Interview

„Wir haben es mit Menschen zu tun“

von Robert Domes

Konzert auf dem kriegszerstörten Bonner Markt am 12. September 1949 (Fotograf unbekannt)

Herr Franz, das Publikum mag Geschichtsthemen. Stimmt das grundsätzlich oder hängt es von der Umsetzung ab?

Geschichtsthemen kommen gut an. Das sagen auch die Zahlen aus unseren Dashboards. Aber es hängt durchaus vom Thema ab. Wie bei allen journalistischen Themen gilt auch hier: Exklusivität schlägt Allgemeinwissen, Originalität schlägt die reine Nacherzählung, und Menschen schlagen Zahlen, Fakten, Daten. Ein Erfolgsfaktor für das Gelingen historischer Themen sind immer Fotos. Bei Themen, die so alt sind, dass es keine Fotos gibt, muss man andere Möglichkeiten der Bebilderung suchen.

Welche Themen sind besonders gefragt?

Auch hier gilt der Grundsatz: Je näher uns die Geschichte ist, desto größer ist das Interesse. Das steht und fällt mit dem Identifikationspotenzial. Geschichten, die man selbst oder die Elterngeneration erlebt hat, ziehen besonders. Da fallen zwei Faktoren zusammen, die Nähe zur Geschichte und die Lokalisierung. Das kann gerade eine Regionalzeitung sehr gut leisten.

Wobei sich der Zeithorizont mit dem Menschenalter immer weiter verschiebt. Ich erlebe gerade, dass die Zeit Bonns als Bundeshauptstadt als Zeitungsthema besonders populär wird. Gleichzeitig scheint das Interesse am Zweiten Weltkrieg und dem Kriegsende, lange Zeit das zeithistorische Topthema schlechthin, allmählich etwas nachzulassen. Viele der heute Lebenden finden sich in Fotos und Geschichten aus dem Bonner Wasserwerk oder dem Regierungsviertel eher wieder. Dasselbe gilt für ehemalige Discos und Kneipen. Ein absoluter Klassiker, der immer wieder zieht, ist das Geschäftsleben von einst. Wobei wir uns hier schon tief in der Alltagsgeschichte bewegen.

Müssen wir Geschichtsthemen anders erzählen als noch vor 20 oder 30 Jahren?

Der Punkt ist: Wir können sie anders erzählen als noch vor 20 Jahren. Weil uns die Technik neue Möglichkeiten gibt. Aber ich denke, dass wir da bei all dem die klassischen Zeitungsleser nicht vergessen dürfen. Wir veröffentlichen zum Beispiel traditionell monatlich eine sogenannte Bonner Chronik, die quer durch die Jahrhunderte Jahrestage aufgreift und auf einer Seite versammelt. Auch gibt es bei uns immer wieder Serien in den Lokalausgaben zu bestimmten Ereignissen in der Geschichte, zum Beispiel das Kriegsende in der Region. Das heißt, die traditionellen Darbietungsformen im Printprodukt sind nach wie vor das Pflichtprogramm. Und dazu erarbeiten wir neue und ergänzende Formate in unseren digitalen Produkten.

Zum Beispiel?

Wir können Videos oder Audioelemente einbinden, Podcasts herstellen oder interaktive Grafiken bauen lassen. Sehr gut wird der Geschichtspodcast „Hinter Bonner Türen“ angenommen, ebenso die „Akte Rheinland“, ein True-Crime-Podcast mit sehr oft historischen Kriminalfällen. Gerade die Podcasts können die Marke mit prägen und zur Kundenbindung beitragen. Bei historischen Geschichten können wir auch einen Blick hinter die journalistische Kulisse bieten. Das kommt erfahrungsgemäß immer gut an.

Sie haben die Bedeutung von Fotos angesprochen. Was empfehlen Sie zur Nutzung historischer Bilder?

Bei Fotos liegt ein besonderer Schwerpunkt unserer Arbeit in der Aufbereitung historischer Bilder. Oft ist bei Archivbildern die Beschreibung mangelhaft. Da weiß man nach einigen Jahrzehnten nicht mehr, was das Foto zeigt. Selbst markante Plätze in der Stadt können sich in einem halben Jahrhundert so stark verändern, dass man sie nur noch mit Mühe wiedererkennt. Hier nehmen wir die Bilder, die wir für wichtig erachten, nochmal genau unter die Lupe und versuchen sie zeitlich und örtlich möglichst genau einzuordnen. Dann hinterlegen wir sie in unserem Fotoarchiv so, dass wir genauere Informationen bieten und das Fehlerrisiko minimieren, auch für die Nachwelt.

