Interview

„Es muss alles stimmen, was man schreibt“

von Robert Domes

Olaf Wunder ist Chefreporter der Hamburger Morgenpost.

Für die Hamburger Morgenpost produziert Olaf Wunder die seit Jahren erfolgreiche Serie „Der Tag, an dem ...“. Darin werden wöchentlich Themen aus der langen Geschichte Hamburgs aufgegriffen. Im Interview erklärt er, wie er recherchiert und die Inhalte aufbereitet.

Sie schreiben seit Jahren die wöchentliche Serie „Der Tag, an dem …“ Wie kommen Sie an die Themen?

Wenn man in der Geschichte der Stadt so drinsteckt wie ich, dann weiß man bestimmte Dinge einfach. Zum Beispiel, dass vor 40 Jahren das erste Musical in Hamburg lief. Oder das Datum der großen Flutkatastrophe. Ich habe den Vorteil, ich mache das schon so lange, dass ich inzwischen bei mir selber abschreiben kann, weil ich vor zehn Jahren schon mal eine Geschichte dazu gemacht habe. Es sind aber nicht immer Jahrestage. Ich passe auf, was andere berichten. Und ich halte die Augen und Ohren offen. Ich habe erst kürzlich in einem Schaufenster ein Buch gesehen über die ersten Hamburger im Goldland Kalifornien. Das habe ich mir besorgt und dazu eine Geschichte gemacht. Wichtig ist darauf zu achten, welche historischen Bücher neu herauskommen. Bei Jahrestagen oder Geburtstagen von berühmten Menschen kommen Bücher auf den Markt. Die nutze ich als Quelle.

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Wie muss man sich das vorstellen?

Ich besorge mir immer die neuen Bücher zu historischen Ereignissen. Die kann ich natürlich nicht alle lesen. Aber es gibt die Pressemitteilungen der Verlage, und ich lasse mir auch von der KI eine Zusammenfassung erstellen. Manchmal reicht das bereits für eine Geschichte, oft ist es die Basis, auf der ich aufbauen und eigene Recherchen hinzufügen kann.

Haben Sie eine Serienplanung für das Jahr?

Ich habe keine direkte Themenliste, aber immer ein paar Geschichten in der Pipeline. Man kann im Grunde jedes Thema nach Hamburg ziehen. Zum Beispiel der 40. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl. Die Menschen hier waren besorgt und haben reagiert. Da kann man auch aus dem eigenen Archiv Material sammeln. Und man kann die Leute befragen, das hat ja jeder, der über 50 ist, in Erinnerung. Bei manchen Geschichten mache ich es mir leicht, weil ich einfach eine Geschichte von vor fünf oder zehn Jahren noch mal aufwärme. Das ist schnell gemacht. Dafür brauche ich umso mehr Zeit für andere Geschichten, die ganz neu sind und bei denen ich mich mehr reinarbeiten muss.

Wie finden Sie Ihre Quellen und Kontakte?

Ich bin häufiger Gast im Hamburger Staatsarchiv. Da kennt man mich und ich bekomme sehr schnell und unkompliziert Dokumente oder auch oft Fotomaterial zu meinen Geschichten. Ich kenne natürlich auch die Historiker in Hamburg und bin Mitglied im Hamburgischen Geschichtsverein und habe Kontakt zu den Leuten, die sich auskennen. Andererseits gibt es wenige Menschen, die über Hamburgs Geschichte so gut Bescheid wissen wie ich. Bei den historischen Geschichten ist es aber nicht anders als bei der normalen Reporterarbeit. Bei zeitgeschichtlichen Geschichten suche ich nach Menschen, die ich befragen kann. Sie werden von der Redaktion dankbar entgegengenommen. Hilfreich sind immer auch Leseraufrufe. Die Redaktion wurde regelrecht von Zuschriften überschwemmt, als es um das Kriegsende vor 80 Jahren ging. Spürbar war: Viele Leser und Leserinnen wollten ihre Erinnerungen weitergeben. Diese Motivation sollten Redaktionen in Zukunft noch stärker nutzen.

Und wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?

Auch dann versuche ich immer Menschen in den Mittelpunkt der Erzählung zu stellen. Ein Beispiel: „Das Kapital“ von Karl Marx ist 1867 in Hamburg erschienen. Marx reiste von London nach Hamburg, um seinem Verleger Otto Meissner endlich nach jahrelanger Verzögerung das Buchmanuskript abzuliefern. Ich erzähle in der Geschichte das ganze Leben von Marx, über einen Flirt auf seiner Rückreise nach London, über seine Freundschaft zu Friedrich Engels.

Binden Sie auch die Leser ein für ihre Geschichten?

Wunder: Ab und zu machen wir das. Zum Beispiel habe ich durch einen Aufruf zum 1. Weltkrieg eine Menge privater Fotos bekommen. Auch durchsuche ich Online-Portale wie Ebay nach alten Postkarten. Solche Ansichtskarten können ein echter Schatz sein.

Was sollte man bei historischen Geschichten beachten?

Wunder: Es kann nicht schaden, einen guten Draht zum örtlichen Archiv zu haben, überhaupt zu allen, die mit historischen Themen zu tun haben. Ansonsten – aber das ist eine Binsenweisheit – muss alles stimmen, was man schreibt. Es gibt gerade bei historischen Geschichten oft Legenden, die immer weiter erzählt werden. Deshalb versuche ich bei jedem Thema, dass ich angehe, den letzten Stand der Forschung zu erfassen. Und wenn ich weiß, es gibt zu einem Thema einen Experten, dann lasse ich den über meinen Text vorher drüberlesen. Das gibt mir die Sicherheit, dass die historischen Fakten stimmen.

Interview: Robert Domes

Olaf Wunder

ist Chefreporter der Hamburger Morgenpost.
E-mail: olaf.wunder@mopo.de

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