Interview

„Die Zeit der traditionellen Medien könnte bald vorbei sein"

von

Seit einem halben Jahr erscheint die Basler Tageswoche als Online-Ausgabe und einmal wöchentlich im Printformat – finanziert durch eine Stiftung. Das Projekt bringt neuen Schwung in die Medienlandschaft des Stadtkantons, wo die Basler Zeitung (BaZ) in letzter Zeit hart in der Kritik steht. Über das Konzept der Tageswoche sprach die drehscheibe auf dem 2. Schweizer Forum für Lokaljournalismus mit Redakteur Dani Winter.

Aus welchem Impuls heraus ist die Basler Tageswoche entstanden?

In der öffentlichen Wahrnehmung sind wir als Alternative zur Basler Zeitung (BaZ) entstanden, die gerade auf üblen politischen Irrwegen geht (a.d.R: Ende 2011 wurde bekannt, dass die BaZ von Christoph Blocher aus der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP) kontrolliert wird.) Faktisch war die Tageswoche aber schon in Planung, als diese Entwicklung dort begann – das war natürlich Wasser auf unserer Mühle, und es hilft auch weiterhin, wenn es darum geht, neue Leser und Abonnenten zu gewinnen.

Was war dann der eigentliche Grund für das Projekt?

Der Antrieb entstand eigentlich aus dem Gefühl heraus, dass die Zeit der traditionellen Medien bald vorbei sein könnte. Gar nicht unbedingt die Zeit der Printmedien. Sondern der Medien, die Sachverhalte abgeschirmt von ihrem Publikum erzählen, an den Interessen der Menschen vorbei schreiben. In Basel hat es die BaZ als Monopolzeitung, unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung, nicht fertig gebracht, ein Abbild vom Leben in dieser Stadt in seiner ganzen Vielfalt zu zeichnen. Dies zu tun, ist die Idee hinter der Tageswoche. Es wäre übertrieben zu sagen, dass wir das jetzt schon leisten – wir sind aber auf einem guten Weg. Man will sich ebenbürtig begegnen und sich selbst als Mitglied derselben Öffentlichkeit verstehen.

Die Tageswoche erscheint online und jeden Freitag als Printausgabe. Wie nutzt man diese Form des Publizierens, um den Diskurs und die Nähe zu den Bürgern stärker in den Mittelpunkt zu rücken?

Wir nutzen online nicht nur unsere Website als Plattform, sondern auch Facebook und Twitter, dort stellen wir Fragen und versuchen Crowdsourcing zu betreiben. Das hat schon Resultate gezeitigt. Die einfachste Methode, Leserinputs in die Zeitung zu bringen, ist, sie dort zu zitieren, den Leuten auch dort eine Stimme zu geben. Was sie online in Kommentarform äußern, findet seinen Niederschlag auch in grafisch sichtbar gemachten Elementen in der Zeitung. Das gefällt ihnen natürlich.

Ist die Zeitung dann nur noch ein Résumé der Geschehnisse, die online stattfinden?

Nein, die Zeitung steht bei der Produktion stark im Zentrum, auch in der öffentlichen Wahrnehmung ist sie viel präsenter. Nach unserem Konzept ist jeder Zeitungsartikel sofort auch online und dort kostenlos abrufbar. Man sieht ihn dort aber nicht unbedingt sofort. Die Zeitungskäufer sehen einen Webcode unter dem Artikel, eine Short URL, die sie in ihren Browser eingeben. Sie kommen darüber zum Artikel aus der Zeitung, der dort allerdings multimedial angereichert und verlinkt ist. Wir hatten vor kurzem eine Titelgeschichte über die Piratenpartei, die hat sich via Webcode und Online-Verfügbarkeit wie ein Lauffeuer verbreitet. Das ist Teil unseres Konzepts.

Die Kanäle sollen sich also gegenseitig befruchten.

Genau. Wir wollen die Medienkanäle, die wir bespielen, so einsetzen, dass ihre individuellen Stärken optimal zum Ausdruck kommen. Dazu gehört auch eine gut lesbare, schön gestaltete Zeitung, die die fünf Franken wert ist, die wir verlangen.

Existiert dabei langfristig der Gedanke, sich seine Printleser zu Online-Lesern zu erziehen und so den Sprung zu online vollständig zu schaffen?

Eigentlich soll die Tageswoche weiterhin auf zwei Füßen stehen. Wir machen die Zeitung nicht, weil wir denken: Das muss man jetzt noch machen, weil die Leute das gewohnt sind. Das sieht man dem Produkt auch an: Es ist liebevoll und mit Lust an der Arbeit gemacht. Ich selbst komme aus dem Online-Bereich und war am Anfang skeptisch, weil ich dachte, es gebe keine Leute mehr, die Artikel mit über 20.000 Zeichen lesen. Der Erfolg zeigt uns aber, dass es anders ist.

