Interview

„Der Spirit bleibt auch nach der Krise“

von Stefan Wirner

Josef Pöllmann ist geschäftsführender Chefredakteur der Mittelbayerischen Zeitung.
Josef Pöllmann ist geschäftsführender Chefredakteur der Mittelbayerischen Zeitung.
100 Fragen an den Kultusminister – durch Klick zum PDF.
100 Fragen an den Kultusminister – durch Klick zum PDF.

Die Mittelbayerische Zeitung aus Regensburg ist bislang gut durch die Corona-Krise gekommen. Redaktionelle Neuerungen will man auch in der Zeit danach beibehalten, erzählt Chefredakteur Josef Pöllmann im Gespräch mit der drehscheibe. Eine Folge aus unserer Reihe „Wir halten kontakt“.

Herr Pöllmann, wenn Sie an die Zeit des harten Lockdowns im Frühjahr zurückdenken und an die journalistische Arbeit damals: Welche Assoziationen fallen Ihnen dazu ein?

Wir hatten gleich zu Beginn in einer Lokalredaktion einen Corona-Fall. Deswegen haben wir schnell gehandelt und versucht, weite Teile der Redaktion ins Mobile Office zu bringen. Da stellte sich natürlich schon die Frage: Wie kann das funktionieren? Wir haben quasi über Nacht das Tool Microsoft Teams zum Einsatz gebracht und darüber die Kommunikation laufen lassen. So konnten bis zu 90 Prozent der Redaktion von Zuhause aus arbeiten. Im Grunde war Mobile Office eine der größten Innovationen in der Krise. Es ist uns gelungen, die Kommunikation aufrechtzuerhalten, und die redaktionelle Arbeit hat funktioniert. Wir Chefredakteure haben versucht, mit allen im Gespräch zu bleiben. Nach zwei, drei Wochen im Mobile Office suchten wir offensiv den Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen im Mobile Office und fragten sie, wie sie zurechtkommen. Man hat sich auch jenseits der Arbeit ein bisschen ausgetauscht, das war enorm wichtig. Inzwischen ist es so, dass viele gerne im Mobile Office bleiben würden, und wir schauen, wie wir das regeln können. Wir wollen alle unsere Reporter nun verstärkt mit mobilen Geräten ausstatten. Je mehr damit unterwegs sind, umso besser ist es für die digitale Strategie. Es geht also insgesamt um die Stärkung des Mobilen. Und das hat die Corona-Krise nochmal beschleunigt.

Sie haben ja einige journalistische Angebote rund um das Thema Corona unterbreitet, etwa einen Corona-Newsletter, aber auch die „Aktion Zusammenhalt“ ins Leben gerufen. Worum ging es da? Und läuft die Aktion noch?

Die Aktion Zusammenhalt – ein gemeinsames Projekt mit dem Lesermarkt – läuft immer noch, aber inzwischen in abgewandelter Form. Anfangs ging es angesichts der Ausgangsbeschränkungen eher um die Frage, wer für ältere Menschen einkaufen oder sie unterstützen könnte. Es gab so viele Hilfsgesuche, aber auch Hilfsangebote, die an uns herangetragen wurden. Plötzlich war das Medienhaus so etwas wie ein Vermittler. Wir haben schließlich eine Art Börse eingerichtet, in deren Rahmen wir Hilfsangebote koordiniert haben; das hat sehr gut funktioniert. Wir haben mit der Stadt Regensburg auch sehr schnell einen Kooperationspartner gefunden. Inzwischen arbeiten wir intensiver mit der Geschäftswelt zusammen und versuchen zum Beispiel, mit verschiedenen Aktionswochen den Standort in der Regensburger Innenstadt zu stärken. Darum kümmert sich derzeit unsere Werbegesellschaft.

Wie schätzen Sie inzwischen das Interesse der Leserschaft am Thema Corona ein?

Wir haben kürzlich ausgewertet, was seit Beginn der Krise die 30 Topthemen im Digitalen waren. Alle 30 hatten mit Corona zu tun. Wir stellen fest, dass das Interesse am Thema immer noch hoch ist, insbesondere was die aktuellen Infektionszahlen betrifft. Wir schauen derzeit in einer Serie genauer nach, wie es in den Gemeinden des Verbreitungsgebiets aussieht, das wird ziemlich gut gelesen. Und die Angst vor einem möglichen zweiten Lockdown ist natürlich ein Riesenthema, das viele beschäftigt. Eines der am meisten gelesen Themen hat mit den Schulen zu tun. Wie wird der bayerische Schulbetrieb nach den Ferien aussehen? Haben wir genügend Lehrkräfte? Funktioniert der Schulbusverkehr? Wird es wieder Home Schooling geben? Das sind die Fragen. Wir haben kürzlich ein Interview mit dem bayerischen Kultusminister Piazolo verabredet und uns dafür etwas Besonderes einfallen lassen: Über die sozialen Netzwerke sammelten wir Fragen der Eltern zum Thema Schule. Es kamen etwa 100 Fragen zusammen, die wir dem Minister vorgelegt haben. Der Beitrag erschien im Digitalen. Auch in der Printausgabe legten wir das Thema auf drei Seiten groß hin. Das war einer der Texte, die unglaublich viele Conversions zur Folge hatten.

