„Eine Bereicherung für unsere Gesellschaft“
von Stefan Wirner

Konzerte, Lesungen, Aufführungen – wie lässt sich im Lokalen spannend darüber berichten? Nachgefragt bei einem langjährigen Feuilletonchef.
Herr Voit, Sie haben viele Jahre das Feuilleton der Oberpfalz Medien aus Weiden geleitet. Was macht für Sie einen guten Konzertbericht aus? Was haben Sie Ihren Autorinnen und Autoren mit auf den Weg gegeben, wenn Sie sie losgeschickt haben?
Ich habe mir immer einen fairen Be- richt gewünscht. Natürlich habe ich Leute zu den Terminen geschickt, von denen ich wusste, dass sie ein Interesse an dem Konzert oder dem Event und auch bestimmte Vorkenntnisse hatten. Schicke ich jemanden zu einem Klassikkonzert, dann sollte der schon ein wenig Ahnung von Klassik haben. Er muss nicht Kadenzen rauf und runter interpretieren können, aber er sollte eine gewisse Neugierde und etwas Wissen haben.
Es gibt natürlich Vorgaben: Bringt ein ein gutes Bild mit! Und es gibt gewisse Kriterien, mit denen man an so etwas herangehen sollte: Wie ist der Sound? Wer spielt in welcher Besetzung? Welche Songs werden an dem Abend gespielt? Und ich habe gesagt: Sprecht mit Leuten, hört euch um, denn von solchen Events kann man oft noch zwei, drei andere Geschichten mitbringen.
Wie subjektiv darf der Bericht werden?
Es zählt bei solchen Berichten immer die Meinung des Kritikers. Man geht zwar mit einer gewissen Objektivität an das Thema heran. Aber gerade bei solchen Veranstaltungen geht es um die Sicht des Kritikers, also um Subjektivität. Wenn er die Aufführung verreißt, dann ist das sein gutes Recht.
Es gibt auch Kritiker, die sagen, das Event, das Konzert ist ja schon vorbei, die Band ist abgereist. Wem bringt jetzt der Artikel noch was?
Der Artikel kann auch Leute interessieren, die nicht dort waren, aber vielleicht gerne hingegangen wären. Es ist wichtig, auch für die Veranstalter, dass sie ein Feedback bekommen. Kritik – positiv oder negativ – ist immer wich-tig. Vor allem für die Künstler. Bin ich bei den Leuten angekommen, habe ich an dem Abend neben die Saiten gehauen? Damit können sie in Social Media Werbung für sich machen und sich bei einem Veranstalter bewerben.
Sehen Chefredaktionen in solchen Berichten nach wie vor eine Bereicherung für das lokale Feuilleton?
Leider nicht. Viele glauben, sie können auf lokales Feuilleton verzichten. Ich hatte zu meiner Zeit freie Hand. Ich konnte meine Feuilletonseiten oder auch das Wochenendmagazin so gestalten, wie ich das für richtig empfunden habe, mit den Schwerpunkten, die ich setzen wollte. Inzwischen tendieren aber viele Medien dazu, sich rein an den Klickzahlen messen zu lassen. Und dann heißt es, dass die Kultur sehr wenig Klickzahlen bringt. Das ist meiner Meinung nach zu kurz gedacht. Wenn ich das Gebiet anschaue, das ich betreut habe, wenn man weiß, was hier an kulturellen Veranstaltungen los ist, an großen Events, Literaturtagen, Freilufttheater – ein großes Spektrum an Kleinkunstbühnen –, dann kann man das meiner Meinung nach nicht unter den Tisch fallen lassen. Es stellt eine unglaubliche Bereicherung für unsere Gesellschaft dar. Und das wird leider zu oft nicht mehr in der Zeitung abgebildet. Viele Leute sind verärgert, weil sie nicht mehr über das informiert wer- den, was an Kultur, an kultureller Arbeit in der Region geleistet wird.
Nach solchen Events gibt es meist umgehend Postings auf Social Media, Bilder, Videos. Wie kann der lokale Kulturbericht da mithalten und unverzichtbar bleiben?
Man kann nach dem Konzert, nach der Lesung eine gute, kurze Kunstkritik verfassen. Vielleicht hat man auch einen kleinen Film dabei, sofern man das machen durfte. Oder man macht mit dem Autor, dem Musiker ein kleines Interview, zwei Fragen, zwei Antworten, und man bringt das online oder in Social Me- dia mit dem Hinweis auf die ausführliche Rezension am nächsten Tag im Blatt. Ich denke, dass sich das lohnt.
Was war in Ihrer Zeit das spannendste Konzert, über das Sie berichtet haben?
Leonard Cohen im Circus Krone in München. Für mich eine Art Gottesdienst. Ein unvergessener Abend neben vielen anderen natürlich.
Interview: Stefan Wirner
Hier lesen Sie die Antwort von Nikola Nording, Südostschweiz.
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