Ist die Tageswoche eine klassische Lokalzeitung? Wie wichtig ist das Lokale?

Das ist mit Abstand der wichtigste Bereich. Wir haben aber in Basel sonst nur eine Monopolzeitung, und die wird von den Leuten immer weniger gern gelesen. Deshalb bieten wir ihnen auch die wichtigsten nationalen und internationalen Entwicklungen und Ereignisse, und helfen, sie einzuordnen. Das Motto ist: Themen, die Leute in Basel beschäftigen.

Wie stark integrieren Sie Hyperlokales? Oder hat dieser Hype in Ihren Augen keine Zukunft?

Doch, wir haben zum Beispiel schon ein Dutzend Blogs, dazu gehören einige Quartierblogs. Wir machen also stadtteilspezifische Sachen, viel mehr allerdings auch nicht. Wir planen keine Splitterausgaben der Zeitung für die einzelnen Quartiere. Ziel ist es, ein Abbild vom Leben in dieser vielfältigen Stadt zu schaffen – und da gehören hyperlokale Elemente dazu.

Was ist die sogenannte Wochendebatte der Tageswoche?

Die Wochendebatte findet, wie eigentlich alle Geschichten, nicht nur online oder print statt. Sie nimmt ihren Anfang in der Zeitung, dort wird ein Thema vorgestellt mit Pro- und Contra-Beiträgen von zwei Debattanten. Die kommen gleichzeitig mit der Zeitung ins Netz, dort können die Leser kommentieren und abstimmen – das passiert freitags. Sonntagmittags legen die Debattanten nach, sie nehmen auf das Bezug, was der Gegner gesagt hat. Die Leser begleiten das, dienstags kommen dann die Schlussworte der Debattanten und freitags wird das Endresultat vorgestellt.

Was bringt diese Form für Diskurs und Demokratie?

Basel ist ein Stadtkanton, also eine Stadt mit eigener Regierung. Wir haben die direkte Demokratie. Wir behandeln in der Wochendebatte also Themen, die die Leute beschäftigen: Schwimmunterricht für muslimische Mädchen, die Senkung der Unternehmensgewinnsteuern, es kann auch mal um den FC Basel gehen. Die Kleinheit der Stadt und die Kürze der politischen Entscheidungswege tragen maßgeblich dazu bei, dass die Leute sich eine Meinung bilden wollen und sich einbringen. Das können sie bei uns, und das machen sie gern. Das ist eigentlich auch eine Grundidee der Tageswoche: zu mehr Pluralität in den Meinungsbildungsprozessen beitragen. Unabhängig davon, ob die Monopolzeitung links oder recht ist, ist es nicht schlecht, wenn es eine weitere Stimme in der Stadt gibt. Und die auch den kleinen Leuten eine Stimme gibt.

Eine Besonderheit am Finanzierungskonzept der Tageswoche ist das Stiftungsmodell, das bisher vor allem in den USA genutzt wird. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie darin?

Ich sehe eigentlich nur Vorteile. Der unabhängigste Verlag ist heute nicht mehr unabhängig. Wir haben das große Glück, dass wir am Ende des Jahres keinem Besitzer eine Yacht oder einen Ferrari finanzieren müssen – darin kann ich keinen Nachteil erkennen. Natürlich müssen wir irgendwann selbsttragend sein, aber wir sind durch die Stiftung voraussichtlich über vier Jahre gesichert.

Und wie unabhängig fühlen sie sich in ihrer Berichterstattung?

Wir fühlen uns total unabhängig. Eine Einflussnahme vonseiten der Stiftung kann ich mir auch zukünftig nicht vorstellen. Es war der Stifterin Beatrice Oeri ein Anliegen, dass es noch etwas anderes gibt als die BaZ. Das gibt es jetzt und damit hat es sich. Sie findet uns als Medium toll, und das freut uns. Aber ich wüsste gar nicht, in welche Richtung ich schreiben müsste, um ihre Präferenzen zu treffen. Ich denke, das Stiftungsmodell muss sich noch etablieren, ich bin da auch eher skeptisch. Unsere Situation ist ein absoluter Glücksfall, vor allem, weil mit der Unterstützung keine Einflussnahme einhergeht.

Interview: Imke Emmerich

Tageswoche (Basel)

Die Erstausgabe erschien Ende Oktober 2011
Finanziert von der Stiftung für Medienvielfalt
Redaktionsleitung: Urs Buess, Remo Leupin
Abo-Auflage 10.000, Verkauf ca. 5.000 (Verlagsangabe)
Online: Unique User ca. 150.000, PI's ca. 1 Mio.
www.tageswoche.ch

Dani Winter

...  ist Redakteur und Online-Koordinator der Basler Tageswoche.

Veröffentlicht am

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Kommentieren

Bei den mit Sternchen (*) markierten Feldern handelt es sich um Pflichtfelder.