Haben Sie in Regensburg auch Probleme mit den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen? Im nicht weit entfernten Weiden wurde ja eine Journalistin von Demonstranten angepöbelt, die drehscheibe hat darüber berichtet.

Für uns war es wichtig, die Informationen einzuordnen. Wir wollten die Verschwörungstheorien entlarven, Fakten präsentieren und dem Ganzen so Paroli bieten. Bei der „Aktion Zusammenhalt“ gab es zum Beispiel für jede Region eigene Facebook-Seiten. Auf denen wurde natürlich munter rauf und runter kommentiert. Verschwörungstheoretiker haben auch versucht, diese Seite zu kapern. Wir mussten kräftig moderieren und dagegen kommentieren. Aber Attacken auf Reporterinnen und Reporter hatten wir Gott sei Dank nicht.

Welche Themen und Projekte stehen bei Ihnen derzeit journalistisch an?

Ein wichtiges Thema im Sommer ist natürlich: Wo können die Menschen auch in Corona-Zeiten ihre Freizeit verbringen? Diese Themen werden intensiv nachgefragt. Da geht es um Ausflugsziele, Badeplätze, um Service eben. Wir stellen fest, dass die Menschen einen unglaublichen Drang nach draußen verspüren, was ja nicht verwunderlich ist. Wir berichten aber auch über die Exzesse bei Partys im öffentlichen Raum, bei denen die Regeln nicht eingehalten werden. Oder über die intensiv geführte Diskussion um Betretungsverbote für Grünflächen in der Stadt Regensburg, die wegen der Party-Exzesse verhängt wurden. Wir versuchen im Moment einfach, themenorientierten Journalismus zu machen. Da wir uns noch in Kurzarbeit befinden, haben wir auch nicht die Ressourcen, große neue Serien aufzulegen.

Der Lokaljournalismus war ja sowieso schon konfrontiert mit den Herausforderungen durch die neue Medienwelt, Facebook, Instagram, Netflix, Apps etc., also mit dem Zwang sich zu modernisieren. Dann kam die Corona-Krise dazu. Was stimmt Sie optimistisch, dass der Lokaljournalismus diese doppelte Herausforderung meistert?

Vor allem das Interesse an unseren Angeboten stimmt mich optimistisch. Insbesondere während des Lockdowns war die Nachfrage riesig, die Leute waren auf der Suche nach seriösem Journalismus und nach verlässlichen Informationen, nach Einordnung, nach Diskussionsplattformen, also nach all dem, was unsere Profession ausmacht. Und ich muss sagen: Das journalistische Arbeiten ist von den Lesern belohnt worden. Nun gilt es, das fortzusetzen. Eine Frage war ja auch, welche Auswirkungen es hat, wenn das ganze öffentliche Leben in den Gemeinden und Städten wegbricht. Es gab ja keinerlei Veranstaltungen mehr, über die wir hätten berichten können. Insgesamt hat das aber die Kreativität innerhalb der Redaktion beflügelt. Themen auszugraben, neue Themen umzusetzen, eigene Perspektiven zu finden, auch die Verantwortung innerhalb der Redaktion wahrzunehmen, dieser Spirit, dass sich alle verantwortlich fühlen – das bleibt auch nach der Krise. Trotz der Krise haben wir den Druck hochgehalten, weiter an unseren Zukunftsthemen zu arbeiten. Immer mit voller Konzentration aufs Digitale. Wir haben uns zum Beispiel während der Krise entschieden, eine Layout Engine, die unser Systemanbieter Funkinform mit uns entwickelt hat, einzubauen, um den Printbereich, also das Erstellen von Seiten, weiter zu automatisieren. Das schafft wieder Ressourcen für das digitale Arbeiten.

Interview: Stefan Wirner

Hier geht es zu den anderen Folgen aus der Reihe „Wir halten Kontakt“.

Josef Pöllmann

ist geschäftsführender Chefredakteur der Mittelbayerischen Zeitung.

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