Das berühmteste U-Boot Deutschlands
von Robert Domes
Gibt es noch Überreste des berühmten U-Boots U 96? Dieser Frage geht ein Podcast der Nordwest-Zeitung nach. Die Autoren machen sich auf die Suche nach dem Wrack des legendären U-Boots.
Idee
Seit Erscheinen des Kinofilms „Das Boot“ im Jahr 1981 ist das U-Boot U 96 ein Mythos. Einer, der diesem Mythos seit Jahren nachspürt, ist der Journalist Gerrit Reichert. Er hatte einen Hinweis bekommen, dass Überreste des Bootes in Wilhelmshaven zu finden sind. Die NWZ-Redakteure Julian Reusch und Nicolas Reimer haben sich von der Idee anstecken lassen, nach dem Wrack zu suchen. „Wir haben schnell gemerkt, dass es ein extrem großes Thema ist“, erzählt Reusch. Und: „Unser Anspruch war nicht, die Geschichte von Herrn Reichert nachzuerzählen, sondern selbst zu recherchieren.“ Klar war auch, dass die Geschichte in einem Podcast erzählt werden soll.
Recherche
Reusch und Reimer recherchierten ein halbes Jahr. Sie nutzten den Experten Gerrit Reichert und sein Buch als Quelle, aber auch zahlreiche eigene Kontakte. Sie fragten bei der Marine nach, sprachen mit U-Boot-Experten, gruben sich durch Dokumente in den Archiven von Wilhelmshaven und der Landesbibliothek in Oldenburg. Schließlich merkten sie, dass die entscheidende Frage, was mit dem außer Dienst gestellten U-Boot am Ende passiert ist, in Deutschland nicht beantwortet werden kann. Denn nach dem Krieg war der Hafen, in dem U 96 lag, unter britischer Militärregierung. Also reiste Reusch nach London und recherchierte im Nationalarchiv Großbritanniens. „Ich schätze, dass ich mir dort als erster deutscher Journalist die Originalunterlagen angeschaut habe.“
Die größte Herausforderung war, noch Zeitzeugen zu finden, sagt Reusch: „Was uns da total geholfen hat, war das gute alte Telefonbuch.“ Die Redakteure haben Namenslisten abtelefoniert und so tatsächlich Zeitzeugen oder auch die Nachfahren eines Lokalhistorikers gefunden, die noch Dokumente zuhause hatten. Am Ende beauftragten die Redakteure sogar eine Fachfirma, um mittels Georadar einen Damm in Wilhelmshaven zu untersuchen und damit Hinweise zu klären, dass U 96 nach dem Krieg in den Damm eingelassen wurde.
Umsetzung
Das Ziel, U 96 zu finden, erreichten die Reporter am Ende nicht. Dennoch ergab die Recherche reichlich Material für einen sechsteiligen Podcast. Unter dem Titel „Die Suche nach U 96 – das letzte Geheimnis“ schildern Reusch und Reimer ihre Suche nach dem legendären U-Boot. Dazu erzählen sie die wahre Geschichte hinter dem Spielfilm „Das Boot“, beschreiben, wie es an Bord von U 96 aussah, und lassen Zeitzeugen, Experten oder auch Darsteller des Films wie etwa Martin Semmelrogge zu Wort kommen. Am Ende jeder Folge gibt es noch eine historische Rarität: Bisher unveröffentlichte Tonaufnahmen von den ehemaligen Besatzungsmitgliedern von U 96. Begleitet wurde die Serie sowohl in der Zeitung in Print und online, in einer Videoreportage als auch in den Social Media Kanälen des Hauses. Aus dem Material entstand außerdem eine Beilage als Sonderdruck. Am Ende veranstaltete die NWZ in Wilhelmshaven eine Podiumsdiskussion mit dem U-96-Experten Reichert und zeigte im Anschluss den Director’s Cut des Films. „Der Kinosaal war bis auf den letzten Platz ausverkauft“, sagt Reusch.
Resonanz
Der Podcast wurde über 170.000 Mal gehört, berichtet Reusch. „Es war ein unglaublicher Erfolg.“ Es habe Rückmeldungen aus ganz Deutschland gegeben. Dabei seien auch viele neue Spuren, Hinweise und Geschichten herausgekommen. Daraus wurde schließlich noch eine siebte Folge produziert. Der Podcast erhielt sogar eine internationale Auszeichnung: Er erhielt den 3. Preis in der Kategorie Audio bei den INMA Global Media Awards.
Hier gelangen Sie zum Podcast der Nordwest-Zeitung.
drehscheibeTipps:
- Auf der Suche nach den letzten Zeitzeugen: Die Redaktion porträtiert Menschen aus der Region, die den Zweiten Weltkrieg noch unmittelbar erlebt haben. Dazu ein Gespräch mit einer Historikerin oder einem Historiker: Wie verändern sich Erinnerungskultur und Geschichtsschreibung, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?
- Künstlerische Freiheit: Gibt es Kinofilme, Serien, Romane, die einen Bezug zur Region haben? Bei einem Event für Leserinnen und Leser diskutieren eine Kulturredakteurin und ein Historiker über das Werk.
- „Im Westen nichts Neues“, „Chernobyl“ oder „Argo“: Mitglieder der Redaktion wählen ihre liebsten Filme oder Serien mit historischem Bezug aus. Eine Historikerin oder ein Historiker ordnet anschließend ein, wie akkurat die geschichtliche Darstellung ist.
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