Interview

„Ausdauer ist enorm wichtig“

von Stefan Wirner

Daniel Gräber
Daniel Gräber

Herr Gräber, Sie haben mit Ihren Berichten in der Frankfurter Neuen Presse entscheidend zur Enthüllung des Skandals um die Arbeiterwohlfahrt beigetragen. Worum geht es dabei?

Im Kern geht es um ein Netzwerk an der Spitze der Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt am Main und in Wiesbaden mit Nähe zu SPD-Kommunalpolitikern, das sich zulasten des Steuerzahlers persönlich bereichert hat. Nach meinem jetzigen Stand existiert dieses Netzwerk schon seit etlichen Jahren und hat sich dabei immer weiterentwickelt. Aber auf die Spitze getrieben haben sie es, als es um die Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen ging. In den Jahren 2015/2016, als es darum ging, relativ schnell viele Asylbewerber in der Region aufzunehmen, wurde diese Notsituation, in der sich auch die Städte befanden, ausgenutzt. Es geht um Geschäftemacherei rund um zwei Flüchtlingsunterkünfte der Awo, die im Auftrag der Stadt betrieben wurden, um Zahlungen für die Verpflegung der Bewohner, um angebliche Sportangebote, die falsch abgerechnet wurden, und einiges mehr. Und gerade weil es dabei um Flüchtlinge ging, wurde der ganze Themenkomplex lange Zeit nur mit spitzen Fingern angefasst.

Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?

Das fing ganz klassisch an, fast wie in einem Spielfilm: Im Frühjahr 2019 erreichte die Redaktion ein anonymer Brief mit Unterlagen und Hinweisen, die den Verdacht der Untreue im geschilderten Fall nahelegten. Ich weiß bis heute nicht, wer uns diesen Brief geschickt hat, aber ich möchte mich auch auf diesem Weg noch einmal dafür bedanken. Denn die Unterlagen waren sehr aussagekräftig und belastbar. Es ist ja hin und wieder so, dass man Hinweise bekommt, mit denen man dann aber in der Praxis nur schwer etwas anfangen kann. Diese Dokumente aber hatte jemand mit Sach- und Fachkenntnis ausgewählt.

Wie gingen Sie dann vor?

Zunächst habe ich einfach bei der Awo und der Stadt angerufen und gefragt, ob es stimme, dass die Awo ihre beiden Flüchtlingsheime aufgegeben hat. Beide Seiten haben mir fast wortgleich erklärt, dass die Kooperation beendet worden sei, weil sich die Awo „auf ihr Kerngeschäft konzentrieren“ wolle. Genau diese Formulierung war in dem anonymen Brief als Sprachregelung genannt worden. Da wusste ich, dass da was faul ist und dass derjenige, der mir die Unterlagen geschickt hatte, gut über die Hintergründe Bescheid wusste. Alleine der Umstand, dass die Stadt die Zusammenarbeit mit der Awo in Wirklichkeit wegen des Verdachts finanzieller Unregelmäßigkeiten beendet hatte, war uns dann einen ersten größeren Bericht wert. Auch wenn das Ausmaß und die Details des Falls zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar waren.

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Welche Reaktionen gab es?

Zunächst gab es in der breiten Öffentlichkeit wenig Resonanz, auch die anderen lokalen Medien haben es nur zurückhaltend aufgegriffen. Ich habe dann weiterrecherchiert, und nach und nach haben wegen unserer Berichterstattung auch Personen aus dem Awo-Umfeld mit mir gesprochen und mir weitere Unterlagen gegeben. Einige schienen ziemlich froh zu sein, dass das Thema endlich aufgegriffen wurde. So konnte ich viele weitere Puzzlestücke zusammensetzen und bin auf dieses südhessische Awo-Netzwerk gestoßen, das mit Wohlfahrt nicht mehr viel zu tun hat – es sei denn, der eigenen. Diese Missstände gingen weit über das dubiose Geschäft mit den Flüchtlingsheimen hinaus.

Haben Sie das Ganze neben dem Tagesgeschäft gemacht?

Ja. Ich hatte schnell das Gefühl, dass ich bisher nur die Spitze des Eisbergs gesehen hatte und dass es sich lohnen würde, dranzubleiben. Aber im Alltag musste ich natürlich auch meine anderen Tätigkeiten erledigen, ich konnte mich gegenüber den Kollegen ja nicht drücken und sagen, ich bin jetzt hier als Enthüllungsreporter unterwegs, macht ihr mal den Rest. Deshalb hat sich die Recherche auch über Monate hingezogen.

Hatten Sie dabei die Unterstützung der Redaktionsleitung, des Verlags?

Ja, auf jeden Fall. Matthias Thieme, der damals relativ neu war auf dem Posten des Chefredakteurs der Frankfurter Neuen Presse und demnächst nach Berlin wechselt, hat selbst viel Erfahrung mit investigativer Recherche. Er hat die Brisanz des Themas schnell erkannt und fand es gut, dass ich das hartnäckig verfolge. Er hat es auch unterstützt, dass die Texte, wenn es sich um größere Stücke handelte, im Mantelteil und auf der Titelseite erschienen.

Sie wurden in der Folge persönlich diffamiert, man nannte Sie „Sprachrohr der AfD“. Was dachten Sie da?

