„Kritische Quellenarbeit ist wichtiger denn je“
von Josephine Macfoy

Prof. Dr. Michael Hollmann
ist Historiker und Germanist. Seit 2011 leitet er das Bundesarchiv und verantwortet die Sicherung, Erschließung und Bereitstellung zentraler Quellen zur deutschen Geschichte. Seit 2021 ist er Honorarprofessor an der Universität Mannheim.
Michael Hollmann ist Präsident des Bundesarchivs, das Dokumente über die deutsche Geschichte seit 1867 enthält. Er erzählte uns vom Zweck der Institution, ihrem Wert für Lokalredaktionen und davon, wie sich 540 Kilometer Akten organisieren lassen.
Wie würden Sie einem Laien erklären, was das Bundesarchiv ist und warum es für die Demokratie wichtig ist?
Das Bundesarchiv ist das Gedächtnis des Staates und der Gesellschaft. Wir sind das zentrale Staatsarchiv der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Vorgängerstaaten seit 1867/71. Dazu gehören auch das „Dritte Reich“ und die DDR. Unsere Aufgabe ist es, die Unterlagen der Bundesregierung, der Ministerien, des Kanzleramts und der Bundesbehörden zu sichern und zugänglich zu machen – also zum Beispiel politische Debatten und Entscheidungen. Vereinfacht gesagt sorgen wir dafür, dass Bürgerinnen und Bürger nachvollziehen können, was der Staat macht und warum er es macht. Das ist ein zentraler Baustein demokratischer Kontrolle und damit unserer Demokratie. Über die Institutionen des Staates hinaus sind wir aber auch bemüht, die wichtigsten gesellschaftlichen Entwicklungen zu dokumentieren.
Sind Sie eher eine Institution, die nur bewahrt oder sind Sie auch aktiv an der Vermittlung von Geschichte beteiligt?
Wir bewahren mehr als 540 laufende Kilometer Akten, 16 Millionen Bilder, rund 250.000 Filme und weiteres Archivgut auf – und wir machen es zugänglich, analog wie digital. Damit laden wir Nutzerinnen und Nutzer ein, sich ein differenziertes und vor allem ein eigenes Bild von deutscher Geschichte und deutscher Politik zu machen. Das Bundesarchivgesetz erteilt uns den Auftrag, Unterlagen, die uns angeboten werden, zu sichern und zu bewerten, das heißt zu entscheiden, welche Unterlagen dauerhaft aufbewahrt werden sollen und welche nicht. Der zweite Schritt ist die Erschließung: Wir machen Akten recherchierbar. Und wir stellen – soweit das rechtlich möglich ist – immer mehr Quellen online. Darüber hinaus versuchen wir, die Materialien in ihre Kontexte einzuordnen, Hintergründe zu liefern und auch Geschichten aus den Quellen, zum Beispiel zu wichtigen Jahrestagen.
Wie entscheiden Sie, was aufgehoben wird und was nicht?
Jährlich werden uns aus Bundesregierung und Bundesverwaltung etwa sechs Kilometer Papierakten angeboten. Wir konzentrieren uns auf die Dokumentation der politischen Prozesse und Entscheidungen. Dabei suchen wir nach Unterlagen der jeweils federführenden Stellen, weil dort erfahrungsgemäß die dichteste und vollständigste Dokumentation zu erwarten ist. Etwa 20 Prozent der gesamten Unterlagen bleiben so erhalten, 80 Prozent bewerten wir als „nicht archivwürdig“ und vernichten sie. Eine Ausnahme ist wegen seiner besonderen Stellung das Bundeskanzleramt, von dessen Akten wir rund 80 Prozent übernehmen. Eine weitere Ausnahme bei der Frage der Archivwürdigkeit bilden die Stasi-Unterlagen, die zur Gänze zu Archivgut erklärt wurden.
Wie gehen Sie mit digitalen Quellen wie E-Mails oder Social Media um?
Genuin elektronische Unterlagen behandeln wir grundsätzlich wie Papierakten. Blogs oder Kommentare in sozialen Medien gehören in der Regel nicht zu unserem Zuständigkeitsbereich. Problematisch ist an dieser Stelle, dass es zum Beispiel in Ministerien noch keine verlässliche Praxis gibt, die sicherstellt, dass wichtige Informationen nicht ausschließlich über SMS oder Messengerdienste ausgetauscht werden.
„Die Quellen sind sichtbar, macht euch selbst ein Bild“
Wie weit ist das Bundesarchiv bei der Digitalisierung?
Derzeit sind etwa drei Prozent unserer Bestände digitalisiert und stehen online. Das klingt nach wenig, aber es sind die besonders stark nachgefragten Materialien, die – soweit rechtlich zulässig – auch online gestellt werden können. Dazu gehören etwa die Kolonialakten, die auch die gewalttätige Seite der deutschen Kolonialherrschaft widerspiegeln. Wir haben außerdem große Teile der Akten zur Weimarer Republik digitalisiert. Aktuell liegt der Schwerpunkt auf der Überlieferung zum Nationalsozialismus. Wir gehen davon aus, dass die NS-Themen ab 2033 wieder verstärkt in den Blick genommen werden: 100 Jahre Machtergreifung, 100 Jahre Reichstagsbrand, 100 Jahre Pogromnacht. Wir wollen bis 2028 die Dokumente für die Zeit bis 1939 online stellen, damit Forschung und Medien mit entsprechendem Vorlauf niedrigschwellig auf authentische Quellen zurückgreifen können. Unsere Botschaft ist: Die Quellen sind sichtbar, macht euch selbst ein Bild.
