Motto-Partys und schräge Contests
von Robert Domes
Dass der Odenwaldkreis einmal eine Disko-Hochburg war, konnte Sandra Breunig, Redakteurin des Odenwälder Echos, anfangs nicht glauben. Sie recherchierte nach, fand heraus, dass es stimmt – und machte eine erfolgreiche Serie daraus.
Idee
Von einem Gastronom erfuhr Breunig, dass es im Odenwaldkreis in den 80er Jahren unzählige Diskos gab. Die Redakteurin staunte: „Ich stamme aus Berlin, wo es an Diskos und Clubs nicht mangelt, aber im Odenwald?“ Bei ihren Recherchen kam sie schließlich auf über 30 Diskos in einem Landkreis mit damals nicht mal 90.000 Einwohnern. Dort, so die Erzählungen, sei regelmäßig die Hölle losgewesen, kamen sogar Leute aus Frankfurt, Mannheim, Heidelberg. Die Tanz- und Partylokale existierten von Ende der 70er- bis in die 90er-Jahre. Dann mussten die meisten schließen. Die letzte Disko verabschiedete sich 2022 – das Red Stone in Fränkisch-Crumbach, das heute noch Partys über Youtube veranstaltet. Breunig beschloss, die Clubs in einer Serie vorzustellen.
Recherche
Breunig startete einen Aufruf auf Facebook. Dort meldeten sich in kurzer Zeit fast 300 Menschen mit Kommentaren, Vorschlägen, Hinweisen, Anekdoten. Die Redakteurin nahm Kontakt auf und kam zu den ersten Geschichten. Parallel fragte sie Gastronomen, von denen jeder wieder einen neuen Namen eines ehemaligen Diskothekenbetreibers wusste. So hangelte sie sich durch, führte eine Vielzahl von Telefonaten und schrieb E-Mails. Der Zeitaufwand war sehr hoch. Die Recherche führte sie (telefonisch) bis nach Hamburg, Berlin und sogar Spanien. Trotzdem schaffte sie es nicht, zu allen Diskos Betreiber und Geschichten zu finden. Häufig seien die Besitzer weggezogen oder gestorben oder niemand konnte sich an die Namen erinnern.
Umsetzung
Am Ende enstand die Serie „Alte Diskos im Odenwald“. In fünf Folgen wurde jeweils ein Club vorgestellt. Darin fanden sich Geschichten über wilde Motto-Partys, schräge Tanz- und Schönheits-Contests oder auch Auftritte von Stars und Sternchen, wie etwa Jürgen Drews, Karel Gott, Sandra oder Otto Waalkes. Die Serie handelte auch von Schlägereien und Polizeieinsätzen, die mit langen Haftstrafen endeten
Breunig bekam einen großen Fundus an Bildern zur Verfügung gestellt. Sie verbrachte lange Abende mit der Digitalisierung der Fotos und stundenlange Dia-Shows in Vereinsheimen. Allerdings konnte sie viele Bilder nicht verwenden, wie sie erzählt. Einige waren nicht jugendfrei, bei anderen standen Datenschutz und Persönlichkeitsrechte im Weg. Trotzdem gab es noch genug Material, um zu den Online-Artikel häufig große Bilderstrecken zu stellen. „Es war eine echte Zeitreise“, fasst Breunig ihre Recherche zusammen.
Resonanz
„Die Serie ist eingeschlagen wie eine Bombe, wurde sehr viel gelesen und kommentiert und geteilt“, berichtet Breunig. Einige der Geschichten landeten in der Top Ten der Jahrescharts der meistgelesenen Artikel. Wenn die Artikel über Facebook ausgespielt wurden, habe es massenweise Kommentare und zusätzliche Anekdoten gegeben.
drehscheibeTipps:
- „Wo sind die DJs von damals?“: Die Redaktion sucht nach ehemaligen DJs aus eurer Region. Was ist aus ihnen geworden? Wie blicken sie auf ihre Zeit in den Diskotheken der Region zurück? Legen sie privat noch die Hits von früher auf?
- Recherche: Italo Disco, NDW, Eurodance? Welche Musikstile dominierten die Region in den 80er- und 90er-Jahren? Wie sah es in lokalen Plattenläden und den regionalen Radiosendern aus? Gab es Musikgruppen, die diese Stile vertraten?
- Was kam nach der Disko? Was wurde aus den Gebäuden ehemaliger Tanzlokale in der Region? Die Redaktion befragt Anwohner, die den Wandel miterlebt haben.
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