Wir präsentieren die Fotos nicht nur zur Bebilderung von Geschichten, sondern auch in eigenen Online-Bilderstrecken. Und wir erzählen dann noch mal die Geschichte dazu und kontextualisieren die Bilder. Bei den Online-Zugriffen erreichen diese Themen regelmäßig Spitzenwerte. Das funktioniert selbst bei unsortierten Fotostrecken. Aber man erzielt einen erheblichen Mehrwert, wenn man sich die Mühe macht, diese Fotostrecken zu kuratieren und auch noch eine kleine Geschichte dazu zu stellen.

Historische Erzählungen arbeiten oft mit Doku-Fiktion. Ist das auch in der journalistischen Arbeit erlaubt?

Erlaubt ist vieles, auch ein gewisses Maß an Fantasie ist legitim. Wichtig ist für mich allerdings, dass für die Leser transparent ist, sofern es sich um eine Fiktion handelt. Meine Kolleginnen Christine Ludwig und Johanna Lübke beispielsweise arbeiten in ihrem Podcast "Hinter Bonner Türen" zuweilen Sequenzen ein, die den Zuhörern vermitteln, wie es gewesen sein könnte, zum Beispiel vor 100 Jahren seine Einkäufe in der Bonner Innenstadt zu erledigen. Ich halte das nicht nur für zulässig, sondern für gewinnbringend, solange man nicht anfängt, den Nutzern vorsätzlich etwas vorzugaukeln. Tabu ist und bleibt selbstredend gezielte Manipulation.

Gerade im Lokalen kommen häufig Zeitzeugen zu Wort. Wie kritisch sollte der Umgang mit ihnen sein?

Es gibt ja den bösen Spruch: Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers. Die Erinnerung eines Menschen ist immer selektiv. Aber ich finde, besser eine getrübte Erinnerung als gar keine. Zeitzeugenberichte können gar nicht genug geschätzt werden. Denn was würden wir ohne sie machen? Aber auch hier ist Transparenz wichtig. Zeitzeugenberichte sollten als solche gekennzeichnet sein. Selbstverständlich muss man die Seriosität der Menschen überprüfen und auch Unstimmigkeiten in den Erzählungen ansprechen. Andererseits gehören Gegensätze und Widersprüche dazu. Oral History bringt es mit sich, dass wir verschiedene Blickwinkel bekommen. Dem sollten wir auch Raum geben. Wir sind viel mehr Journalisten als Historiker. Und wir haben eben nicht nur mit Quellen, sondern in erster Linie mit Menschen zu tun.

Wo und wie finden Lokaljournalisten die richtigen Experten?

Ich empfehle immer, in schwierigen Fragen den Rat von Experten zu suchen. An Universitäten und in Archiven findet man in der Regel immer qualifizierte Ansprechpartner, die Hintergründe liefern oder eine Einordnung übernehmen können. Ich habe mit der Zeit ein Netzwerk aufgebaut – und das ist auf jeden Fall zu empfehlen. Hilfsbereit sind immer die Presseabteilungen der Universitäten. Sie liefern uns zu unseren Anfragen meistens eine ganze Auswahl an Kontaktpersonen.

Gute Erfahrungen haben wir immer mit dem klassischen Aufruf per Zeitungsmeldung oder über Facebook gemacht, wenn es beispielsweise um Zeitzeugen geht. Zum Beispiel zur Katastrophe von Tschernobyl vor 40 Jahren haben sich auf unseren Aufruf zuletzt viele Menschen gemeldet.

Ein wichtiger Faktor sind private Bestände, also Familienarchive, Briefe, z.B. Feldpostbriefe, die oftmals gebündelt bei der Oma noch im Schrank liegen, oder Fotoalben und Tagebücher. Gerade solche Briefe oder Tagebücher, die direkt aus der Zeit stammen, sind ein sehr fruchtbarer Fundus. Ich glaube, dass da noch sehr viele Schätze irgendwo in Schränken und auf Dachböden liegen.

Interview: Robert Domes

Rüdiger Franz

ist Redakteur im Journal des Bonner General-Anzeigers. E-Mail: r.franz@ga.de

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