Interview

„Im Lokalen lassen sich Dinge verändern“

von Clemens Niedenthal

Frank Quiring ist Diplom-Psychologe.
Frank Quiring ist Diplom-Psychologe und Mitglied der Geschäftsführung des Rheingold Instituts für Markt- und Gesellschaftsanalysen.

Von einer Zeit des „Neo-Biedermeier“ spricht Frank Quiring vom Rheingold Institut. Denn angesichts permanenter Krisen ziehen sich viele Menschen ins Private zurück. Das Lokale könnte in dieser Lage eine bedeutende Rolle übernehmen.

Herr Quiring, Sie beobachten in Ihren Studien einen Rückzug der Menschen ins Private und sprechen vom „Neo-Biedermeier“. Was genau meinen Sie damit?

Das Biedermeier war eine Epoche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die ebenfalls von weitgreifenden Veränderungen und Unsicherheiten geprägt war: Die Industrialisierung nahm Fahrt auf, Fabriken etablierten sich und mit ihnen eine Arbeitsmigration, Großstädte entstanden. Das Bürgertum reagierte darauf mit einem Rückzug ins Private und einem Desinteresse an Politik und am öffentlichen Leben. Biedermeier-Möbel erzählen davon: Man hat es sich zuhause schön gemacht, abgeschottet von der Welt.

Hier sehen Sie Parallelen zur Gegenwart?

Wir stecken in einer Permanenz der Krisen. Die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, die Konflikte im Nahen Osten und über allem der Klimawandel. Diese Verdichtung der Krisen hat die Bewegung ins Häusliche vorangetrieben. Diese Spaltung – die Welt da draußen ist schlecht, böse und gefährlich, aber bei mir zu Hause ist es sicher und heimelig – zieht sich quer durch die Gesellschaft.

Dazu fallen mir zwei Schlagwörter ein, die zuletzt von den Sozialwissenschaften bis zu Einrichtungsmagazinen eine ziemliche Konjunktur hatten: das dänische Wort Hygge und das englische Wort Cocooning.

Beide Begriffe passen sehr gut. Sie drücken Grundqualitäten aus, die den Leuten bei ihrem Rückzug wichtig sind: Cocooning ist die Flucht ins Schneckenhaus, in den privaten Kokon; Hygge beschreibt die Behaglichkeit, Gemütlichkeit, Entschleunigung, die man sich davon erhofft.

Behaglichkeit und Entschleunigung muss man sich aber leisten können. Es braucht dafür Zeit und auch Geld.

Es stimmt sicher, dass sich eine etablierte Mittelschicht angenehmer im Privaten einrichten kann als prekäre Milieus, die sich vielleicht zu viert eine Zweizimmerwohnung teilen müssen. Wohlstand sorgt auch für Wohlbefinden: Das eigene Haus mit der Outdoorküche auf der Terrasse und zur Fußball-WM wird ein noch größerer Flachbildfernseher gekauft. Sowohl unsere Meinungserhebungen als auch die vielen qualitativen Interviews haben aber gezeigt, dass sich die Menschen durch alle Milieus und sozialen Lager hinweg zunehmend ins Private zurück- ziehen und sich doch gleichzeitig nach einer gemeinschaftlicheren Gesellschaft sehnen.

Eigentlich wollen wir also miteinander sein?

Absolut. 76 Prozent der von uns Befragten wünschen sich, Teil einer sozialen Gemeinschaft zu sein. Sogar 95 Prozent sagen, dass es angesichts der politischen Weltlage wieder mehr Zusammenhalt in Deutschland braucht. Gleichzeitig sagen aber fast 90 Prozent, dass sie eine gesellschaftliche Spaltung und damit verbunden eine zunehmende Aggressivität im Alltag erleben, sei es im Straßenverkehr oder an der Supermarktkasse. Mehr als 80 Prozent nehmen eine wachsende Vereinzelung war.

Warum folgt auf diese Sehnsucht nach mehr Gemeinschaft nicht einfach: mehr Gemeinschaft?

Weil wir für diese gesellschaftliche Spaltung die jeweils andere Seite haftbar machen. Und weil man sich zunehmend nur noch unter sich und in der eigenen Bubble bewegt, kommt es gar nicht mehr zu Situationen, aus denen ein gegenseitiges Verständnis oder auch nur eine Akzeptanz wachsen könnte. Hier wird der Lokaljournalismus wichtig – und zwar als ein Medium, das zuhört und den Menschen wie- der das Gefühl gibt, gehört zu werden, auch wenn manche Äußerungen vielleicht schwer erträglich sind. Aber hier gibt es ja im Nach- gang etablierte journalistische Techniken, den Faktencheck zum Beispiel.

Wie empfänglich sind weite Teile der Gesellschaft denn noch für Fakten?

Auch da möchte ich eine Unterscheidung treffen. Einerseits gibt es eine relevante Vertrauenskrise, gerade gegenüber den öffentlich-rechtlichen Medien. Im Kleinen, im Alltäglichen, im Gemeinschaftlichen wird Vertrauen wieder gesucht und gelebt. Nur: Wie entsteht Vertrauen? Vertrauen entsteht dort, wo Menschen das Gefühl haben, gehört zu werden und sich einbringen zu können. Das kann zivilgesellschaftliches Engagement sein, wie hier in Köln das RhineCleanUp: Zuvor wildfremde Menschen sammeln gemeinsam Müll. Oft wurde auch das Singen im Chor genannt. Diese neue Chorbewegung abseits von Kirchenchor und Männergesangsverein ist überhaupt ein spannendes Phänomen – gerade für die Lokalredaktionen.

Wie würden Sie ein solches Thema erzählen?

Indem ich vom Kleinen aufs Große komme, vom Dorf auf die Welt. Warum entdecken alle gerade das Singen neu? Was erzählt das über die Gegenwart?

Der Lokaljournalismus bleibt also ein Werkzeug des gesellschaftlichen Miteinanders?

Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass gerade das Lokale der Ort ist, an dem sich Vorurteile abbauen und Dinge – und persönliche Einstellungen – wirklich verändern lassen. Nehmen wir als Beispiel Migration und Integration. In den Acht-Uhr-Nachrichten bleibt das eine abstrakte Sache. Im Lokalen aber, sei es auf dem Dorf oder bei mir in Köln in meinem Kiez, wird es greifbar. Ich sehe neuerdings fast täglich einen Geflüchteten aus Syrien, der hier in meiner Nachbarschaft die Straßen säubert. Auf flüchtige Begegnungen folgen Blickkontakte und eines Tages ein erstes Gespräch. Plötzlich habe ich einen persönlichen Bezug zu einem Thema, das ich sonst mit den meiner jeweiligen Einstellung entsprechenden Schlagwörtern verhandelt habe. Ich wünsche mir einen Reporter der Lokalzeitung, der so einen Geflüchteten einen Tag lang begleitet. Ich bin mir sicher, dass das ein überraschendes Porträt werden wird.

Interview: Clemens Niedenthal
  
Das Interview erschien der drehscheibe 8/2026.

Frank Quiring

ist Diplom-Psychologe und Mitglied der Geschäftsführung des Rheingold Instituts für Markt- und Gesellschaftsanalysen. E-Mail: quiering@rheingold- online.de

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