„Den Always on-Modus öfter mal abstellen“
von Stefan Wirner
Der digitale Wandel verlangt den Menschen viel ab, insbesondere Journalistinnen und Journalisten. Der Medienwissenschaftler Stephan Weichert erklärt, wie wir mit dem Druck umgehen können.
Herr Weichert, es gibt im Redaktionsalltag immer mehr Tools, immer mehr Technologie. Jetzt kommt auch noch KI dazu. Sie setzen sich mit den sozialen und psychischen Folgen dieser digitalen Transformation auseinander. Wie wichtig ist das Thema?
Wir beschäftigen uns seit Beginn der Corona- Pandemie intensiv damit. Einerseits verändert die Digitalisierung die Arbeitsbedingungen im Journalismus radikal. Andererseits setzt das die Menschen, die in der digitalen Transformation arbeiten, enorm unter Druck – psychisch, sozial, kulturell. Um die Demokratie zu stärken, wollten wir durch Weiterbildungsangebote, Coaching-Formate und Beratung noch intensiver die Medienleute stärken, durch die Qualitätsjournalismus entsteht. Ängste oder Phänomene wie Burnout treten in der Medienbranche seit einigen Jahren verstärkt auf. Deshalb haben wir vor fünf Jahren das VOCER-Institut gegründet.
Gibt es Zahlen, die belegen, dass Fälle von Burnout zunehmen?
Ja. Das Erschöpfungssyndrom nimmt insgesamt in der Gesellschaft zu. Bestimmte Branchen sind aber besonders betroffen, und dazu zählt der Journalismus. Weltweite Studien, aber auch unsere eigenen Projekte in Forschung und Beratung, zeigen: Burnout betrifft viele Journalistinnen und Journalisten – Einzelne, aber auch ganze Redaktionen.
Wie funktioniert das? Noch ein Tool, ein Passwort – und irgendwann wird es den Menschen zu viel? Stressig war der Job des Journalisten ja schon immer.
Ja, wer diesen Beruf ergreift, muss stressresistent sein. Gerade auch wegen der eingeforderten Aktualität. Aber es sind noch etliche Dinge dazugekommen: Wir leben in Zeiten von multiplen Krisen, die Weltlage hat sich drastisch verändert – wegen der Kriegsgefahr, den Krisen, der Pandemie. Das macht sich auch im Lokalen bemerkbar. Und die Digitalisierung spitzt sich weiter zu. Es gibt neben KI noch viele andere neue Tools zur Recherche, zur Berichterstattung, im Bereich Daten usw. Da haben viele das Gefühl, sie kommen kaum noch hinterher. Und es gibt eine sich verschärfende wirtschaftliche Medienkrise. Es kommt zu Stellenabbau, und es gibt Effizienzbestrebungen vieler Verlagshäuser. Viele Journalistinnen und Journalisten erleben heute eine Ballung von Belastungen – ökonomisch, technologisch und gesellschaftlich.
Verschärft künstliche Intelligenz das Problem?
Man könnte sagen: Ja und nein. KI kann ja Routinen erleichtern, kann entlasten und so Freiräume schaffen. Aber wir wissen noch nicht, inwieweit KI unsere Arbeit ersetzen wird. Deswegen verstärkt die Technologie das Gefühl der Unsicherheit. Viele Medienleute fragen sich, ob sie morgen noch gebraucht werden. Das gilt nicht nur für Ältere, sondern auch für Jüngere. Dieses Gefühl der Entwertung ist Gift für die Psyche und sorgt für mentales Unwohlsein.
Welche Rolle spielen die zunehmenden Angriffe auf Lokaljournalisten?
Das ist noch eine andere Dimension von Belastung. Lokaljournalisten werden zuhauf öffentlich angegriffen, bedroht und belästigt, im Digitalen mit Shitstorms, aber auch vor der eigenen Haustür. Dadurch, dass die AfD immer mehr Zuspruch bekommt in ländlichen Regionen, geraten Lokaljournalisten auch stärker in Gefährdungssituationen. Die Gefahr besteht darin, dass es deswegen in den kommenden Jahren immer weniger Lokaljournalismus genau dort gibt, wo er eigentlich am meisten gebraucht wird, nämlich in ländlichen Regionen.
Was können die Verlage dem entgegensetzen? Haben Sie konkrete Ideen oder Vorschläge?
