Themenwoche neue Medienwelt

„Spezialisten sind rar“

von Stefan Wirner

Die Automatisierung schreitet auch im Lokalen voran. (Foto: AdobeStock/ Patrik Daxenbichler)
Die Automatisierung schreitet auch im Lokalen voran. (Foto: AdobeStock/ Patrik Daxenbichler)

In einem Debattenbeitrag hat der freie Journalist Lorenz Matzat vor einiger Zeit Lokalzeitungen dafür kritisiert, dass sie zu wenig mit den Möglichkeiten des Datenjournalismus bzw. der Automatisierung arbeiten würden. Hat sich inzwischen etwas daran geändert? Wir fragten bei Matzat nach.

Herr Matzat, vor einiger Zeit befassten Sie sich in einem Ihrer Texte mit der Frage des Datenjournalismus im Lokalen. Sie schrieben damals: „Die Stärke des Lokaljournalismus lag immer auch in einer groben ortsbasierten Personalisierung. Im Digitalen nutzt er die vielfältigen Möglichkeiten dafür kaum.“ Wie sehen Sie das heute, etwa drei Jahre danach?

Punktuell gibt es immer wieder interessante datenjournalistische Werke mit lokalen oder regionalem Bezug. Doch eine verstetigte Berichterstattung auf sublokalem Level, die zumindest teilautomatisiert, datengetrieben personalisierte Lokalnachrichten übermittelt, ist weiterhin kein Thema. Das kann zum einen daran liegen, dass darin schlicht kein Bedarf gesehen wird. Oder aber daran, dass es sowohl konzeptionell als auch finanziell hapert, so etwas umzusetzen.

Immerhin haben viele Verlage gerade was die Corona-Zahlen betrifft ein relativ gutes, informatives Angebot unterbreitet, oder nicht?

Ja, allerdings ist das auch nicht viel schwerer, als den Wetterbericht zu liefern. Eigene Ideen und Formate oder gar Software müssen für die Covid-Diagramme und Karten nicht entwickelt werden - man kann sich das von den großen Häusern, auch international abschauen. Und an die Datengrundlage kommt man mittlerweile halbwegs einfach heran.

Was sind die größten Hindernisse für die Verlage, voll in den Datenjournalismus bzw. die Automatisierung einzusteigen?

Wagnisbereitschaft und Talente. Die erfolgreiche Formel, wie solch ein Dienst aussehen könnte, hat bislang niemand gefunden - sonst würden wir davon sicher zahlreiche Varianten sehen. Wirklich neue Formate zu entwickeln, würde zum einen Wagnisbereitschaft und Investionsausdauer für einige Jahren bei den Verlagen erfordern. Und es bräuchte dafür die Kompetenzen. Sowohl in den Führungsetagen, um so etwas zu ermöglichen und fördern – als auch in den Redaktionen. Die Ausbildungsmöglichkeiten, die Spezialisten für den Journalismus im Zeitalter der digitale Transformation liefern könnten, sind in Deutschland rar. Die wenigen Talente in dem Sektor, die sich meist aus Eigeninitiative heraus profilieren konnten, machen Karriere bei den wenigen Häusern, die so etwas sowohl wertschätzen als auch entsprechend interessante Herausforderungen anbieten. Dieser „brain drain“ lässt für Regional- und Lokalzeitungsverlage wenig übrig.

Welche Möglichkeiten liegen von daher noch immer etwas brach?

Zwar sorgt der klägliche Stand der Digitalisierung in den meisten Verwaltungen in Deutschland für ein Mangel an nützlichen Datenquellen. Dennoch ließen sich etwa aus Verkehrs- und Mobilitätsdaten, Klima- und Umweltdaten, Daten der Ratsinformationssytemen zur Lokalpolitik usw. maßgeschneiderte und informative Pakete zumindest stadtteil- oder ortsteilgenau automatisiert erzeugen.

Gibt es Anzeichen, dass andere Anbieter in die offene Lücke springen?

Zum einen gibt es die allgegenwärtige Drohungen, dass die großen Internetunternehmen weitere Bereichen lokaler Informationen übernehmen. Beispielsweise bietet Google derzeit die Daten über Coronainfektionen in meiner Stadt direkt in den Suchergebnissen an. Zum anderen könnten so genannte Nachbarschaftsnetzwerke, zumindest in den Bereich lokale Berichterstattung, wenn auch nicht im Lokaljournalismus, weiter einsteigen: Einige Stadtverwaltungen haben in jüngster Zeit damit begonnen, über die Plattform nebenan.de Informationen zu verbreiten.

 

Interview: Stefan Wirner

 

Die Debatte

Hier geht es zu Matzats Artikel über Automatisierung im Lokalen.

Hier geht es zur Debatte über Matzats Thesen. (2017)

 

Themenwoche neue Medienwelt

Und hier finden Sie alle Beiträge unserer Themenwoche neue Medienwelt.

Lorenz Matzat

leitet die Entwicklungsabteilung bei der Nichtregierungsorganisation AlgorithmWatch in Berlin, die er 2017 mitgründete. Er ist freier Journalist mit dem Schwerpunkt Datenjournalismus. Als Softwareunternehmer arbeitete er an kartenbasierten Informationssystemen.

Veröffentlicht am

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentieren

Bei den mit Sternchen (*) markierten Feldern handelt es sich um Pflichtfelder.