Geschichte braucht Geschichten
von Robert Domes
Historische Themen sollten emotional und persönlich aufbereitet werden, dafür plädiert Maximilian Czysz von der Schwabmünchner Allgemeinen. Wie er das meint, erläutert er im Interview.
Herr Czysz, wie gehen Sie an Geschichtsthemen ran?
Nicht im Geschichtsbuch nachblättern und Jahreszahlen kopieren, sondern Menschen zu Wort kommen lassen. Wichtig ist die emotionale Ebene. Sie ist der Schlüssel, um Vergangenheit in die Gegenwart zu bringen. Wir müssen unsere Leser und Leserinnen am Leben, den Sorgen und Nöten der Menschen aus einer anderen Zeit teilhaben lassen. Ein anschauliches Beispiel ist die Biographie einer Frau, die im Zweiten Weltkrieg einen schweren Bombenangriff im Keller erlebte und schilderte, wie die Wände wackelten und der Staub von der Decke rieselte. Das ging unter die Haut!
Ist Ihr historisches Themenradar ständig auf Empfang?
Geschichte begegnet uns jeden Tag. Der Anlass kann ein Jahrestag sein oder zum Beispiel auch der kirchliche Jahreslauf. Wer weiß zum Beispiel, wo es überall Kalvarienberge gibt und was es damit auf sich hat? Das Listicle mit der Erklärung erschien vor Ostern. Nach dem Auferstehungsfest veröffentlichte die Redaktion ein Porträt über einen Mann, der nach dem Zweiten Weltkrieg flüchten musste. Als Bub ging er im Durcheinander an der Grenze verloren. Ein Tscheche kümmerte sich um ihn und brachte ihn heimlich über die Grenze nach Schwaben zu seinen Eltern. Diese sehr persönliche Auferstehungsgeschichte wurde in der Familie viele Jahre lang gefeiert und ist unvergessen geblieben. Das Beispiel zeigt: Geschichte braucht Geschichten. Je persönlicher und emotionaler, desto besser werden sie gelesen.
Das heißt, es geht vor allem um den richtigen Dreh?
Wir müssen die Geschichten manchmal nur anders denken, neu erzählen und sie damit greifbar machen. Ein gutes Beispiel ist die Zeitungs-Rätselserie "Schau‘ genau". (siehe eigenen Beitrag im Kapitel Umsetzen). Leser und Leserinnen sollten auf Ausschnitten alter Land- und Stadtkarten Ortsnamen oder Bezeichnungen entdecken. Spannend war es für die Leser, Vergangenheit und Gegenwart zu verbinden: Wie hat es früher in meiner Heimat ausgesehen, was hat sich seitdem verändert?
Greifen Sie auch Anregungen aus dem Kreis der Leser auf?
Sie werden von der Redaktion dankbar entgegengenommen. Hilfreich sind immer auch Leseraufrufe. Die Redaktion wurde regelrecht von Zuschriften überschwemmt, als es um das Kriegsende vor 80 Jahren ging. Spürbar war: Viele Leser und Leserinnen wollten ihre Erinnerungen weitergeben. Diese Motivation sollten Redaktionen in Zukunft noch stärker nutzen.
Greifen Sie bei der Recherche auf ein Netzwerk von Historikern, Archivaren, Fachleuten zurück?
Ja. Das Netzwerk ist die Arbeit vieler Jahre. Dazu gehören Experten wie Heimatpfleger genauso wie Kulturpreisträger und Geschichtsinteressierte. Alle vereint die Leidenschaft für Geschichte. Gefühlt werden es auch immer mehr, die sich für das interessieren, was einmal in ihrem Umfeld geschehen ist. Diese Entwicklung müssen Journalisten aufgreifen. Lokaljournalismus braucht diese Geschichten, die online vielleicht nicht so viele Klicks generieren wie austauschbare Berichte über Eistrends. Aber wenn Geschichte mit einer emotionalen Ebene, Hintergründen und Zusammenhängen erzählt wird, kann sie im Internet genauso erfolgreich sein.
Welche historischen Themen kommen nach Ihrer Erfahrung am besten an?
Sehr viel Resonanz bekommen erfahrungsgemäß alte Kriminalgeschichten, die neu erzählt werden. Die Zeit, in der sich Mord und Totschlag zugetragen haben, spielt nur eine Nebenrolle.
Wie kommen Sie auf die Fälle?
Oft wird in Ortschroniken von Kriminalfällen berichtet. Es lohnt sich aber auch immer, in alten Zeitungen zu blättern. Schnell finden sich minutiös beschriebene Unglücksfälle, in denen etwa geschildert wird, wie ein Wagenrad über einen Passanten rollte – was danach passierte, kann sich jeder ausmalen. Die Lektüre der alten Ausgaben hat noch einen Nebeneffekt – man bekommt ein Gefühl dafür, was die Menschen vor 75 oder auch 150 Jahren bewegt hat. Aktuell lese ich eine Lokalausgabe aus dem Jahr 1876 – damals hieß der Stadtrat noch Magistrat und wer heiraten wollte, musste dort vorsprechen. Wer jemanden unberechtigt beleidigte, musste mitunter in der Zeitung eine öffentliche Entschuldigung abdrucken lassen. Diese kleinen Sünden lassen sich bestimmt in einer neuen Serie zusammenfassen. Oder wie wäre es, alte Anzeigen zu sammeln und daraus eine Geschichte zu machen? Das Thema Gesundheit stand schon immer hoch im Kurs – heute schmunzeln wir über die Mittelchen, die den Menschen früher angedreht wurden.
Welche Multimedia-Tools oder besondere Formate würden Sie empfehlen?
Neue Format können durchaus helfen. Kurzvideos wecken beispielsweise bei jüngeren Lesern Interesse. Auch Podcasts sind hilfreich, um beispielsweise für True-Crime-Geschichten einen weiteren Kanal zu geben. Übrigens: Auch KI kann genutzt werden. Für ein großes Weihnachtsrätsel ließ ich ChatGPT 20 Kirchen aus dem Landkreis im Stil von bekannten Künstlern zeigen. Fast schon experimentell war es, alte Schwarzweißaufnahmen von einer Nazi-Rüstungsstätte farbig darstellen zu lassen. KI hat auch Bereiche herausgearbeitet, die so noch nicht zu sehen waren. Geschichte bleibt spannend, auch in Zukunft!
Interview: Robert Domes
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