Die Stadt im Laufe der Jahrzehnte
von Robert Domes
Wieso ist unsere Stadt so wie sie ist? Welche Entscheidungen, Bedürfnisse und Strömungen der jeweiligen Zeit haben sie geprägt? Diesen Fragen geht das Darmstädter Echo in der Serie „Ein Jahrzehnt in Darmstadt“ nach – und setzt damit neue Impulse im Stadtgespräch.
Idee
Anlass für die Serie war eine aktuelle Debatte darüber, wie sich Darmstadt entwickeln sollte. Soll die Stadt weiter wachsen? Wie steht es um die Infrastruktur, wie soll sie wirtschaftlich und sozial gestaltet werden? Dabei kam man in der Redaktion bald zu grundsätzlichen Fragen, erzählt Janka Holitzka, Redaktionsleiterin beim Darmstädter Echo. „Um vorauszuschauen, müssen wir wissen, warum Darmstadt so ist wie es ist“, sagt sie. „Stadtentwicklung ist immer ein Kind seiner Zeit. Warum hat man sich damals entschieden, Gebäude oder Infrastruktur genau so zu denken und nicht anders? Und wie blicken wir heute darauf?“ Zunächst habe der Neuanfang nach der kompletten Zerstörung der Stadt 1944 im Mittelpunkt der Recherche gestanden, sagt Holitzka. Doch schnell merkte die Redaktion, dass es nicht nur in der Nachkriegszeit, sondern in jedem Jahrzehnt der vergangenen 150 Jahre spannende Entwicklungen in der Stadt gab – und damit Themen für eine Serie. So wurde für jedes Jahrzehnt ein thematischer Fokus gesetzt und die Frage recherchiert, wie die Stadt dadurch geprägt wurde.
Recherche
Mehrere Reporter setzten die Folgen gemeinsam mit den beiden Fotografen und den Archivarinnen um. Deshalb haben die einzelnen Stücke auch unterschiedliche Handschriften und Blickweisen auf Darmstadt – eine Stärke der Serie, wie Holitzka betont. Ein Problem war, dass weite Teile von Stadt- und Staatsarchiv in der Brandnacht 1944 zerstört wurden. Allerdings konnte die Redaktion auf die Expertise des sehr rührigen Stadtarchivars zurückgreifen. Und auf ein neu erschienenes Stadtgeschichtswerk in drei Bänden. Das sei eine gute Basis für viele Geschichten gewesen, sagt Holitzka. Auch das hauseigene Archiv war eine gute Quelle, sowohl für Informationen, als auch für historische Fotos. Der Aufwand variierte je nach Jahrzehnt, berichtet Holitzka. Für die Neuzeit gab es eine gute Quellenlage, für die Vorkriegszeiten sei die Recherche teilweise sehr aufwendig gewesen.
Umsetzung
Die Serie erschien von Juni bis Dezember 2023 in 15 Teilen. Darin reist die Redaktion rückwärts durch die Jahrzehnte. Von den 2010er-Jahren, als Großprojekte für die Wissenschaftsstadt entstanden, bis zur Gründerzeit in den 1870er-Jahren, als Villenviertel und Wohnquartiere gebaut wurden. Die Serie erzählt außerdem von den Anfängen der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe zu Beginn des 20. Jahrhunderts, von der Industrialisierung der Stadt, vom Autobahnbau der Nazis in den 1930er-Jahren bis zur Entstehung der Fußgängerzone in den 1970ern.
Für jeden Serienteil gab es in der Zeitung eine Seite, die opulent mit Bildern gestaltet wurde. Neben den historischen Fotos wurden auch Ansichten des jeweiligen Ortes heute gezeigt. Für die crossmediale Umsetzung wurden die Geschichten vor allem mit starken historischen Bildern angereichert.
drehscheibeTipps:
- Die Redaktion kooperiert mit einer Lokalzeitung aus einer vergleichbaren Stadt und startet einen „Doppelgängerstädte“-Vergleich: Sie stellen die Städte einander systematisch gegenüber, analysieren alternative Entscheidungen (z.B. Bodenpolitik, Verkehrsführung) und simulieren „Was-wäre-wenn“-Szenarien zu Mietpreisen, Emissionen und Aufenthaltsqualität. Was können die Städte voneinander lernen?
- „Unsere Viertel, damals und heute“: Die Redaktion wirft in einer Serie einen Blick auf die Geschichte der einzelnen Stadtteile. Wie haben sich Einwohnerzahlen, Mietpreise und die soziale Zusammensetzung verändert? Außerdem kommen Anwohner zu Wort, die lange dort leben. Wie bewerten sie die Entwicklungen in ihrem Viertel? Was war früher besser, wo ist der Stadtteil schöner geworden?
- Die Redaktion macht den Wandel in der Region visuell greifbar: Mit Vorher/Nachher-Bildpaaren, historischen Karten, interaktiven Zeitleisten und kurzen Social-Media-Clips werden markante Orte der Region im Laufe der Jahrzehnte gezeigt. Leserinnen und Leser liefern ergänzende Fotos und Erinnerungen per Aufruf.
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