Das hat mich im ersten Moment schon gestört, aber es hat mich nicht daran gehindert, weiterzumachen. Im Gegenteil, es war eher ein Ansporn für mich, nicht lockerzulassen. Es war ja die Verteidigungsstrategie der Awo, mich in die rechte Ecke zu stellen. Als meine Berichte Thema in der Stadtverordnetenversammlung, im Römer, wurden, hat sich auch die SPD auf diese Linie festgelegt. Nach dem Motto, das sei alles eine rechte Kampagne und wer die Verschwendung von Steuergeld in der Flüchtlingsbetreuung kritisiert, ist ausländerfeindlich und unterstützt die AfD. Ich ignorierte das und versuchte durch Fakten zu überzeugen. Und das ist ja dann auch gelungen. Denn spätestens als die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass ein Anfangsverdacht besteht, und sie ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs und Untreue gegen mehrere Awo-Funktionäre eingeleitet hat, war klar, dass da was falsch gelaufen ist mit dem Geld.

Wie kam es, dass die Geschichte ­bundesweit Wellen schlug?

Überregional wurde die Affäre wahrgenommen, als ich mit Volker Siefert vom Hessischen Rundfunk zusammengearbeitet habe. Wir haben aufgedeckt, dass die Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters bei der Awo zu gut bezahlt wurde und noch einen Dienstwagen auf Awo-Kosten gefahren hatte, obwohl sie schon in der Babypause war. Das hat bundesweit eingeschlagen. Vielleicht war das auch wegen des Promifaktors und wegen des boulevardesken Gehalts der Geschichte. Zu der Zeit war ich aber schon nicht mehr bei der Frankfurter Neuen Presse.

 

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Worauf kommt es bei solchen Recherchen besonders an?

Ausdauer ist enorm wichtig. Wenn man das Gefühl hat, dass an einer Geschichte etwas dran ist, darf man sich von Widerständen nicht abhalten lassen. Gute Rechercheure sind hartnäckig. Die lassen nicht mehr los, wenn sie sich einmal festgebissen haben. Was für die Lokalzeitung im Gegensatz zu einem großen überregionalen Medium außerdem von Vorteil ist: Man kann auch Zwischenergebnisse veröffentlichen und muss nicht auf die große Geschichte am Ende der Recherche warten. Die Leute aus dem Awo-Umfeld haben natürlich ganz genau gelesen, was wir veröffentlicht haben, und das hat mir dann auch wieder gewisse Türen geöffnet. Die Gesprächsbereitschaft ist dadurch bei einigen, die vorher gar nichts sagen oder anonym bleiben wollten, durchaus gestiegen. Man ist als Lokaljournalist nah dran, und dadurch kann man sich Vertrauen aufbauen. Natürlich muss man selbst auch vertrauenswürdig sein: durch Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit sowie den Schutz seiner Informanten. Auch das spricht sich herum.

Außerdem sollte man seine ­Rechte ­kennen. Was von vielen Lokaljournalisten noch zu wenig genutzt wird, ist der ­Auskunftsanspruch gegenüber Behörden. Den kann man einklagen, manchmal reicht aber schon ein nachdrücklich formuliertes Schreiben. Als sich die Staatsanwaltschaft aufgrund meiner Berichte für den Fall zu ­interessieren begann, meinte die Sprecherin des städtischen Sozialdezernats, sie dürfe mir nun gar nichts mehr sagen, weil ja bereits Ermittlungen liefen. An so einem Punkt geben sich viele Journalisten zu schnell geschlagen.

Im Pressegesetz steht zwar: Die Auskunft kann verweigert werden, wenn dadurch Ermittlungen gefährdet werden. Das bedeutet aber nicht, dass gar keine Auskünfte mehr möglich sind. Ich habe daher der Stadt einen detaillierten Fragenkatalog geschickt und darum gebeten, mir zu jeder einzelnen Frage zu erklären, wieso deren Beantwortung die laufenden Ermittlungen gefährden würde. Es hat zwar ein paar Wochen gedauert, aber am Ende hatte ich alle Auskünfte, die ich brauchte.

Sie haben im Magazin Cicero das Nähe-Distanz-Problem angesprochen, da ging es um den Frankfurter Oberbürgermeister. Wie gehen Sie selbst damit um?

Das Thema Recherche im Lokaljournalismus ist mir ein Herzensanliegen. Viele meinen ja, es liege vor allem an mangelnder Zeit und an fehlenden Ressourcen, wenn zu wenig recherchiert wird im Lokalen. Ich muss sagen, das Nähe-Distanz-Problem halte ich für das größere Hindernis. Viele trauen sich einfach nicht, den Bürgermeister zu kritisieren, mit dem sie immer in der Gemeinderatssitzung hocken. Viele kritische Geschichten werden dann oft nicht recherchiert oder sogar aktiv unterdrückt. Man will ja nicht als Nestbeschmutzer gelten, fühlt sich den örtlichen Eliten nahe und will dazugehören. Mein Vorteil in Frankfurt war allerdings, dass ich von außen kam und gar nicht in der Stadt gewohnt habe, sondern die ganze Zeit über zwischen Frankfurt und Karlsruhe gependelt bin.

Interview: Stefan Wirner

Daniel Gräber

war Reporter der Frankfurter Neuen Presse und ist seit 2019 Autor regionale Wirtschaft der Badischen Neuesten Nachrichten in Karlsruhe.

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