NS-Persönlichkeiten

Lebenslauf eines Nationalsozialisten

von Stefan Wirner

(Foto: Zeitungsartikel Freie Presse)

Viel war nicht bekannt über den NS-Oberbürgermeister der Stadt.  Ein Redakteur recherchierte seine Lebensgeschichte und fand einiges Neues heraus.

Anlass

Auf die Geschichte des ehemaligen NS-Oberbürgermeisters von Chemnitz, Walter Schmidt, stieß Erik Kiwitter über einen Umweg. „Ausgangspunkt war die Geschichte eines antifaschistischen Widerstandskämpfers, der im Frühjahr 1945 beim Anrücken der Amerikaner die weiße Fahne gehisst hatte“, erzählt der Redakteur der Freien Presse. „Der Mann wurde daraufhin festgenommen und standrechtlich erschossen. Das fiel in den Verantwortungsbereich des damaligen Oberbürgermeisters Walter Schmidt.“ Kiwitter recherchierte ein wenig im Internet und stellte fest, dass es über diesen NS-Funktionär kaum Material gab. „Das interessierte mich.“

Recherche 

Kiwitter stieg tiefer in die Recherche ein. Er begab sich ins Chemnitzer Stadtarchiv, anschließend ins Staatsarchiv Chemnitz und ins Sächsische Staatsarchiv Dresden. „Ich stieß dabei auf sehr viele Puzzleteile zum Leben dieses Mannes“, erzählt der Journalist weiter. Schließlich fuhr er auch noch nach Berlin und begab sich ins dortige Bundesarchiv. „Problematisch bei der Recherche in den Archiven ist die Bürokratie“, sagt Kiwitter. „Man braucht viel Vorlaufzeit, die Antragstellung ist relativ kompliziert, besonders beim Bundesarchiv.“ Überrascht war er, dass die Stasiunterlagenbehörde in Chemnitz eine Akte über den Mann hatte. „Damit hatte ich nicht gerechnet, die Anfrage hatte ich eigentlich nur prophylaktisch gestellt.“

Inhalt 

Aus all den Puzzleteilen gelang es Kiwitter, die Lebensgeschichte des Mannes nachzuzeichnen: seine ersten Berührungspunkte mit dem Nationalsozialismus, seine Rolle als bedeutender SA-Funktionär und NS-Oberbürgermeister, sein Untertauchen mit falschem Namen nach Kriegsende, seine Verurteilung zu DDR-Zeiten bis hin zur Entschädigung als SED-Opfer nach der Wende.

Aufwand 

„An so einer Geschichte arbeitet man über mehrere Wochen hinweg immer wieder“, sagt Kiwitter. Die Chefredaktion stand voll hinter dem Aufwand, den er für die Geschichte betreiben musste.

Umsetzung 

„Der Artikel erschien als Doppelseite im Mantelteil, was es nicht allzu häufig gibt“, betont Kiwitter. Die Fotos stammten zum Teil aus Archiven, das große Aufmacherfoto vom altehrwürdigen Saal des Rathauses von Waldheim, wo Schmidt der Prozess gemacht worden war, machte der Fotograf Ulf Dahl.

Worauf es ankommt 

„Mir war es wichtig, nicht nur Fakten aneinanderzureihen“, betont Kiwitter. „Man muss auch eine runde Geschichte erzählen. Teilweise hatte das krimiartige Züge, etwa das Abtauchen unter falschem Namen.“ Wichtig waren ihm die vielen Hintergrundinformationen etwa zum Thema Hinrichtungen in der DDR oder die Entschädigung von SED-Opfern. „Insgesamt hat sich der große Aufwand wirklich gelohnt“, sagt Kiwitter. „Ein guter Artikel lebt von vielen spannenden Details, die hat der Blick in die Akten geliefert.“

Reaktionen 

„Ich erhielt einige Rückmeldungen von Historikern“, erzählt der Journalist. „Einige waren erstaunt über die Menge an neuen Details und gratulierten mir zu meiner Recherche.“

Erik Kiwitter

ist Redakteur der Freien Presse. E-Mail: Erik.Kiwitter@freiepresse.de

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