Zukunft des Lokalen

Auf neue Kommunikationswege einlassen

von Harald Klipp

Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook verändern den Lokaljournalismus. Man muss sich als Redakteur mit ihnen auseinandersetzen. Von Harald Klipp.

Mein Lokalchef empfängt Praktikanten in unserer Redaktion mit einer schriftlichen Übung zum Konjunktiv. Das mag seinen Charme haben, ist aber ebenso aus der Zeit gefallen wie die Behauptung, dass Facebook und Twitter für die lokale Zeitungsredaktion keine Bedeutung haben. Die Welt der Medien bewegt sich immer schneller, wir sollten und müssen die Kompetenz der jungen Mediennutzer einbeziehen. Es ist grob fahrlässig, soziale Plattformen von oben herab zu belächeln oder als Spielplatz für Sonderlinge abzutun.

Bei unserer Zeitung, dem Ostholsteiner Anzeiger, liegt die Printauflage bei 6000 Exemplaren, die Zahl unserer Facebook-Likes beträgt rund 4000, Tendenz steigend. Das sind 4000 Menschen, die unsere Marke als Nachrichtenquelle und als Ort des Meinungsaustauschs, als Chance zur unmittelbaren Rückmeldung begreifen. Klar schießt da manches ins Kraut, melden sich auch Trolls zu Wort. Da hilft nur Kontrolle und Eingreifen – wie in einer konventionellen Leserbriefdebatte auch. Facebook ist auch Quelle für Recherche und Dialog. Ich habe von einem Modellseminar der Bundeszentrale den Satz mitgenommen: „Wer als Journalist nicht auf Facebook unterwegs ist, redet auch nicht mit den Lesern.“

Dank der Quelle Facebook mit ihren lokalen Nostalgiegruppen können wir Ortsgeschichte aus anderem Blickwinkel erzählen als Hobby und Profihistoriker, wir können das Thema besetzen, indem wir journalistisch handeln, die Zeitzeugen befragen, ihre Fotoalben als Bilderquellen nutzen.

Twitter und Facebook nutzen

Auf Twitter lassen sich Nachrichten aus verschiedensten Quellen sammeln. Auch hier gilt, wie für alle elektronischen Medien, dass ihre Entwicklung vorangeht, sich ihre künftige Bedeutung schwer abschätzen lässt. Fest steht aber, dass der Journalist abgehängt wird, der sich nicht mit Twitter, Facebook und anderen auseinandersetzt. Und auch Twitterer sind oft Lokaljournalisten, die Informationen, Tipps und Meinungen austauschen. Diese Kommunikationswege haben eines gemeinsam: Wir müssen uns auf sie einlassen!

Wer Kommunalpolitik allein aus der Berichterstattung aus Kreis- und Gemeindeparlamenten und aus Ausschüssen erklären will, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Der Mensch will dort abgeholt werden, wo er steht. Wahlbeteiligungen, die sich zum Teil schon unter 50 Prozent bewegen, zeigen, dass Politik oft den Bodenkontakt verloren hat, der für den Lokaljournalismus Lebensgrundlage ist.

Wir müssen uns bewegen

Berechtigt ist sicher die Forderung, dass das Produkt nicht kaputtgespart werden darf. Und in Zeiten stetiger Preiserhöhungen für Zeitungen, die oftmals immer dünner werden, muss Qualität groß geschrieben werden. Aus- und Fortbildung in den Redaktionen spielen eine wesentliche Rolle, damit sich das Profil der Zeitung ändern kann, weg von Terminen, hin zu Themen. Zeitung muss magaziniger werden, andere Geschichten erzählen, andere Perspektiven wählen, optisch reizvoller sein, sich den wandelnden Wahrnehmungsgewohnheitenen der Konsumenten stellen.

Zeitung muss sich bewegen. Wir als Redakteure werden mit unserem Produkt identifiziert, wir sind für die Leser die Zeitung. Und wir stehen eben längst nicht mehr nur für das Papierprodukt, wir stehen für das Medienhaus, das sich breit aufstellt, damit unsere konkrete Zukunft Realität wird - und nicht nur im Konjunktiv stattfindet.

Autor

Harald Klipp
Lokalsportredaktion
Ostholsteiner Anzeiger (Eutin)
Tel.: 04521 – 779 19 06
E-Mail: haklipp@aol.com

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