Internetwerkstatt

Menschen richtig zählen

von Christina Quast

Nummer 07/2018

30.000 Menschen demonstrieren auf dem Marienplatz in München gegen das neue Polizeiaufgabengesetz in Bayern. 15.000 Menschen jubeln am Römerberg in Frankfurt über den Sieg der Eintracht im DFB-Pokalfinale. Es sind beeindruckende Zahlen, die gerne genannt werden, um die Größe und den Erfolg von Veranstaltungen oder Demonstrationen zu verdeutlichen. Meist unterscheiden sich die geschätzten Teilnehmerzahlen, die von den Organisatoren und der Polizei veröffentlicht werden, aber deutlich, wie zuletzt bei den Aktionen anlässlich einer AfD-Demonstration in Berlin: Die Partei zählte über 8.000 Teilnehmer, die Polizei schätzte bis zu 5.000, und die Organisatoren der zahlreichen Gegen-Aktionen gingen von rund 2.000 Menschen aus, die an der AfD-Demonstration teilgenommen hätten. Auch die Zahlen für die Gegen-Aktionen gingen sehr weit auseinander – 25.000 Teilnehmer schätzte die Polizei und 72.000 Teilnehmer nannten die Organisatoren.

Plausible Zahlen finden

Wie viele Menschen passen eigentlich auf die Straße des 17. Juni in Berlin oder den Marienplatz in München oder den Römerberg in Frankfurt? Und sind die Teilnehmerzahlen von Demonstrationen oder die Besucherzahlen von Open-Air-Festen auch plausibel? Eine Antwort hierauf kann das Online-Tool „Map Checking“ geben: Es berechnet, wie viele Menschen maximal auf eine freie Fläche passen, und ist nützlich für Journalisten, um bei Menschenmengen unter freiem Himmel zu prüfen, welche veröffentlichten Zahlen realistisch sind.

Fläche und Dichte messen

Der Programmierer Anthony Catel aus Frankreich hat „Map Checking“ entwickelt, sodass es leider nur in französischer Sprache online zur Verfügung steht. Dennoch ist das Fact-Checking-Tool auch ohne weitere Sprachkenntnisse gut zu nutzen: Auf einer Google Map kann man sich den Veranstaltungsort anzeigen lassen und die Fläche einer Demonstration oder einer Open-Air-Veranstaltung mit Klicks genau markieren – die eigene Auswahl wird auf der Karte gelb eingefärbt. Und sofort wird die Größe der abgesteckten Fläche berechnet (französisch: „surface de la zone“). Man sieht: Der Marienplatz ist rund 5.000 Quadratmeter groß und der Römerberg mit rund 4.300 Quadratmetern etwas kleiner.

Anschließend kann man einstellen, wie dicht sich die Menschen auf dieser Fläche drängen (französisch: „nombre des personnes par m²“) – in Zehntelschritten von 0,1 bis sieben Menschen pro Quadratmeter. Um einen visuellen Eindruck der Menschenmenge zu haben, zeigt ein Klick auf „voir à quoi cela correspond“, wie dicht eine Fläche mit der gewählten Personenzahl bevölkert ist. Eine praktische Option, um die Teilnehmerzahl mit Fotos, Videos oder der eigenen Beobachtung als Reporter zu vergleichen.

Für alle Orte

Nachdem man die Fläche der Veranstaltung und die Dichte der Menschenmenge bestimmt hat, berechnet „Map Checking“, wie viele Menschen tatsächlich Platz haben („nombre maximum des personnes“). So lässt sich mit ein paar Klicks überprüfen, ob veröffentlichte Teilnehmerzahlen glaubwürdig sind. Weil „Map Checking“ mit Goo gle Maps arbeitet, ist das Online-Tool für jeden Ort in Deutschland verfügbar. Und mit etwas Gefühl in den Fingerspitzen lässt sich die responsive Website auch auf dem Smartphone bedienen.

Fazit

Für die Beispiele Marienplatz in München und Römerberg in Frankfurt sind es mit drei Personen pro Quadratmeter etwa 15.000 Menschen beziehungsweise knapp 13.000, die gleichzeitig Platz finden. Jedes Ergebnis von „Map Checking“ kann inklusive der abgesteckten Fläche auf der Karte und der ausgewählten Personendichte auch per Link geteilt werden, indem man die gesamte URL aus dem Adressfeld im Browser kopiert. Mit dem Tool haben Journalisten ein praktisches Hilfsmittel, um Teilnehmerzahlen anhand eigener Quellen einzuordnen – ohne sich auf die positiven Bilanzen der Organisatoren oder die Polizeiangaben verlassen zu müssen, welche laut Polizei Berlin bei den Aktionen anlässlich der AfD auf Erfahrungs- und Schätzwerten beruhen.

Link

www.mapchecking.com

 

Christina Quast

Autorin

Christina Quast lebt als freie Journalistin im Ruhrgebiet und ist auf Twitter spezialisiert. Sie gibt auch Social-Media-Seminare und organisiert Barcamps.
Mail: c_q@about.me
Internet: www.about.me/C_Q

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