Interview

„Journalisten sind ein einfaches Feindbild für Neonazis“

von

Bedrohung in Form einer Todesanzeige
Rechtsextreme Bedrohung

Während die einen auf Protestmärschen verbal gegen die „Lügenpresse“ hetzen, machen die anderen ernst. Dortmunder Rechtsextremisten bedrohen Journalisten der Ruhrbarone, des lokalen Nordstadtblogs und der Ruhr Nachrichten mit Todesanzeigen. Unter den Bedrohten befindet sich auch Sebastian Weiermann. „In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir fröhlich bald Abschied“, heißt es über ihn. Die drehscheibe wollte wissen, wie er mit dieser Bedrohung umgeht.

Herr Weiermann, wie erfuhren Sie von diesen „Todesanzeigen“?

Ich habe sie per Tweet erhalten. Da stand fett gedruckt mit Ausrufezeichen dahinter: Überraschung. Beigefügt war ein Facebook-Link, und wenn man den anklickte, landete man auf einer Seite, die hieß: „Jagd eröffnet jetzt“.

Was haben Sie im ersten Moment gedacht?

Ganz ehrlich: Ich musste erst mal lachen. Ich stand gerade im Duisburger Hauptbahnhof, weil ich über den nordrhein-westfälischen Pegida-Ableger berichten wollte. Ich habe den Tweet einem Kollegen gezeigt und gesagt: Guck mal, schon wieder! Denn vor einem Monat gab es schon einmal eine Todesanzeige gegen einen Dortmunder Fotografen. Die war genauso aufgebaut. Ich lasse mich davon nicht einschüchtern. Wobei man schon sagen muss, dass die Rechtsextremen in Dortmund gewalttätig sind.

Welche Schritte haben Sie seither unternommen?

Ich bin am nächsten Morgen zur Polizei gegangen, um Anzeige zu erstatten. Ich bin dort dann direkt an den Staatsschutz verwiesen worden.

Sie sind den Rechtsextremisten offenbar verhasst, weil sie über sie schreiben. Worüber berichten Sie?

Ich schreibe über Aufmärsche und Aktionen der Neonazis und kann mir mitunter auch den einen oder anderen hämischen Kommentar nicht verkneifen. Aber die Berichterstattung über Rechtsextremismus ist für mich nur ein Teil meiner Arbeit. Ich habe zuletzt auch viel über Islamisten geschrieben, ich war einer der ersten, die über die Scharia-Polizei in Wuppertal berichtet haben, ich befasse mich aber auch mit sozialpolitischen Themen.

Wie gehen Sie bei der Berichterstattung vor, wenn Sie über Rechtsextreme berichten?

Wenn ich über einen Neonazi-Aufmarsch berichten will, dann fahr ich eben mit einem Zug früher dahin und mit einem Zug später wieder nach Hause. Oder man fährt zusammen mit Kollegen mit dem Auto zum Aufmarschort. Ich achte auf ganz einfache Dinge, aber ich gehe da nicht verkleidet oder undercover hin.

Kann das nicht auch die eigene Berichterstattung verändern, wenn man solche Drohungen erhält? Nehmen Sie sich vielleicht zukünftig zurück in dem, was sie schreiben?

Klares Nein. Es ist eher so, dass es mich motiviert. Ich will weiterhin sachlich darüber schreiben, was Rechtsextreme machen, was die Partei „Die Rechte“ tut, die in Dortmund besonders stark ist. Vielleicht sehe ich noch genauer hin.

Wird in Deutschland ausreichend über das Problem Rechtsextremismus aufgeklärt und berichtet?

Ich denke schon. Es wird aber zu häufig noch mit Klischeebildern gearbeitet. Es haben zwar viele längst verstanden, aber der Skinhead mit schwarzen Stiefel und Bomberjacke taucht immer noch in den Medien auf. Wenn man sich die rechtsextremen Kader in Dortmund ansieht, etwa Dennis Giemsch, der für „Die Rechte“ im Dortmunder Stadtrat sitzt, oder Michael Brück, der den Neonazi-Versand Antisem.it betreibt, dann sehen die aus wie ganz normale junge Leute. Auf einer Demonstration tragen die gewöhnliche Outdoor-Kleidung, nicht mal Sachen von Thor Steinar.

Die einen hetzen gegen die „Lügenpresse“, die anderen bedrohen Journalisten direkt. Sehen Sie da einen Zusammenhang? Verschärft sich die Stimmung gegen Journalisten?

Mit Sicherheit. Journalisten sind für Neonazis oder Rechtspopulisten ein einfaches Feindbild. Man schreibt ja in der Regel unter seinem eigenen Namen, die Redaktion ist bekannt, man kann sie leicht ausfindig und verantwortlich machen für dies und jenes. Es ist auch ein schwaches Feindbild. Ein Journalist ist zunächst eine Einzelperson, die leicht bedroht werden kann. Vor den autonomen Antifagruppen zum Beispiel haben die Dortmunder Neonazis gehörigen Respekt. Sie wissen einfach nicht, was dahinter steckt und welche Leute das sind. Einen einzelnen Journalisten kann man sich da schon eher rauspicken.

Wünschen Sie sich aus der Gesellschaft mehr Unterstützung für Ihre Arbeit?

Die Solidarität, die uns momentan entgegengebracht wird, ist überwältigend. Mein Telefon steht nicht mehr still. Da melden sich Leute, mit denen ich vor Jahren an der Uni zu tun hatte, mich erreichen SMS und viele aufmunternde E-Mails. Mehr kann ich da nicht erwarten.

Sebastian Weiermann arbeitet hauptsächlich für die Ruhrbarone, als freier Journalist schreibt er aber auch für den Tagesspiegel, die taz oder die Wochenzeitung Jungle World.

Hier geht's zu den Ruhrbaronen.

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