Interview

Aus dem Lokalen ins Krisengebiet

von Stefan Wirner

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Herr Korfmacher, wie kommt es, dass Sie für den Nordkurier aus dem Irak berichten?

Die Idee für den Irak-Besuch ist aus einer Reise nach Afghanistan entstanden, die ich im Juni 2018 für den Nordkurier unternahm. Dort habe ich eine aus unserer Region stammende Einheit der Bundeswehr in Mazar-e Sharif und Kunduz besucht, anschließend war ich noch ein paar Tage in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Die daraus folgende Serie hat viel Resonanz gebracht und war auch finanziell gut zu schaffen. Daraus wuchs im Verlag die Bereitschaft, so etwas öfter auszuprobieren.

Dann hat der Nordkurier Sie in den Irak geschickt?

Strikt genommen war ich nicht für den Nordkurier im Irak, sondern privat. Ich wollte in der Kurdenhauptstadt Erbil einen der wenigen Marathons in der islamischen Welt laufen, an dem auch Frauen teilnehmen dürfen. Auf dem Weg bin ich dann noch bei der Bundeswehr vorbeigefahren und habe die Internationale Organisation für Migration bei einem Besuch eines syrischen Flüchtlingslagers begleitet. Darüber habe ich für den Nordkurier berichtet.

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Warum besuchen Sie solche Länder, die, wenn man die Nachrichten verfolgt, lebensgefährlich sein können?

Ich interessiere mich für die Politik der Staaten Afrikas und des Nahen Ostens. Und ich bin fasziniert von der Frage, wie Menschen ihrem Leben auch in den extremsten Situationen Sinn und Normalität verleihen. Das suche ich, wenn ich unterwegs bin. Hier übersteigt meine Neugier ganz einfach meine Angst.

Wie bereiten Sie solche Reisen vor?

Es ist wichtig, die Bedrohungslage zu kennen und sich dementsprechend vorzubereiten. Ich versuche, so viel wie möglich über die Gegebenheiten vor Ort herauszufinden, lese viel, spreche mit Einheimischen oder mit Menschen, die im Zielland arbeiten. Meiner Meinung nach sollte man sich aber auch nicht zu sehr verrückt machen. Natürlich geht man ein gewisses Risiko ein, wenn man in bestimmte Länder reist. Aber es ist auch nicht so, dass an jeder Ecke der Tod lauert.

Haben Sie eine Art Vorbereitungskurs für Krisen- bzw. Kriegsjournalismus ­gemacht?

Mittlerweile ja. Die ersten Reisen habe ich noch ohne einen solchen Kurs unternommen, doch die nächste Reise für den Nordkurier geht nach Syrien, dafür war eine spezielle Vorbereitung unabdingbar. In einem solchen Kurs lernt man zum Beispiel, wie man sich verhält, wenn man unter Beschuss gerät oder Opfer einer Entführung oder Geiselnahme wird.

„IS“-Auto für Selbstmordanschläge. (Foto: Korfmacher)
„IS“-Auto für Selbstmordanschläge. (Foto: Korfmacher)

Waren Sie schon mal in brenzligen Situationen?

Es kommt drauf an, was man unter „brenzlig“ versteht. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich nun sterben muss. Aber ich wurde des Öfteren überfallen, inhaftiert, musste Schmiergelder zahlen oder hatte in Ländern wie Mali oder der Demokratischen Republik Kongo einfach Glück, nicht von Rebellen aufgegriffen zu werden.

Wie vereinbaren Sie Ihre Reisen mit dem journalistischen Alltag in Mecklenburg-Vorpommern?

Das lässt sich sehr gut vereinbaren, weil wir ein sehr flexibles Arbeitsumfeld pflegen. Bei uns kann fast jeder fast alles, sodass wir füreinander einspringen, wenn einer mal etwas Besonderes geplant hat. Letzten Endes gehört aber auch eine große Portion Motivation und Eigeninitiative dazu, ansonsten geht das alles nicht.

Inwieweit hilft der Verlag bei der Finanzierung Ihrer Reisen? Übernimmt er die Kosten?

Bei Dienstreisen übernimmt der Nordkurier die vollen Kosten, bei meinen Privatreisen übernehme ich die Kosten.

Lohnt es sich für den Verlag?

Ja, durchaus. Die internationale Berichterstattung stärkt unser Prestige, unsere Glaubwürdigkeit, unsere Fähigkeit, auch internationale Entwicklungen besser beurteilen zu können. Und erstaunlicherweise lohnt es sich sogar finanziell für den Verlag, weil wir Artikel oder Serien im Anschluss an andere Zeitungen und Verlage verkaufen können.
Normalerweise heißt es ja heute, das Pfund einer Lokalzeitung sei die lokale Nachricht. Sie machen nun für den Nordkurier genau das Gegenteil und berichten über Weltpolitik.

Welches Feedback erhalten Sie von Lesern des Nordkurier dafür?

Wir bekommen sehr viel positives Feedback darauf. Der Nordkurier hat sich in den vergangenen Jahren eine gute Vertrauensbasis aufgebaut, indem wir immer wieder auch nationale und internationale Themen aufgegriffen haben und den Status quo hinterfragten. Deshalb glauben unsere Leser uns, wenn wir berichten, dass Afghanistan kein sicheres Herkunftsland ist – während sie beim Spiegel oder ZDF skeptisch sind.

Interview: Stefan Wirner

Carsten Korfmacher

ist Redakteur des Nordkuriers aus Neubrandenburg. Er befasst sich intensiv mit der Politik des Nahen Ostens und besuchte unter anderem Irak, Afghanistan, Iran, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate. 2018 erhielt er den Deutschen Lokaljournalistenpreis für seine Analyse eines „gespaltenen Deutschlands“.

E-Mail c.korfmacher@nordkurier.de

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