Interview

„Das kritische Hinterfragen bleibt wichtig“

von Stefan Wirner

Wiebke Möhring ist Professorin für Journalistik an der TU Dortmund.
Wiebke Möhring ist Professorin für Journalistik an der TU Dortmund.

Frau Möhring, wie sehen Sie den Lokaljournalismus in der Corona-Krise? Manche sprechen ja von einer „Sternstunde“, vom Lokaljournalismus „in Höchstform“.


Auch mein Eindruck ist, dass in vielen Lokalredaktionen gerade gute Arbeit geleistet wird und dass die Leserinnen und Leser und ihre Ängste und Fragen im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen. Während am Anfang häufig die Zahlen und damit die Zahl der Fälle vor Ort im Zentrum standen, hat sich in den letzten Wochen gezeigt, dass das Spektrum der Berichte über die Krankheit an sich breiter geworden ist. Aus meiner Sicht geht es im Lokalteil nicht darum, Virus und Behandlungsmethoden in den Mittelpunkt zu stellen, das ist etwa im Wissenschaftsressort besser aufgehoben. Sondern es geht darum, die Auswirkungen auf das soziale und wirtschaftliche Leben vor Ort aufzeigen und damit den Zahlen ein Gesucht zu geben. Lokalredaktionen greifen Fragen und Ängste auf etwa zu Kinderbetreuung, Home-Office, Krankheitsverläufen, Situation der Krankenhäuser, Infrastrukturen vor Ort, politische Vor-Ort-Entscheidungen, kommunales Zusammenleben. Insbesondere digital haben die Lokalzeitungen neue und kreative Formate entwickelt, mit denen sie während der Krise informieren, helfen und unterhalten. Sie bieten oftmals mehr an als reine Informationen, sie verweisen auch zunehmend auf Lösungswege, stellen Menschen vor Ort vor und bieten konkrete Hilfestellungen an.

Zugleich stehen die Redaktionen vor drei großen Herausforderungen: erstens der Herausforderung, keine Panikmache zu betreiben und zugleich nicht die Gefahren herunterzuspielen. Zweitens aktuell zu sein und dennoch Einordnungen zu leisten mit Hintergrundgeschichten und Erfahrungsberichten vor Ort. Und drittens kämpfen viele Lokalredaktionen mit großen wirtschaftlichen Problemen und eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten.

Besteht Ihres Erachtens die Gefahr, dass Lokalzeitungen überziehen und zu viel Platz für das Corona-Thema freimachen?


Diese Frage müssen sich nicht nur Lokalzeitungen stellen, sondern letztlich alle – die überregionalen Titel vielleicht sogar noch etwas stärker. Denn es gibt in der Tat eine Menge an Themen, die von der Medienagenda gefallen sind bzw. zu Randbemerkungen werden – etwa die Zustände in griechischen Flüchtlingslagern, der Waldbrand in Tschernobyl, die Dürre, der Zustand der (deutschen) Wälder, um nur einige zu nennen.

Für das Leben vor Ort hat das Virus eine enorme Bedeutung und muss im Mittelpunkt stehen – mit allen Facetten: Wie geht es der lokalen Kulturszene, der lokalen Wirtschaft? Wie geht es wem in dieser Situation und vor allem was kann es für Auswege geben? Viele der sonst üblichen Berichterstattungen entfallen gerade, Veranstaltungen finden nicht statt, der Sport pausiert, in der Politik haben sich die Diskussionen und Entscheidungen in digitale Räume verlegt. Wichtig ist, dass Lokalredaktionen dennoch am politischen Leben kritisch teilnehmen können und andere, Nicht-Corona-Themen nicht aus dem Blick verlieren. Bisher relevante Themen dürfen nicht Gefahr laufen unterzugehen. Auch wenn beispielsweise lokale Bauprojekte derzeit keine tagesaktuellen Berichterstattungsanlässe bieten, so sind die Pläne immer noch ein Thema.

Haben Sie den Eindruck, dass derzeit Themen vernachlässigt werden?

Das kritische Hinterfragen und Hinschauen bleibt wichtig. Dies gilt sowohl in der Berichterstattung über Corona und seine Auswirkungen auf das lokale Leben und die hier getroffenen politischen Entscheidungen als auch für die Themen, die im jeweiligen Verbreitungsgebiet relevant sind. Die Konzentration auf das eine Thema darf nicht dazu führen, dass im Windschatten beispielweise Entscheidungen ohne öffentliche Aufmerksamkeit getroffen werden können. Es geht darum, dass sich Lokalredaktionen ihrer wichtigen Aufgabe vor Ort bewusst sind bzw. bleiben. Sie sind lokale Beobachter und Wachhunde und zugleich sind sie Teil der Gemeinschaft vor Ort. Dieses besondere Zusammenspiel aus Nähe und Distanz erfordert gerade jetzt ein enormes Fingerspitzengefühl.

Meinen Sie, Lokalzeitungen können etwas von dem Vertrauen, das sie jetzt von Leserinnen und Lesern geschenkt bekommen, auch in die Zeit nach der Krise mitnehmen?

Lokalberichterstattung erfährt gerade große Zuwendung und wird intensiv genutzt. Es zeigt sich, dass in Krisensituationen die Nutzung etablierter Medien zunimmt und gerade diesen vertraut wird. Es ist wünschenswert, dass dieser Trend bzw. diese Konsequenz bleibt. Durch die Einhaltung journalistischer Standards wie etwa Transparenz, Ausgewogenheit und kritischer Distanz muss dieses Vertrauen aber jeden Tag neu gestützt werden.

Ich habe den Eindruck, dass in den Lokalredaktionen gerade wertvolle und nachhaltige Erfahrungen gemacht werden, wie man mit Leserinnen und Lesern in Kontakt treten und bleiben kann, wie man ihnen auf Augenhöhe begegnet und welche Themenaspekte interessieren. Lokaljournalistinnen und -journalisten mussten eingestehen bzw. haben ihrer Leserschaft gezeigt, dass sie nicht auf alle Fragen Antworten haben bzw. dass es auf eine Frage viele Antworten geben kann. Diese Haltung beizubehalten wäre aus meiner Sicht wünschenswert, ebenso wie der Ansatz, in der Berichterstattung über die Problembenennung hinauszugehen.

Interview: Stefan Wirner

Wiebke Möhring

ist Professorin für Online-/Printjournalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund.

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