Interview

„Anhalten, Augen auf und gucken, was mir begegnet“

von Stefan Wirner

Carlo Eggeling mit seinem Arbeitsgerät. (Foto: Andreas Tamme)
Carlo Eggeling mit seinem Arbeitsgerät. (Foto: Andreas Tamme)

Bereits vor zehn Jahren begab sich Chefreporter Carlo Eggeling von der Landeszeitung für die Lüneburger Heide auf Spurensuche an der ehemaligen innerdeutschen Grenze – mit dem Fahrrad. In diesem Mai wiederholt er seine Geschichtstour. Das Ergebnis wird ab dem 6. Mai als fortlaufendes Reisetagebuch in der Landeszeitung veröffentlicht und crossmedial auf Landeszeitung.de zu finden sein. Wir haben nachgefragt, wie man so eine Reise vorbereitet und was Eggeling dabei herausfinden will.

Herr Eggeling, wie detailliert bereitet man so einen Trip vor? Wo werden Sie zum Beispiel übernachten? Haben Sie bestimmte Etappenziele?

Ich bin die ehemalige Grenze vor zehn Jahren schon einmal abgefahren. Damals habe ich mir den Reiseführer des grünen Europa-Abgeordneten Michael Cramer besorgt, das schlicht „Deutsch-deutscher Radweg“ heißt. Der ist ganz nützlich, aber nur ein Leitfaden. Wenn Sie 1400 Kilometer nur auf dem Grenzweg fahren würden, wird das Ganze zur Landschaftsbeschreibung. Das ist aber nicht das Anliegen: Ich will mit Menschen hüben und drüben sprechen. Wie fühlen sie sich, wie leben sie 30 Jahre nach dem Mauerfall 1989? Ist das überhaupt noch ein Thema?

Wie haben Sie sich vorab informiert?

Ich habe seit langem im Fernsehen und Zeitungen geschaut, was entlang der Stecke liegt. Manches will ich mir genauer ansehen. Los geht es in Hof in Bayern. Es gibt ein paar Fixpunkte. Mödlareuth, ein Dorf mit 40 Einwohnern, das auch Little Berlin hieß, weil die Grenze direkt hindurch lief und heute quasi ein Museum ist. Übrigens immer noch geteilt: Eine Seite liegt in Bayern, die andere in Thüringen. So gibt es beispielsweise zwei Postleitzahlen. In Philippstal lief die Grenze mitten durch eine ehemalige Druckerei, ein Teil steht in Thüringen, der andere in Hessen. Dort an der Werra ist die Kaliproduktion mit der Folge des versalzenen Grundwassers ein Thema. Der Brocken ist ein gesamtdeutsches Ausflugsziel geworden. Zu DDR-Zeiten haben die Geheimdienste mit ihren Funkmasten von da weit in den Westen gelauscht. In Friedland kommen statt DDR-Bürgern nun Flüchtlinge aus aller Welt an. Mal gucken, was ich da rausbekomme.

Aber es gilt vor allem: Anhalten, Augen auf und gucken, was mir begegnet. Das hat beim ersten Mal gut geklappt. Insofern habe ich nur für den Anfang zwei Hotels gebucht und mich mit Protagonisten verabredet. Ansonsten schaue ich, wo ich bleibe.

Wer wird Sie in der Zeit in der Redaktion vertreten?

Niemand ersetzt mich direkt. Meine alltägliche Arbeit erledigen Kollegen mit. Allerdings bin ich kein „Komplett-Ausfall“, da ich täglich von unterwegs berichte, gibt es ja Lesestoff. Wir glauben, dass die Leser das Projekt gut finden, weil es wie eine Art Roadmovie angelegt ist und sie mitverfolgen können, wo ich bin. Außerdem prägt sich die muskelzehrende, schweißtreibende Reportage offenbar ein – ich werde heute noch auf die Tour von vor zehn Jahren angesprochen.

Was ist das Ziel ihrer Reise? Was wollen Sie herausfinden?

Das liegt an den Menschen, die ich treffe. Ich glaube, in der Landschaft gibt es noch ein paar Spuren zu entdecken: Das Grüne Band steht ja in Teilen unter Naturschutz und ist nicht oder nur wenig von Bäumen bewachsen. Es gibt alte Plattenbauten der Grenztruppen. Gespannt bin ich darauf, wie viel Mauer noch in den Köpfen ist. Was haben Orte im Westen gemacht, als die Zonenrandförderung wegfiel und sie ums Überleben kämpften? In Schnackenburg oben an der Elbe machten über die Jahre alle Läden zu, weil Zöllner und Bundesgrenzschutz nicht mehr gebraucht wurden. Die Beamten mussten anderswo arbeiten. Ich glaube, geblieben ist noch eine Kneipe. Ich hoffe, ich finde da ein Bett, wenn ich da ankomme. Solche Strukturprobleme gibt es von Bayern über Thüringen bis Mecklenburg und Schleswig-Holstein.

Ich glaube, eine Erkenntnis wird sein: Wir sind mitten in Deutschland, aber trotzdem ganz weit weg von Arbeit, Kino, und Co. Eben dem, was für Städter selbstverständlich ist. Damals fand ich übrigens die Dönerbude sehr verbindend, die gab es selbst in abgelegenen Orten – wenn es überhaupt irgendetwas gab.

Ich lasse mich überraschen. Und frage die Menschen unterwegs einfach. Neugierig und offen sein, wenig Erwartungen -- wie man das so macht als Reporter.

Interview: Stefan Wirner

Zur Person

 

Carlo Eggeling ist Chefreporter der Landeszeitung für die Lüneburger Heide. Er ist 56 Jahre alt.

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Kommentar von Dieter Babbe |

Nur der Vollständigkeit halber: Vom Brocken aus wurde nicht nur Richtung Westen gelauscht. Gleich daneben waren die Lauscher Richtung Osten.

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