„Geschichte begegnet Menschen im Alltag“
von Robert Domes
Jörg Skriebeleit ist Kulturwissenschaftler und Historiker. Er leitet seit 1999 die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Seit 2019 ist er Honorarprofessor an der Universität Regensburg und Gründungsdirektor des Zentrums Erinnerungskultur. Er ist als wissenschaftlicher Leiter und Berater von zahlreichen Museums- und Memorialprojekten tätig, so etwa bei der Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, dem Richard-Wagner-Museum Bayreuth oder dem Erinnerungsort an das Olympiaattentat München 1972. Wir sprachen mit ihm über mögliche Formen des modernen Gedenkens.
Herr Skriebeleit, sollen Tageszeitungen überhaupt historische Themen aufgreifen?
Unbedingt – und zwar nicht nur die überregionalen, sondern gerade auch die lokalen Medien. Historische Themen stoßen bei den meisten Menschen auf großes Interesse. Im Nahbereich wird Geschichte konkret: Die Leute sehen, das ist auch bei uns passiert. Geschichte begegnet Menschen im Alltag: an Straßennamen, Gebäuden, früheren Betrieben. Lokale Verankerung macht historische Themen zugänglich, und Studien zeigen, dass genau diese Stücke stark gelesen werden.
Wer interessiert sich besonders für Geschichtsthemen?
Viele junge Journalisten suchen aktiv nach historischen Themen. In der Oberpfalz etwa wollen fast alle Volontärinnen und Volontäre über Flossenbürg berichten. Das Interesse ist auch bei den Konsumenten definitiv da. Wir erleben aber einen Wandel in der Rezeption. Ältere Print-Leser reagieren manchmal mit Sättigung auf bestimmte, häufig präsente Themen. Digital ist das anders: Dort erreichen historische Beiträge auch Menschen, die nicht mehr vor Ort leben, aber eine Verbindung zur Region behalten. Das erhöht die Reichweite enorm.
Wie müssen historische Geschichten heute erzählt werden?
Ganz anders als noch vor 20 oder 30 Jahren. In den 80ern und 90ern hatte lokale NS-Forschung oft etwas Aufdeckendes, Widerständiges. Heute ist sie gesellschaftlicher Mainstream. Skandalisierung funktioniert kaum noch – dafür persönliche Geschichten umso besser: Einzelschicksale, Nachkriegserfahrungen, Erzählungen aus Familien. Besonders wirksam sind Fälle, in denen Unrecht oder Stigmatisierung bis heute nachwirken, etwa bei als „asozial“ Verfolgten oder Opfern der Euthanasie. Auch Orte spielen eine große Rolle: Ein Steinbruch, ein Haus, eine Straße – plötzlich entdeckt man historische Schichten, die zuvor unsichtbar waren. Wichtig ist die Frage: Wie erzählt man das?
Welche Formate können Menschen abholen?
Digitale Werkzeuge bieten Chancen, sie sind aber mehr als ein Tool oder eine Methode, sie folgen ganz eigenen Logiken. Spannend ist das Konzept der „critical fabulation“ – das kritische Erzählen. Unser Wissen stammt oft aus Akten und Archiven, das ist aber Amtssprache oder manchmal der Täterblick. Statt vermeintlicher Eindeutigkeit kann es produktiv sein, das zu benennen und Unsicherheiten sichtbar zu machen. Erzählerisches Auslassen ist keine Schwäche, sondern Teil einer ethischen Herangehensweise. Wir sollten mit diesen Leerstellen arbeiten und nicht eine Deutung hineinschieben. Es geht darum, auch die eigene nichtwissende Unzulänglichkeit ernstzunehmen.
Ist Doku-Fiction aus Ihrer Sicht erlaubt?
Ich bin ein hermeneutischer Kulturwissenschaftler und sage: Doku-Fiction ist immer erlaubt. Solange klar bleibt, was Interpretation ist. Vollständiges „Auserzählen“ kann Biografien sogar Gewalt antun – niemand möchte, dass sein Leben restlos vereinfacht wird. Allerdings muss man gegenüber den Konsumenten transparent machen, was ausgelassen wird. Dies eröffnet Lesern Raum für eigene Fragen und Reflexion.
Wie sollen Journalisten heute mit Zeitzeugen umgehen?
Zeitzeugenschaft hat sich verändert. Es geht nicht darum, ob Aussagen „stimmen“, sondern darum, welche Perspektive sie eröffnen. Zeitzeugenberichte waren früher Gegenerzählungen zur amtlichen Aktenlage: Endlich hörte jemand zu. Heute gibt es nur noch wenige Zeitzeugen aus der NS-Zeit, und ihre Geschichten sind bekannt. Als Erkenntnisquelle dienen sie weniger – als Quelle emotionaler Authentizität allerdings weiterhin.
Alte Interviews werden gerade dann spannend, wenn man sie sorgfältig anschaut: Wo erzählen Menschen Umwege? Was lassen sie aus? Welche Bedeutung steckt hinter scheinbar belanglosen Details? Das sind wertvolle Hinweise – jenseits von richtig oder falsch. Wir müssen uns von dieser Zeitzeugen-Authentisierung lösen.
Wie kritisch sollte man historische Quellen prüfen?
Quellen – ob Akten oder Interviews – sind immer tückisch. Man muss sie zugewandt, aber kritisch lesen. Denn wir wissen nicht, was weggelassen oder warum etwas geschrieben wurde. Wichtig ist aber nicht die Frage nach der absoluten Wahrheit, sondern das Verstehen von Perspektiven, Lücken und Intentionen.
Wo findet man geeignete Experten?
Am besten, indem man die nächstgelegene Uni anruft, eventuell die übernächste. Diese Mühe schärft auch die eigene Fragestellung. Ich halte nichts von Datenbanken oder Listen. Netzwerke funktionieren besser – sie leben vom Austausch.
Der Memory-Boom hält an. Manche Publizisten analysieren die deutsche Erinnerungskultur sehr kritisch, der Autor Mac Czollek etwa spricht von „Versöhnungstheater“. Wie sehen Sie das?
Czollek trifft Punkte, weil er sich an normativen Formen der Erinnerung abarbeitet. In Flossenbürg versuchen wir, neue Wege zu gehen: Unser „Memory Lab“ im Steinbruch eröffnet Räume für unterschiedliche Zugänge – digital, künstlerisch, postkolonial. Nicht alles gelingt, aber es nimmt die gesellschaftliche Vielfalt ernst. Und das Thema Nationalsozialismus bleibt für junge Menschen relevant, auch in diversen Gruppen.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei der Vermittlung, besonders im Lokalen?
Vor allem bei der lokalen Auseinandersetzung mit Täterschaft. Je näher man Personen und Institutionen vor Ort kommt, desto größer werden die Widerstände. Kontinuitäten nach 1945 sind unbequem, aber gerade hier können Journalistinnen und Journalisten wichtige Impulse setzen.
Was wünschen Sie sich von Lokalredaktionen?
Mehr Mut zur Überraschung! Nicht nur Jahrestage abarbeiten oder Großthemen lokal herunterbrechen. Spannender sind Geschichten, mit denen niemand rechnet – sie erzeugen Neugier und wirken nachhaltig. Und: Auch digitale Formate erfordern Sorgfalt. Was im Print längst Standard ist, wird online oft vergessen. Wir brauchen eine „digitale Ethik“ – vielleicht sogar einen digitalen Beutelsbacher Konsens: kein Überwältigen, keine platte Vereindeutigung.
Interview: Robert Domes
Hier geht es zur Gedenkstätte Flossenbürg.
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