Vereinsberichterstattung

„Das Vereinsleben bindet die Menschen“

von Lars Reckermann

Damit eines vorab klar ist: Auch die Schwäbische Post und Gmünder Tagespost machen ihre ersten Lokalseiten nicht mit dem Bericht von einer Jahreshauptversammlung des Musikvereins „Was-weiß-ich-wie-der-heißt“ auf. Wir verbannen diese Berichterstattung aber auch nicht in ein ausgelagertes Produkt. Von Lars Reckermann

Ich denke, diese Diskussion kann nicht geführt werden, ohne sich das Verbreitungsgebiet und die Konkurrenzsituation vor Ort anzuschauen. Damit ich nicht missverstanden werden: Mit „Konkurrenzsituation“ meine ich nicht: Weil es die anderen machen, müssen wir es auch machen. Andersherum wird ein Schuh daraus: Weil es die anderen nicht so ausführlich machen können wie wir, machen wir es.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Das Vereinsleben bindet im Ostalbkreis den Großteil der hier lebenden Menschen. Vereinsmeierei ist bei uns eben nicht nur ein Ding der Ü-70-Generation. Es gibt Ortschaften, in denen wird Junior quasi mit der Geburt Vereinsmitglied. Das Schwabenalter beginnt mit 40 Jahren. Die hier stark ausgeprägten Altersgenossenschaften sind fest in ihren Orten verwurzelt. Es sind junge Menschen, die (hoffentlich) mit unserer Zeitung alt werden. Und ja, diese Gruppen gehen regelmäßig auf Tour. Wir schreiben nicht von jeder Tour einen 180-Zeiler. Aber es gibt eben mehr als einen Bildtext. Dass wir diese Bilder mit Text abdrucken, bedeutet nicht, dass uns keine kreativen Ideen für Vereinsgeschichten einfallen. Wir machen halt das eine ohne das andere zu lassen.

Die Leser nicht zu Wochenlesern machen

Ich gebe zu, dass ich zuweilen etwas neidisch auf den Kollegen Braun blicke, den im Frühjahr keine Sorgen plagen, wie er den Jahreshauptversammlungen Herr werden kann. Ich nehme aber den Einwand der Leser ernst, die mir erklären, sie könnten im Falle einer Auslagerung der (simplen) Vereinsberichterstattung die Zeitung dann am Tag der Sonderveröffentlichung kaufen. Ich will die täglichen Leser aber nicht zu Wochenlesern machen. Wir berichten auch über Theateraufführungen in Grundschulen. Wir drucken auch Bilder der Schulabschlussjahrgänge ab. Bleibe ich bei der Braunschen Argumentation, ist das ebenfalls eine Randgruppen-Berichterstattung. Das interessiert die Eltern und Großeltern - und das war’s auch schon. Warum soll ich aber meine treuesten Leser (und das sind nun einmal die älteren Leser) dafür bestrafen, dass sie aus irgendeinem fremdbestimmten Zielgruppen-Raster herausfallen? Meine Zielgruppe sind alle Leser, die uns lesen wollen.

Ich selbst bin in einen Ort mit 3300 Einwohnern gezogen. Ich schaue mir nicht jedes Bild einer Altersgenossenschaft oder Vereinsversammlung an. Das liegt aber hauptsächlich daran, weil ich erst seit einem dreiviertel Jahr auf der Ostalb lebe. Meine Nachbarin schaut jedoch genau hin, weil sie die Leute kennt, die im Ort leben. Sie will auch wissen, wer im Verein noch aktiv ist und wer der stellvertretende Schriftführer geworden ist. Sie will auch wissen, ob die Kasse ordentlich geprüft wurde (Schwäbin eben).

Die derzeit geführte Diskussion über Vereinsberichterstattung im Lokalen ist in weiten Teilen unfair, weil sie impliziert, dass die Zeitungen, die noch Reiseberichte der Frauengruppe abdrucken, qualitativ schlechte Zeitungen sind, oder der Zeit hinterherlaufen. ’Tschuldigung, aber das ist Blödsinn. Wir produzieren mit einer kleinen, aber schlagkräftigen Mannschaft monatlich im Durchschnitt und im Berliner-Format 437 Lokalseiten, exklusive Kollektive. Das sind fast 17 Lokalseiten pro Erscheinungstag. Da ist ausreichend Platz für Geschichten fernab jeglicher Vereinsmeierei, Platz für Kreatives, Platz für Überraschungen, für Service und grafisch anspruchsvolles Storytelling. Es ist aber eben auch Platz für Jahreshauptversammlungen. In diesem Sinne plädiere ich für Wiederwahl. Wer meiner Meinung ist, den bitte ich ums Handzeichen.

Joachim Braun erläutert seine Thesen zur Vereinsberichterstattung

Hier geht's zum Text von Malte Hinz

Nadine Conti plädiert für eine B-Seite im Lokalen

Johann Stoll will mit den Vereinen ins Gespräch kommen

Hier geht's zum Text von Peter Burger

Zum Text von Martin Schwarzkopf

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Autor

Lars Reckermannn
Schwäbische Post/ Gmünder Tagespost
Bahnhofstraße 65,
73430 Aalen

Tel. 07361/594-170

E-Mail: l.reckermann@sdz-medien.de

www.schwaebische-post.de



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