Zum einen bieten wir regelmäßig Resilienz-Akademien für Lokaljournalisten an, wie etwa die Digitale Innovation Resilienz Akademie (DIRA) oder das Projekt „Dorf Dialog Dinner“ – ein lokaljournalistisches Live-Format, mit dem wir Menschen auf dem Land wieder ins konstruktive Gespräch bringen wollen. Zum anderen arbeiten wir in beratender Funktion mit einigen Verlagen sehr eng zusammen, die es inzwischen als Teil ihrer Unternehmenskultur begreifen, sich um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu kümmern. Mit unserer Unterstützung bieten sie Supervision an, digitale Resilienz-Trainings und Führungskräfte-Coachings. Einige Medienhäuser haben inzwischen auch Anlaufstellen für digitale Gesundheit aufgebaut. Bei vielen unserer Partner geht es um Fragen der Entlastung im Arbeitsalltag durch bessere Ressourcenplanung. Unser Ziel ist, dass alle Unternehmen Digital-Resilience- oder Digital-Health-Beauftragte einsetzen und damit Verantwortung für die mentale Stärke ihrer Teams übernehmen. Dafür hat man sich in den vergangenen Jahren auf Managementebene viel zu wenig interessiert, durch Corona wurde aber von einigen erkannt, dass das ein Riesenthema ist. Und hinzu kommt das Nachwuchsproblem. Es wollen immer weniger junge Menschen in den Journalismus, weil der Beruf als sehr anstrengend gilt und die Burnoutgefahr so hoch ist.
Gibt es auch Hinweise, dass der Nachwuchs mittlerweile abgeschreckt ist durch diese Angriffe auf Journalisten?
Das Image des Journalismus ist schon seit vielen Jahren stark angegriffen. Früher hat man gesagt, die rangieren irgendwo zwischen Immobilienmaklern und Gebrauchtwagenhändlern. Heute gilt der Beruf vielen als zu aufreibend und nicht familientauglich.
Was können Journalisten selbst tun, um ihre eigene Resilienz zu stärken? Geht es da um Yoga und Meditation?
In unseren Weiterbildungen binden wir meistens Achtsamkeitsübungen mit ein. Insgesamt verstehen wir unter Resilienz die ganze Bandbreite digitaler Souveränität. Es geht uns darum, Journalisten so zu coachen, dass sie von den Ausprägungen der Digitalität – von KI über Fake News und Deepfakes bis hin zum Ressourcen- oder Zeitmanagement – nicht überrollt werden, sondern sie produktiv nutzen. Durch unsere Bildungsprogramme entstehen auch wertvolle Netzwerkeffekte, die Kollegen tun sich zusammen und tauschen sich aus. Unser Motto lautet daher: „Zusammen ist besser.“ Ein gutes Beispiel ist auch die Methode der kollegialen Fallberatung: Man zerbricht sich in der Gruppe über ein konkretes Problem eines Kollegen gemeinsam den Kopf und kommt so oft schnell zu einer praktikablen Lösung. Zur Stärkung der inneren Widerstandskraft ist das Einfordern von Grenzen ebenso wichtig: Wie viel kann ich mir noch aufladen, ohne dass ich vom Stuhl kippe? Wir wollen den Leuten dabei auch vermitteln, den „Always on“-Modus abzustellen, um Pausen zu schaffen, damit sie wieder Kraft schöpfen für guten Journalismus.
Wenn man sich das ganze Szenario vor Augen führt: Was meinen Sie, wird es auch einmal wieder anders?
Die Arbeitswelt im Journalismus wird auf keinen Fall wieder entschleunigter. Schon in wenigen Jahren werden wir einen Journalismus erleben, der sich grundlegend von dem unterscheidet, was wir heute kennen. Die jüngeren Leute nutzen heute schon hauptsächlich ChatGPT, um sich zu informieren. Sie sprechen ins Handy und kriegen eine Antwort. Umso wichtiger ist es, journalistische Arbeit resilienter zu machen. Wir müssen der Bevölkerung klarmachen, warum guter Journalismus systemrelevant ist.
Interview: Stefan Wirner
Hinweis: In unserer Themenwoche Psyche vom 10. bis 14. November veröffentlichen wir eine Folge unseres Ö9dcasts drehmoment, in dem Stephan Weichert ebenfalls zu Wort kommt. Zu den Themenwochen
Links
Hier geht es zur Digitalen Innovations- und Resilienzakademie VOCER
Mehr über das „Dorf Dialog Dinner“ von VOCER
Im vorigen Jahr fand die Local Innovation News Academy von VOCER in Zusammenarbeit mit der bpb statt
Das Interview erschien zuerst in der Ausgabe 12/2025 der drehscheibe.
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