Nachgefragt

„Die Zeitzeugen zu Wort kommen lassen“

von Stefan Wirner

Niedergebrannte Synagoge in Chemnitz, 9. November 1938
Niedergebrannte Synagoge in Chemnitz, 9. November 1938 (Foto: Wolf Hoffmann)

Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Wie kann das Thema im Lokalen aufgegriffen werden? Nachgefragt bei Andrea Livnat, leitende Redakteurin des jüdischen Internetdienstes Hagalil.

Frau Livnat, 80 Jahre Reichspogromnacht. Wie könnte in der lokalen Berichterstattung heute noch daran erinnert werden?

Leider gibt es ja immer weniger Zeitzeugen, die noch davon berichten können, wie sie selbst diese Nacht erlebt haben. Aber noch gibt es einige. Mit ihnen muss man sprechen, sie zu Wort kommen lassen. Es ist die letzte Gelegenheit... Außerdem haben viele von ihnen auch Zeugnis abgelegt, in der entsprechenden Literatur, in Archiven, sind sie zu finden. Das erfordert unter Umständen etwas mehr Recherche, aber nichts ist so stark wie die Stimme der Zeitzeugen.


Außer den Menschen sollten auch die Orte, die zerstört wurden, gezeigt werden. Und zwar nicht nur die Synagogen. Wieviele Leser wissen etwa von den jüdischen Geschäften, die es in der Stadtmitte gab? Auch hier gibt es oft in Stadtarchiv und Literatur Bilder, die wenig bekannt sind. 
Wenn wir es schaffen, diese Bilder aus den Archiven und dafür in unsere Erinnerung zu holen, wird es noch klarer: Das ist in unserer Stadt passiert, in unserer Hauptstraße, das waren unsere Nachbarn. Und natürlich muss man auch fragen, was nach dem 9. November passiert ist. Wohin sind diese Nachbarn verschwunden? Und was ist mit dem Geschäft passiert?

Abgebrannte Synagoge in Wiesbaden, 9. November 1938 (Fotograf unbekannt)
Abgebrannte Synagoge in Wiesbaden, 9. November 1938 (Fotograf unbekannt)

Welche Aspekte des Themas werden zuweilen vernachlässigt?

Ich denke, noch stärker thematisiert werden muss die Tatsache, dass diese Nacht nicht nur stattfand, weil „die Nazis“ jüdische Geschäfte zerstörten und Synagogen in Brand steckten, sondern im Wesentlichen auch deshalb, weil alle zugeschaut haben. Im besten Fall zugeschaut, wenn nicht mitgegrölt oder selbst Hand angelegt. Dabei liegt hier ja gerade ein zentraler Punkt, der auch für heute noch relevant ist. Wie konnte es passieren, dass der Hass und die Missgunst die Menschen so sehr vergiftet haben, dass sie die Augen verschlossen, als ihre langjährigen Nachbarn misshandelt und ausgeraubt wurden?

Welche Fehler sollten Lokaljournalisten in der Berichterstattung vermeiden?

Ich denke, die Gefahr liegt genau in dem, was ich gerade angesprochen habe. Die Berichterstattung darf nicht den Fehler begehen, die Pogromnacht ausschließlich als Produkt der Nazi-Zeit darzustellen. Ja, sie war von oben zentral organisiert, ja, beteiligt waren vor allem SA- und SS-Einheiten, sowie Polizei und Feuerwehr. Aber nochmal klar gesagt: Hätte es nicht nur Zuschauer und Mitläufer gegeben, dann wäre diese Nacht anders verlaufen.

Wird heute weniger darüber berichtet als früher? Welchen Eindruck haben Sie?

Ja, auf jeden Fall. In diesem Jahr vielleicht nicht, wegen des runden Jahrestages. Aber insgesamt auf jeden Fall. Das liegt auch daran, dass es die Geschichte so wollte, dass der 9. November noch einmal zum Schicksalstag wurde. Dabei bleibt die Lehre, die wir aus der Beschäftigung mit der Geschichte des Novemberpogroms ziehen sollten, universal gültig.

Interview: Stefan Wirner

 

Zur Person

Andrea Livnat ist leitende Redakteurin des jüdischen Internetdiensts Hagalil.

 

Hier geht es zu Hagalil.

 

Veröffentlicht am

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Kommentieren

Bei den mit Sternchen (*) markierten Feldern handelt es sich um Pflichtfelder.