Vereinsberichterstattung

„Die Qualität unserer Zeitung hat sich verbessert“

von Joachim Braun

Vereine sind wichtig, Vereine sind typisch für Deutschland, Vereine wirken identitätsstiftend. Aber muss deshalb in der Lokalzeitung über sie auch dann berichtet werden, wenn es nichts Wichtiges zu vermelden gibt? Muss  über Jahreshauptversammlungen geschrieben werden, in denen sich Vorsitzende gegenseitig auf die Schultern klopfen und Mitglieder dafür, dass sie 25 Jahre pünktlich den Beitrag überwiesen haben, eine Urkunde bekommen? Nein, ganz bestimmt nicht. Von Joachim Braun

Derart belanglose Artikel sind indes immer noch Alltag in vielen Lokalzeitungen. Sie prägen sogar immer noch das Bild vom Lokaljournalismus nach außen. Der berühmte Karnickelzüchterverein. Ist es nicht Zeit, sich davon zu lösen? Und kostbares Papier und wertvolle Reporterkapazitäten für das aufzuwenden, was unsere Zukunft sichern kann, nämlich Qualitätsjournalismus.

Der Nordbayerische Kurier hat die althergebrachte Vereinsberichterstattung vor bald drei Jahren aus der Tageszeitung geschmissen und in ein wöchentlich erscheinendes, halbformatiges Supplement namens „Mein Verein“ verbannt. Dieses bis zu 64 Seiten starke Heft ist nicht, auch nicht mit gutem Willen, als journalistisches Produkt zu bezeichnen. Die freien Mitarbeiter, die, wie schon seit Jahrzehnten, ihre Berichte und Aufstellfotos liefern, machen den immer gleichen Chronisten-Job mit den immer gleichen protokollartigen Testen und Frontalbildern. Und die Verein(svorständ)e liefern  Jubeltexte über das eigene Wirken. Alles gut, alles Recht. In „Mein Verein“ ist dies gut aufgehoben.  Aber bitte: In der Zeitung hat das nichts (mehr) verloren.

Eine Rede, in der ich kürzlich den Verzicht auf derartige Inhalte neulich wieder einmal propagierte (auf Vocer.org), sorgte für eine heftige Diskussion auf Facebook – ausgelöst von meinem Freund Lars Reckermann. Ein weiterer geschätzter Kollege aus dem Ruhrgebiet brachte die Bedenken auf den Punkt: „Eine Lokalzeitung, die Vereinsberichterstattung gettoisiert, indem sie sie in eine Beilage auslagert, macht einen Kardinalfehler.“

Orientierung und Einordnung? Nee, oder!

Leute, ist das Euer Ernst? Glaubt Ihr wirklich, dass Lokalblätter, deren kostbare Seiten mit Berichten über die Hauptversammlungen von Sportverein, Kegelclub und VdK verschwendet werden, sprechen irgendwelche anderen Leser an, als die, die wir schon seit Jahrzehnten damit gelangweilt haben? Dass wir mit solchen Zeitungen unsere journalistischen Aufgaben etwa in Sachen Orientierung und Einordnung erfüllen? Nee, oder!

Einen Gutteil der Krise unserer Zeitungen haben wir selbst gemacht, weil wir unsere Leser zu selten mit unseren Inhalten überraschen, bilden, fordern, um sie stattdessen zu langweilen. Dass wir unsere älteren Leser, die sich ganz wohl fühlen mit der althergebrachten Friede-Freude-Eierkuchen-Berichterstattung, nicht verprellen dürfen, in dem wir Terminberichterstattung über Vereine ganz abschaffen, ist klar. Darum haben wir ein eigenes Produkt geschaffen. Rein quantitativ bringen wir sogar viel mehr über Vereine, qualitativ hat sich – wenn man ehrlich ist – nicht einmal sehr viel geändert: Aus einem sehr schlechten machte zuvor auch ein Redigierer keinen guten Text.

Und, richtig! Vereine gehören in die Zeitung. Dann aber mit hochwertiger Berichterstattung. Mit gut gemachten Serien, interessanten Reportagen und berührenden Porträts. Machen wir doch alles, werden die Kollegen Lokalchefs sagen. Dummerweise bekomme ich deren Zeitungen immer an den falschen Tagen zum Lesen.

Noch drei Fakten zum Schluss: 1. Die Umstellung auf „Mein Verein“ hat uns keinen Abonnenten gekostet. 2. Beschwerden gibt es bis heute nur von Vereinsvorsitzenden und Bürgermeistern. Und 3. – das Wichtigste – die Qualität unserer Zeitung hat sich deutlich verbessert.

Joachim Braun ist Chefredakteur des Nordbayerischen Kuriers.

Hier geht’s zur Antwort von Lars Reckermann

Hier geht's zum Text von Malte Hinz

Nadine Conti plädiert für eine B-Seite im Lokalen

Johann Stoll will mit den Vereinen ins Gespräch kommen

Hier geht's zum Text von Peter Burger

Zum Text von Martin Schwarzkopf

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Autor

Manfred Braun
Nordbayerischer Kurier
Theodor-Schmidt-Str. 17,
95448 Bayreuth
Tel.: 0921-500-170
E-Mail: joachim.braun@kurier.tmt.de
www.nordbayerischer-kurier.de

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