstelliger Höhe vermieden.

Alles das, was die Verfechter neuer Strukturen in deutschen Redaktionen anführen – multimediale Planung, ressortübergreifendes Denken und Arbeiten, Arbeitsteilung zwischen Schreibern und Blattmachern, mehr Reporter in der Produktion der Zeitung – all das ist prinzipiell auch ohne Desk möglich und denkbar. Und von daher liegt die Vermutung nahe, dass die Einführung von Newsdesks in vielen Redaktionen darin begründet liegt, Verkrustungen aufzubrechen, die Bollwerke der Ressort-Fürstentümer zu schleifen – und natürlich auch weiter zu sparen.

Im Ernst: Hat sich jemand mal die Mühe gemacht, die journalistische Qualitäten zu messen, die vor und nach Einführung von Newsdesks in deutschen Tageszeitungen herrschten und herrschen? Einzeluntersuchungen sind beschämend. Sind Lokalteile nicht immer noch viel zu meinungsarm, wie Joachim Braun nicht müde wird zu predigen? Was ist mit der Themenvielfalt im Blatt? Sind wir - wie immer – nicht einfach anders geworden, mit einem Hang zur „Produktion aus einem Guss“ und großen Themenhintergründen?

Meine Meinung: Starke Rechercheure und Autoren prägen Blatt und die Online-Auftritte mehr als jeder Desk! Lassen wir sie doch ihre Arbeit machen!

Was soll das heißen? Nicht die Organisation ist das wichtigste Thema in deutschen Redaktionen, sondern die Recherche. Vor Ort sein, Themen erkennen und ihnen auf den Grund gehen, sie mit den geeigneten Mitteln (Video, Grafiken, Bild und Text) aufzuarbeiten, darauf kommt es an. Das gelingt nur, wenn den Redakteuren die Lasten der täglichen Produktion, die in vergangenen Rationalisierungsdekaden mehr und mehr zugenommen hat, wenigstens erleichtert wird – und wenn sie zu Recherche angespornt werden.

Was heißt das bei der WNZ konkret: Mehr selbst schreiben können, dazu hat eine Arbeitsteilung zwischen Blattmachern und Producern beigetragen; ein Produktionspool soll zukünftig helfen, die Seitenumfänge besonders im Lokalen zu bewältigen; die Steuerung und Kommunikation zwischen Lokalem und Nachrichten/Online (bald sicher auch an einem Tisch) muss und kann sehr schnörkellos gehalten werden; Online ist längst nicht mehr ein Thema für Spezialisten, sondern wächst über eine Integration von jungen Kollegen in die einzelnen Teams hinein.

Worauf allerdings all diese Entwürfe – und auch ein Paul-Josef Raue – nicht eingehen: die Schlüsselrolle der Redaktionsleiter und -leiterinnen im Lokalen. An ihnen hängt viel! Sie geben der Zeitung ein Gesicht. Sie stehen in Konflikten gerade. Sie verteidigen Grundsätze der journalistischen Arbeit vor Ort (oder auch nicht) und leiten Debatte und Kollegen, und mischen meist selbst kräftig mit. Sie zu fördern, ist eine richtig gute Investition!

Kontakt

Uwe Röndigs
Chefredaktion
Zeitungsgruppe Lahn-Dill

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