Sehen Sie sich damit auch als Gegengewicht zu Geschichtsfälschung?
Wir stellen uns mit unseren Dokumenten gegen jede Geschichtsverfälschung und verfolgen kein eigenes Narrativ. Damit grenzen wir uns klar ab von einer in anderen Ländern angestrebten staatlich gelenkten Geschichtspolitik. Unsere Aufgabe ist es, die Quellen in ihrer ganzen Breite leicht zugänglich zu machen, damit Narrative überprüft und gegebenenfalls widerlegt werden können. Und für den Fall, dass jemand fürchtet, die online gestellten Quellen könnten manipuliert oder gar gefälscht worden sein, steht es ihm frei, in unseren Lesesälen die Originale einzusehen. Authentizität ist überprüfbar.
Wie kann das Bundesarchiv für Lokalredaktionen bei regionalen und lokalen Recherchen hilfreich sein?
Viele Themen der „großen Politik“ haben regionale, lokale oder sogar persönliche Bezüge, so dass unsere Bestände einen reichen Fundus für die Regional- und Lokalgeschichte darstellen. Wenn wir an die Bundesrepublik nach 1949 denken, stellt sich zum Beispiel in den Bereichen Bergbau, Bundeswehr, Atomkraft oder Autobahnbau die Frage nach den Auswirkungen bundespolitischer Entscheidungen in den Regionen. Hier verfügt das Bundesarchiv über reiches Quellenmaterial. Zu nennen wären auch die Akten zum Lastenausgleich. Diese Unterlagen geben Auskunft über das Schicksal von Familien und Personen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat in Siebenbürgen, Ostpreußen oder anderen damals deutschen Siedlungsgebieten vertrieben wurden. Selbst die Stasi-Unterlagen betreffen nicht nur einzelne Personen; sie sind auch für die regionale Geschichte der ehemaligen DDR von größtem Wert. Schließlich beobachten wir auch, dass biographische Themen eine zunehmend bedeutsame Rolle für die regionale Geschichte spielen, etwa wenn es um die Rolle einzelner Personen in der Zeit des Nationalsozialismus geht. In diesem Zusammenhang sind insbesondere die umfangreichen Personalunterlagen zu Wehrmacht und SS oder zu den verschiedenen Verbänden der NSDAP zu nennen.
Was ist nicht zugänglich?
Archivgut des Bundes ist nach Ablauf der gesetzlichen Sperrfristen grundsätzlich für jedermann zugänglich. Allerdings genießen der intime Lebensbereich jeder Person oder Geheimnisse des Staates einen besonderen Schutz. Beschränkt zugänglich, was personenbezogene Unterlagen angeht, sind vor allem die Stasi-Unterlagen, für die es ein eigenes Gesetz gibt. Sie stehen vorrangig den Opfern zur Verfügung und dienen der Überprüfung von Stasi-Verwicklungen von Amtsträgern. Besonderen Zugang haben hier auch Forschung und Medien.
Sie bewahren auch Filme und Fotos auf. Welche Bedeutung haben diese Bestände?
Hollmann: Sie sind eine Fundgrube auch für die regionale Geschichte und eine reiche Quelle für das Alltagsleben insbesondere der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben zum Beispiel tausende Wochenschauen und sind dabei, sie sukzessive über unseren Digitalen Lesesaal online zu stellen. Etwa 4000 sind es bereits. Dazu kommen rund 16 Millionen Fotos, die einen reichen Fundus für nahezu alle Themen des politischen und öffentlichen Lebens darstellen.
„Quellen sind nie objektiv“
Was raten Sie Journalistinnen und Journalisten im Umgang mit Archivmaterial?
Quellen sind nie völlig objektiv und geben einfach die Wahrheit wieder. Sie zeigen die Wirklichkeit aus einer bestimmten Perspektive. Man muss also fragen: Wie ist die Quelle entstanden, für wen, mit welcher Absicht? Man muss mit einer gesunden Skepsis und kritisch an das Archivgut herangehen. Das gilt für Akten genauso wie für Bilder und Filme – gerade heute, wo KI auf erschreckende Weise täuschend echte Fälschungen erzeugt. Kritische Quellenarbeit ist wichtiger denn je und bleibt unverzichtbar. Und die Einladung gilt: Nutzen Sie das Bundesarchiv für Ihre Geschichten!

Felix Kalbe
Prof. Dr. Michael Hollmann ist Historiker und Germanist. Seit 2011 leitet er das Bundesarchiv und verantwortet die Sicherung, Erschließung und Bereitstellung zentraler Quellen zur deutschen Geschichte. Seit 2021 ist er Honorarprofessor an der Universität Mannheim.
Veröffentlicht am

Kommentare
Einen Kommentar schreiben