When the Music’s Over ...
von Gastautor

Der ehemalige Feuilletonleiter Stefan Voit hielt ein Plädoyer für lokale Konzertberichte. Eine Erwiderung von Nikola Nording.
Die letzte Konzertkritik, die mir in Erinnerung mir geblieben ist, stammt von Thees Uhlmann. Er schrieb über einen Auftritt von Oasis. Das war 2009, noch vor der Trennung. Es war eines der letzten Deutschland-Konzerte der Band und für Uhlmann mehr Messe als Musikabend. Ich erinnere mich nicht an jede Zeile, aber der Text hat mich berührt. Hätte ich damals die User-Needs von heute gekannt, wäre er wohl in die Kategorie „Inspire me“ gefallen.
Leider kann ich das über die wenigsten Konzertberichte in Lokalzeitungen sagen. Nicht selten wird darin nur die Songliste heruntergebetet und die jeweilige Euphorie des Publikums beschrieben: „Die Menge tobte, als der Künstler seinen Gassenhauer anspielte.“ Oder in der Klassik: „Besonders bezaubernd waren die Arpeggi.“ Deswegen war ich verblüfft, als sich in der Ausgabe 7 der drehscheibe der ehemalige Feuilletonchef Stefan Voit für Konzertberichte aussprach.
Zeitungen sind keine Werbetrommel
Ich gehöre zu den Kritikerinnen der Berichte. Eine Rezension über ein stattgefundenes Konzert ist nichts, womit ich den Lesenden eine Freude machen kann. Die Argumente von Voit waren, dass der Artikel jene interessieren könne, die nicht dort waren, aber gern hingegangen wären. Außerdem sei es wichtig, dass die Veranstalter Feedback bekämen. Kunstschaffende könnten damit auf Social Media werben und sich für weitere Engagements empfehlen.
Als Zeitung oder Onlineportal sind wir weder dafür da, die Werbetrommel für Künstlerinnen und Musiker zu rühren, noch dafür zuständig, den Veranstaltern ein Feedback mithilfe einer Publikation zu geben. Ein Künstler merkt recht schnell auf der Bühne, ob sein Publikum bei ihm ist oder er danebenliegt, dafür braucht es keinen Konzertbericht.
Für lokales Feuilleton
Voit wird zudem gefragt, ob Chefredaktionen in solchen Berichten eine Bereicherung für das lokale Feuilleton sehen. Er antwortet: „Leider nein. Viele glauben, sie können auf lokales Feuilleton verzichten.“ Das ist für mich ein Trugschluss. Ich kann auf Konzertberichte verzichten, aber auf keinen Fall auf das lokale Feuilleton. Denn hier kann die Kulturredaktion mithilfe der User-Needs echte Schmuckstücke produzieren, frei vom Ballast abendlicher Konzertbesuche von Kunstschaffenden, die – wenn der Text erscheint – bereits drei Städte weiter- gezogen sind. Das lokale Feuilleton kann sich auf die Kulturszene der Region konzentrieren. Zum Beispiel, indem es die Kunstschaffe den, ihre Werke, ihre Intentionen und ihre Ge- schichte in Porträts vorstellt. Da darf es auch die Liedermutter des gemischten Dorfchores sein, die erzählt, was es für sie bedeutet, sich mit den Kantaten von Bach auseinanderzusetzen. So wird Kunst auf einmal nahbar und vielleicht sogar inspirierend für ein größeres Publikum – sogar im Internet.
Lokale Kultur ist lokal
Voit sagt, dass viele Leute darüber verärgert seien, dass die kulturelle Arbeit in der Region nicht mehr sichtbar ist. Sie wird aber nicht sichtbarer, in- dem man das Konzert eines Künstlers von irgendwoher rezensiert, der sich im Zweifel in einem halben Jahr nicht mehr daran erinnert, jemals an diesem Ort gespielt zu haben. Lokale Kultur sollte dann auch lokal sein.
Rezensionen machen aus meiner Sicht nur Sinn, wenn Produktionen am Ort entstanden sind und mehrfach aufgeführt werden – denn dann hat der Leser noch die Chance, die Auf- führung zu besuchen. Damit haben die Texte für die Leserschaft – ebenso wie Ankündigungen von Konzerten, Ausstellungen & Co. – ei-nen echten Mehrwert. Bei Konzertberichten, bei denen die Leser nur erfahren, was sie verpasst haben, ist das nicht der Fall.
Text: Nikola Nording
Hier geht es zum Interview mit Stefan Voit.
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