Schwelgen in Erinnerung
von Robert Domes
Mit der Serie „Unsere Kindheit in den 50ern“ traf die Redaktion von Münchner Merkur und tz einen Nerv. Auf einen Aufruf gingen mehr als 100 Rückmeldungen ein. Die Menschen erzählten Erinnerungen aus ihrer Kindheit und zugleich ein Stück Zeit- und Stadtgeschichte.
Idee
Anlass für die Serie war ein Interview mit der Münchner Fotografin Heidi Fruhstorfer, deren Mann Georg als Journalist in der Nachkriegszeit das Alltagsleben in Oberbayern dokumentierte. Auch aus eigener Sammlung besitzt sie hunderte von Fotografien aus der Zeit ab den späten 1940er-Jahren. Zu diesem Interview stellte die Redaktion einen Aufruf an die Leser, ihr schönstes Foto von damals zu zeigen und die Geschichte dazu zu erzählen. „Das Interesse war riesig, mich erreichten gut 100“, erzählt Redakteurin Cornelia Schramm. „Durch den Aufruf konnten wir nicht nur ganz persönliche Porträts schreiben, wir sind auch auf echte Foto-Schätze gestoßen. Viele dieser historischen Bilder wären ohne die Serie wohl nie gesehen worden und vielleicht sogar nach dem Tod der Besitzer im Müll gelandet.“
Aufwand
Aufgrund der Vielzahl an Rückmeldungen war der organisatorische Aufwand für die Serie enorm. Fotos mussten gesichtet, Erzählungen gesammelt und alles in ein Serienkonzept eingeordnet werden. Die Geschichten sollten möglichst viele Aspekte aus der Zeit abbilden – darunter Schule, Brauchtum, Wiederaufbau, Gesellschaftsstrukturen etc. Die Inhalte sollten sich nicht doppeln. Schramm berichtet von zahlreichen Telefonaten, um zu klären, welche Erinnerungen besonders und exemplarisch sind und welchen Zeitzeugen man absagen muss. Schramm und ihre Kolleginnen lernten: „Für Zeitzeugen braucht man Zeit.“ Nach Vorab-Telefonaten dauerten die eigentlichen Interviews bei den Menschen daheim meist an die zwei Stunden. Nach dem Zuhören ging es ans Bearbeiten der Erinnerungen. Dazu musste immer auch der jeweilige historische Kontext recherchiert werden, um die Erinnerungen in der Heimatgeschichte Münchens und der Region zu verankern. Knapp fünf Monate arbeitete die Redakteurin neben dem redaktionellen Alltag am Projekt: Von der Koordination aller Einsendungen, der Selektion der einzelnen Zeitzeugen/Erinnerungen bis zum Wahrnehmen der Interviewtermine sowie dem Erstellen und Veröffentlichung der Artikel.
Umsetzung
Die Serie lief unter demselben Titel, aber in unterschiedlicher Gestaltung in den beiden Schwesterblättern Münchner Merkur und tz. 20 Teile sind jeweils auf einer Printseite erschienen. In erster Linie sollte immer die Geschichte zum eingereichten Foto erzählt werden. „Selbstverständlich kommt man aber nicht drum herum, die Lebensgeschichten des jeweiligen Zeitzeugen miteinzuarbeiten“, sagt Schramm. Zum Zeitpunkt des Aufrufs waren circa fünf Teile geplant. Aufgrund der vielen Rückmeldungen wurden es dann erheblich mehr Folgen. Es ging um die Themen Flucht und Heimat, den Umgang der Gesellschaft mit Geflüchteten, Kriegswaisen und Besatzerkindern. Es ging um Rassismus, Identität, Emanzipation, das große Schweigen nach der Diktatur, das Aufblühen einer neuen Generation, den ersten Urlaub. Vor allem lebte die Serie von den alten Fotos. Sie zeigten zum Beispiel eine Leserin Arm in Arm mit Jazz-Legende Luis Armstrong. Eine andere liegt auf einem Foto als Baby im Arm einer Krankenschwester, die ihr damals im Kinderheim vermutlich das Leben gerettet hat. Wieder eine andere tollt als Kind über den zerstörten Münchner Marienplatz. Dazu werden oft berührende Geschichten aus der Kindheit erzählt.
Tipps
Schramm empfiehlt: „Wichtig ist, dass man aus den Kindheitserinnerungen nicht nur ein Portrait anfertigt, sondern die Erzählungen der Menschen auch zeitlich einordnet. Der historische Rahmen hebt die Geschichte auf eine höhere Ebene und enthält für uns im Heute meist einige Erkenntnisse, ja vielleicht sogar eine Art Lehre.“
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